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Hebammen klagen über steigende Beiträge

Hausgeburten Hebammen klagen über steigende Beiträge

Im Ruppiner Land und in der Prignitz kann man die freiberufliche Hebammen an zwei Händen abzählen. Viele haben in den vergangenen Jahren aufgeben müssen, weil sie in finanzielle Not geraten sind. Auch Grit Krüger, Hebamme aus Neuruppin, macht sich angesichts der immer weiter steigenden Haftpflichtprämien Sorgen um ihren Beruf.

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Freut sich über jedes Kind: Grit Krüger aus Neuruppin arbeitet seit 20 Jahren als freiberufliche Hebamme.

Quelle: Luise Fröhlich

Neuruppin/Pritzwalk. Grit Krüger macht ihre Arbeit nicht, um damit reich zu werden. Das würde in dieser Region gar nicht funktionieren, sagt die Hebamme aus Neuruppin, die seit 20 Jahren freiberuflich Hausgeburten betreut. Sie macht ihre Arbeit, weil die Frauen sie brauchen. „Für mich zählt nicht, dass ein Kind geboren wird, sondern wie“, sagt Grit Krüger und kämpft dafür über ihre Grenzen hinaus. Die jährlich steigenden Beiträge für die Berufshaftpflichtversicherung zwingen sie in die Knie. Ein Sicherstellungszuschlag soll die Hebammen künftig entlasten und gewährleisten, dass die horrenden Prämien finanziert werden können. Helfen kann dieser Zuschlag nur den wenigsten.

Als Grit Krüger mit der Hausgeburtshilfe angefangen hat, kostete der jährliche Haftpflichtbeitrag, ohne den sie nicht arbeiten darf, 400 D-Mark. Zum 1. Juli 2016 erhöht sich die Summe nun auf 6274 Euro. Die Vergütung hat sich in all den Jahren hingegen nur unwesentlich verändert, sodass die Hebamme bei einem Stundensatz von 7,50 Euro liegt – unter dem gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlohn. Für eine Hausgeburt bekommt sie von den Krankenkassen künftig nur noch 675 Euro anstatt wie zuvor 861 Euro. Etwa zehn Hausgeburten betreut Krüger pro Jahr. „Normalerweise wird es honoriert, wenn man so lange in einem Beruf tätig ist“, sagt sie. Doch mittlerweile fühlt sie sich von den steigenden Kosten und hohen Auflagen für Zuschläge gebeutelt.

Für viele Hebammen ist die Zukunft unsicher

Noch schlimmer seien freiberufliche Beleghebammen dran, sagt Martina Schulze, die Vorsitzende des Brandenburgischen Hebammenverbandes. „Rein rechnerisch müssen die am meisten arbeiten und bekommen am wenigsten Geld für das, was sie leisten“, so Schulze. 18 Geburten müssten die Hebammen im Jahr begleiten, damit es sich rechnet. 2008 reichten sieben Geburten aus, um die Haftpflichtprämie wieder einzuholen. Im Juli 2017 soll die Prämie erneut um elf Prozent auf mehr als 7000 Euro ansteigen. Die Folge: Viele Hebammen haben in den vergangenen Jahren aufgeben müssen und dieser Trend setzt sich weiter fort. Aktuell gibt es laut Zahlen des Brandenburgischen Hebammenverbands nur noch sechs bis acht freiberufliche Hebammen im Landkreis Ostprignitz-Ruppin. „Viele wollen nicht mehr freiberuflich arbeiten, weil die Zukunft zu unsicher ist“, sagt Martina Schulze.

Leidtragend sind dabei aber nicht nur die Hebammen, sondern auch die Frauen, die gerade im ländlichen Raum auf klaffende Versorgungslücken treffen. Kathrin Schröder aus Pritzwalk ist freiberufliche Beleghebamme, das heißt, sie betreut die Schwangeren zu Hause und begleitet sie zur Geburt ins Krankenhaus. „Ich bekomme immer mehr Anfragen aus Rheinsberg, Kyritz oder Neuruppin“, sagt Kathrin Schröder. Sie ist mit Anja Vietz-Hennig in einer Gemeinschaftspraxis in Wittstock tätig und fährt in einem immer größer werdenden Umkreis zu Frauen, die ihre Hilfe brauchen. „Kürzlich kam eine Anfrage aus Protzen, das sind über 60 Kilometer von hier. Es tut mir in der Seele weh, wenn ich absagen muss, aber das schaffe ich zeitlich einfach nicht“, sagt Kathrin Schröder. Die Krankenkasse übernimmt nur die Kosten der ersten 20 Kilometer, den Rest muss die Hebamme allein tragen. Auch sie macht Miese, will aber das Bestmögliche für die Frauen tun.

