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Ostprignitz-Ruppin Hans-Karsten Raecke erfindet Instrumente
Lokales Ostprignitz-Ruppin Hans-Karsten Raecke erfindet Instrumente
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00:17 24.08.2016
Vertont und bespielt: die Himmelsscheibe von Nebra. Quelle: Regine Buddeke
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Rheinsberg

Eine Geige spielt wahlweise Mozart oder Minnelieder, Rock’n Roll oder Rhapsodien, Punk oder Polka. Gesetzt den Fall, man beherrscht sein Instrument. Man könnte auch sagen, die Geige spielt, was ihr befohlen wird: durch die Noten und die Fingerfertigkeit seines Besitzers, der sein „Werkzeug“ wortwörtlich für sich instrumentalisiert. Ihr Klangspektrum ist vorgegeben, sie klingt, wie eine Geige eben klingt in allen ihren Klangfarben.

„Warum baut ein Komponist Ins­trumente?“, fragt Hans-Karsten Raecke am Freitagabend die neun Gäste in seiner Rheinsberger Musikbrennerei, die gekommen sind, um sich einige Unikate aus Raeckes Fundus selbstkreierter Instrumente vorstellen zu lassen. Die Antwort liefert er gleich selbst. In den Siebzigern habe er immer wieder Konzerte beim „Warschauer Herbst“ gegeben – einem „Fenster in die Internationale Musikwelt“, wie er es nennt. Dort traf man auf Experimenteure wie Stockhausen und Cage, die Inspiration des Festivals sei immens gewesen. Er habe schnell gemerkt, dass in punkto Komposition viel Innovatives passiere. „Aber beim Klang blieb alles beim Alten.“ Immer dieselben Ins­trumente würden kaum für neue Klangdimensionen taugen, die ihm selber vorschwebten. Alles, was er zu DDR-Zeiten jemals für Orchester geschrieben hatte, durfte er – weil er sich mit der Staatsmacht zerstritten hatte – nicht aufführen. „Dann hatte ich die Schnauze voll und habe nichts mehr für Orchester geschrieben.“ Zumal man da immer von Musikern und Dirigent abhängig sei. „Also habe ich mir ein neues Reservoir von Klängen geschaffen“, erklärt er und stellt die fraglichen Objekte vor.

Das Sopran-Suraphon. Quelle: Regine Buddeke

Das ist spannend, schon weil sie teils abenteuerlich aussehen. Außerdem muss ihnen – anders als der Geige – die Musik auf den Leib geschrieben werden. Raecke schirrt das Pferd vom Schwanze auf. Er baut zuerst das Instrument und wenn dann klar ist, welche Töne es fabriziert, schreibt er die passende Komposition. Etwa beim Tenor-Bambuphon, das er als erstes vorstellt. Es besteht aus einem Bambusrohr – für Raecke ein idealer Baustoff. Man könne es nur nicht stimmen, da jedes Rohr anders klingt. Er hat seine Finger draufgelegt, die Punkte markiert und Löcher gebohrt. Obenauf kam ein Stück metallisches Wasserabflussrohr, darauf sitzt ein gutes, vergoldetes Mundstück eines Tenorsaxophons. „Was dann herauskommt, wird akzeptiert“, so Raecke. „Ich will damit ja nicht Mozart spielen.“ Zehn Töne kann das Bambuphon – aus denen hat Raecke ein Stück entwickelt. Die Partitur dafür sieht genauso ungewohnt aus wie das Instrument. Denn wie soll man Klänge darstellen, die sich nicht in Noten messen lassen? Zirpen oder quietschen, schnarren oder gurgeln, rülpsen oder plätschern? Für jedes Instrument musste Raecke praktisch eine eigene Klangschrift miterfinden – grafische Partitur heißt das und ist oftmals so dekorativ, dass man sie auch rahmen und aufhängen könnte. Raecke spielt das Stück vor. Mal klingt das Bambuphon wie eine Riesenmuschel, mal wie Walgesang, mal wie Sirenen eines Hochsee-Dampfers. Viel Luft strömt um den Ton herum, manchmal klingt der Rhythmus nach Jazz. Damit hat Raecke Erfahrung, jahrelang ist er als Freejazzer durch die DDR getourt. Der Background vom Band umrauscht das Bambuphon in Minimal-Manier wie der Ozean. Das steigert sich, bis sich das Stück in einem kreischenden Inferno entlädt: Apocalypse now, sozusagen.

Die Orion-Harfe. Quelle: Regine Buddeke

Auch die anderen Instrumente erklärt und bespielt Raecke den Neugierigen: die Bambus-Schalmei, das Suraphon aus gebrannter Knetmasse – im Osten hieß die Suralin. Auch in die beiden Zug-Metalluphon hat Raecke Fantasie investiert. Staubsaugerrohre kamen zum Einsatz, eine Taschenlampe, Waschbecken-Trapse. Eins hat Ventile, beide einen Zug wie bei der Posaune. Das lässt spannende Klänge zu, die mal orientalisch, mal sphärisch anmuten. Dann spielt der Meister seine Himmelsscheibe von Nebra, hinter der ein elektronischer Bildklang-Generator sitzt. Und ganz zum Schluss die Orion-Harfe, deren Saiten gezupft und gestrichen werden können, der Rumpf aus Möbeln taugt als Trommel, ein „Igel“ kann gezupft werden – oben sitzen Würstchendosen. „Am besten klingen die von den Halberstädtern“, sagt Raecke verschmitzt und intoniert mit der Orion-Harfe ein skurriles Gedicht des Dadaisten Ernst Jandl.

Von Regine Buddeke

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