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Hildegard Muhß ist das Gedächtnis des Ortes

Heiligengrabe Hildegard Muhß ist das Gedächtnis des Ortes

93 Jahre ist sie alt. Hildegard Muhß ist am Leben interessiert und geistig sehr wach. Das zeichnet die betagte Seniorin aus Heiligengrabe aus. Wenn Fragen zur Geschichte des Dorfes kommen, gibt sie immer wieder Auskunft und hilft den Jüngeren weiter. Sie gilt als das Gedächtnis vom Ort.

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Hildegard Muhß ist bis heute ein wandelndes Geschichtsbuch für Ereignisse in Heiligengrabe.

Quelle: Ruch

Heiligengrabe. Ein Arm vom Nadelbach fließt noch immer vor ihrem Haus entlang. Auch wenn Hildegard Muhß dort schon lange die Buschwindröschen vermisst oder nur in der Erinnerung die Sumpfdotterblumen sieht – sie trauert der alten Zeit nicht nach.

„Heiligengrabe ändert sich immer und jedes hat seine Zeit“, sagt die 93-Jährige. Sie ist in Heiligengrabe aufgewachsen, hat in den 1940er Jahren in Wünsdorf und Leipzig gearbeitet, kehrte dann wieder in ihr Elternhaus zurück, heiratete, arbeitete in der Landwirtschaft und lebt bis heute dort. Sie strahlt Zufriedenheit aus und beeindruckt mit ihrem Gedächtnis. Um kaum eine Jahreszahl aus Heiligengrabe oder der weiten Welt ist sie verlegen.

Ein Bild aus der frühen Kindheit

Ein Bild aus der frühen Kindheit: Hildegard Muhß im Alter von zwei Jahren.

Quelle: privat

Von 1929 bis 1937 besuchte sie die örtliche Pantinenschule. Lesen, Schreiben, Rechnen – alles kein Problem. „Ich weiß nicht, wie man lernt, aber irgendwie habe ich ein gutes Gedächtnis.“ Selbst das endlose Gedicht „Die Glocke“ von Friedrich Schiller beherrscht sie nach wie vor. „Mit etwas Hilfe kann ich das noch aufsagen“, so Hildegard Muhß. Kinderspiele? „Murmeln und Kreisel haben wir gespielt, doch wer macht das heute noch?“ Mit Gesang und Schallen war sie mit ihren Mitschülern auf dem Schulhof unterwegs.

Besondere Erinnerungen an den Generalfeldmarschall

Später arbeitete sie mehr als vier Jahre bei den Stiftsdamen Margarete von Witzleben und Auguste von Lindeiner im Kloster Stift und half im Haushalt. „Dort, wo Frau von Lindeiner lebte, befindet sich heute der Klosterladen und das Gebäude heißt auch Lindeinerhaus“, sagt Hildegard Muhß. „Ich war viel mit dem Adel verbunden und lernte auch viele dieser besseren Leute kennen.“ Besonders eindrücklich ist ihr in Erinnerung, dass Generalfeldmarschall Erwin von Witzleben, ein Cousin der Stiftsdame, mehrmals in Heiligengrabe zu Besuch war. „Er war ein sehr angenehmer und freundlicher Mensch, hatte mehrere Kinder und wurde im Zuge des Attentates 1944 auf Hitler zum Tode verurteilt.“ Hildegard Muhß verfolgt bis heute politische Sendungen im Fernsehen und sah erst kürzlich wieder die Schauprozesse im Zuge des Hitlerattentates. Dort erblickte sie auch den später verurteilten von Witzleben wieder.

Bei der Stiftsdame Margarete von Witzleben (links) arbeitete Hildegard Muhß zum Ende der 1930er Jahre

Bei der Stiftsdame Margarete von Witzleben (links) arbeitete Hildegard Muhß zum Ende der 1930er Jahre.

Quelle: privat

Heiligengrabe war früher stark durch das Kloster Stift geprägt. „Es herrschte hier mehr Ehrlichkeit als in anderen Orten“, urteilt Hildegard Muhß. Die Karpfen aus dem längst verschwundenen Teich vom Klostergelände tummelten sich dort ungestört. „Diebstahl gab es nicht, sonst hätten diejenigen ihre Entlassung bekommen.“ Stand die Karpfenernte an, erhielt jede Stiftsdame ein Exemplar. Die sogenannte Kutschersprache, bei der derbe Worte gewechselt wurden, war in Heiligengrabe nicht so sehr wie in anderen Dörfern verbreitet.

Ende 1947 heirateten Hildegard und Paul Muhß. Er war bis 1972 als Bäckergeselle in Heiligengrabe tätig, dann schloss die Backstube und Paul Muhß wechselte in die Landwirtschaft. Das Paar blieb kinderlos. 1991 verstarb Paul Muhß.

Mit Sammelschein zur Blaubeerernte

Die Blaubeerernte in den Wäldern während der Kindheit und Jugend ist Hildegard Muhß noch so präsent wie damals. „Mit dem Zug reisten die Leute aus Groß Pankow oder anderen Orten an und gingen dann mit einem Sammelschein in den Wald. Wer im Stift arbeitete, erhielt den Sammelschein kostenlos.“ Für ein Pfund Blaubeeren gab es 15 bis 25 Pfennige. Ein Händler aus dem Dorf kaufte die Ernte auf, verschloss die Körbe mit Farnkraut und schickte die Fracht mit der Bahn auf die Reise: Über Bölzke, Blumenthal, Neustadt erreichten sie am nächsten Morgen um 3 Uhr den Großmarkt in Berlin. „Und das alles ohne Lkw“, so Muhß.

Im Ruhestand unternahm die rüstige Seniorin 66 Reisen mit Flugzeug und Bus quer durch Europa. Als Plattsprecherin ist ihr ein Erlebnis noch eindrücklich im Gedächtnis. „Auf einer Italienfahrt lernte ich eine Frau aus Tangermünde kennen und wir haben uns auf Platt unterhalten“, sagt sie. Und: „Ich würde gerne im Alltag weiter Platt sprechen, aber mit wem?“ Sie verfolgt in der MAZ, wie rund um Wittstock und Sewekow diese Regionalsprache am Laufen gehalten wird.

„Ich habe immer noch Lebensfreude und bin an vielen Dingen interessiert“, sagt Hildegard Muhß trotz ihrer körperlichen Gebrechen. Durch Reportagen im Fernsehen frischt sie ihre Reiseerlebnisse auf und erinnert sich an viele Touren. „Ich trauere dem vergangenen Leben nicht nach, ich bin kein Mensch mit Trauer.“ Vielmehr zehrt sie jeden Tag von der „Pille der Zufriedenheit“, wie einmal jemand zu ihr sagte.

Von Christamaria Ruch

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