Viele Ärzte stehen den Hausgeburten kritisch gegenüber

Ein Sicherstellungszuschlag soll den Hebammen dabei helfen, die steigenden Versicherungskosten zu stemmen. Dieser Zuschlag ist allerdings an Bedingungen geknüpft, die aus Sicht der Hebammen sowohl die Rechte der Frauen als auch das Berufsrecht der Hebammen unterlaufen. Für ein Zertifikat muss Grit Krüger künftig ein Qualitätsmanagement führen, in dem sie ihre Arbeit genau dokumentiert. „Das macht mir die Arbeit nicht leichter, sondern schwerer“, klagt sie. Um den Zuschlag überhaupt zu bekommen, muss sie pro Quartal eine Geburt begleiten. Zudem bräuchten Frauen, die drei Tage über dem errechneten Geburtstermin sind, das Einverständnis vom Arzt, wenn sie weiterhin zu Hause gebären wollen. „Das ist ein Eingriff in die freie Wahl des Geburtsortes für die Frauen“, sagt Grit Krüger klar. Zudem sei sie als Hebamme damit von der Beurteilung der Schwangerschaft, zu der sie dank ihrer Ausbildung fähig ist, entmündigt.

Hinzu käme noch, dass viele Ärzte Hausgeburten kritisch gegenüber stehen, sagt Grit Krüger. Mit Müh und Not habe sie einen Gynäkologen gefunden, der mit ihr zusammenarbeitet. „Viele denken, eine Hausgeburt ist unsicherer als eine Geburt im Krankenhaus. Dabei lässt sich das überhaupt nicht wissenschaftlich begründen“, so Krüger. „Wir Hebammen warten doch nicht, bis Mutter und Kind tot sind, ehe wir sie ins Krankenhaus verlegen.“ Außerdem komme sie nie unvorbereitet oder ohne Notfallkoffer. Fast zehn Jahre hat Grit Krüger, bevor sie Hausgeburtshebamme wurde, in der Klinik gearbeitet. Dort sei eine 1:1-Betreuung einfach nicht möglich, weil es der Personalschlüssel nicht hergibt, sagt auch Martina Schulze. Trotzdem ist Grit Krüger froh, dass es die medizinische Betreuung gibt. „Es sollte mehr Hand in Hand gehen und nicht gegeneinander.“

Unterversorgt

Der Grund für den Prämienanstieg liegt laut Deutschem Hebammenverband (DHV) nicht an einer Zunahme teurer Behandlungsfälle, sondern an steigenden Regressforderungen der Sozialversicherungsträger und an einer höheren Klagebereitschaft betroffener Eltern.

Kinder, die geschädigt zur Welt kommen, leben heutzutage immer länger und produzieren so mehr Kosten für die Eltern und Krankenkassen. Die Schadensfälle liegen nur bei etwa ein Prozent, doch Geburten sind sozusagen ein Sonderfall.

Man könne Hebammen schlecht nachweisen, dass sie nicht die Schuld an der Schädigung des Kindes tragen, da man oft nicht wisse, wie die Situation des Kindes vorher im Bauch der Mutter war, so Martina Schulze vom Brandenburgischen Hebammenverband. 30 Jahre lang können Hebammen für Schädigungen angeklagt werden.

Die steigenden Prämien münden in einer Unterversorgung. Viele Mütter bekommen Absagen und finden keine Hebamme, obwohl sie teils schon kurz vor der Entbindung stehen. Eine interaktive Karte im Internet veranschaulicht dieses Problem: www.unsere-hebammen.de/mitmachen/unterversorgung-melden.

Von Luise Fröhlich

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