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Hilfspaket für Milchbauern

Neuruppin Hilfspaket für Milchbauern

Brandenburgs Milchbauern warten auf Unterstützung der Politik. Viele kämpfen derzeit um ihre Existenz nachdem die Milchquote abgeschafft wurde und die Milchpreise immer mehr gesunken sind. Nun wurden den Bauern Hilfszahlungen in Aussicht gestellt. Doch wie viel Geld kommt bei den Bauern an?

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Auf knapp 10 000 Liter Biomilch pro Kuh und Jahr beläuft sich die durchschnittliche Leistung der Dabergotzer Herde.

Quelle: Peter Geisler,

Neuruppin. Viele Milchbauern kämpfen derzeit um ihre Existenz. Nach Auslaufen der Milchquote vor gut einem Jahr wird in Europa zu viel Milch produziert, die Preise sind gesunken. Nun stellt die EU-Kommission den deutschen Landwirten 58 Millionen Euro Hilfsgelder in Aussicht und Bundesagrarminister Christian Schmidt will ein Hilfspaket von 100 Millionen Euro schnüren. Doch das wird nach Ansicht des Landwirts Bernd Pieper die Probleme wohl kaum lösen.

150 Millionen Euro sollen Deutschlands Milchbauern bekommen. Das ist eine Menge Geld. Reicht es aus, um die Verluste durch niedrige Milchpreise auszugleichen?

Bernd Pieper : In Deutschland werden jährlich 30 Milliarden Liter Milch produziert. Zurzeit liegt der Milchpreis, den die Milchbauern bekommen, bei 22 Cent, das sind rund 12 Cent pro Liter weniger als vor der Krise. Für die Bauern bedeutet das einen jährlichen Verdienstausfall von 3,6 Milliarden Euro. 150 Millionen Euro sind im Verhältnis zu den Verlusten nur ein sehr geringer Teil, der kaum bei den Bauern ankommen wird. Das Geld fließt zum größten Teil in Liquiditätshilfen; es ist also eigentlich ein Banken-Hilfsprogramm. Dem Bürger wird suggeriert, dass den Bauern geholfen werde; in Wirklichkeit ist das aber ein Witz und ich kann mir nicht vorstellen, dass der Bauernverband so etwas mitmacht. Zumal der Verwaltungsaufwand sehr hoch ist und so wird ein Teil des Geldes auch dort versickern

„Wir müssen uns der Marktwirtschaft stellen“

Viele Milchbauern befürchteten ja, dass mit der Abschaffung der Milchquote die Preise fallen. Hätte man da nicht früher reagieren müssen?

Pieper: Wir wussten schon vor zehn Jahren, dass die Milchquote fallen wird. Es war also klar, dass wir unsere Strukturen den marktwirtschaftlichen Gegebenheiten anpassen müssen. Über 80 Prozent der Milchmenge wird über Molkereigenossenschaften oder Erzeugergemeinschaften der Bauern vermarktet. Organisatorisch erhebt der Bauernverband den Alleinvertretungsanspruch zum Milchmarkt. Wir müssen uns der Marktwirtschaft stellen. Wenn die Landwirte nur 22 Cent für den Liter Milch bekommen, dann sollten auch die Funktionäre des Bauernverbandes nur 50 Prozent ihres Gehaltes, bei 40 Cent jedoch 200 Prozent bekommen. Und wer sich nicht der Marktwirtschaft stellen will, der muss entlassen werden. An der Misere sind wir selbst Schuld, weil wir unseren Verband nicht marktwirtschaftlich strukturiert haben.

„Bis zur fertigen Milchkuh dauert es drei Jahre“

Ist es nicht ein Widerspruch, wenn die Kühe auf immer höhere Milchleistung getrimmt werden, die hohen Milchmengen aber zum Preisverfall führen? Könnte man die Milchmengen nicht drosseln?

Pieper: Natürlich, zum Beispiel durch Verringerung der Kuhzahl, frühes Trockenstellen und restriktive Fütterung in der Spätlaktation. Die Besonderheit der Milchproduktion liegt darin, dass wir im Vergleich zu anderen Produktionszweigen einen viel längeren Produktionsrhythmus haben. Von der Besamung bis zur fertigen Milchkuh vergehen über drei Jahre. Ich kann also nicht von heute auf morgen wirksam eingreifen. Man muss berücksichtigen, dass die Kuh nur dann viel Milch gibt, wenn sie keinen Stress hat und optimal gefüttert wird.

Die Steigerung der Milchleistung ist kostengünstiger, hat aber auch ökologisch sehr positive Auswirkungen. Sie führt zu einem geringerem Futteraufwand und geringeren Kohlendioxid-Emissionen. Pro Liter produzierter Milch sind demnach weniger Ressourcen nötig. Zudem fallen auch die Ausscheidungen von Stickstoff, Phosphor und Methan je erzeugtem Liter geringer aus, wenn sie sich auf größere Milchmengen verteilen. Eine hohe Milchleistung entspricht also unseren Klimazielen. Und das gilt sowohl im konventionellen als auch im Bio-Bereich.

Wäre es nicht günstiger, die Milchkühe ganztags auf der Weide zu halten, das spart doch Futter und reduziert den Pflegeaufwand?

Pieper: Unser Klima erlaubt eine Weidehaltung nur für 4 bis 5 Monate im Jahr – etwa von Ende April bis Mitte September. Mit dem Verkauf von frischer Weidemilch in den Wintermonaten macht sich die Milchindustrie beim Verbraucher unglaubwürdig. Um die Milchleistung nicht völlig absinken zu lassen, bleiben unsere Kühe nur halbtags auf der Weide, denn dort fressen sie nicht ausreichend. Den größeren Teil ihrer Tagesration bekommen sie im Stall. Hinzu kommt, dass eine zu heiße, aber eine zu feuchte Witterung für die Tiere eine Quälerei ist. Sie wollen dann wieder in den Stall. Auch die Euter- und Klauengesundheit wird bei längerem Weideaufenthalt schlechter.

Milchleistung der Kuh lag vor 50 Jahren noch bei 4000 Litern

Aber früher war es üblich, die Kühe ganztags auf der Weide zu lassen.

Pieper: Die Milchleistung einer Kuh lag vor 50 Jahren noch bei 4000 Litern im Jahr, und die Silage war schlecht. Außerdem wurden die Tiere noch im Stall angebunden. Die Weidehaltung war für die Kühe ein Segen, dort hatten sie wenigstens Bewegung. Heute haben wir moderne Laufställe, die dem Tierwohl angepasst sind. Hinzu kommt, dass der Umweltschutz eine größere Rolle spielt und dabei sollte auch berücksichtigt werden, dass die Nitrat- und Stickstoffbelastung des Grundwassers an Tränken und Treibwegen erhöht ist. Zu unseren heutigen Ansprüchen an Umweltschutz, Tiergesundheit und Ressourcennutzung bei der Weidehaltung von Milchkühen haben wir keinen wissenschaftlichen Vorlauf. Wenn wir der Gesellschaft unsere Produktionsverfahren nicht begründen und erklären können, ist das Aktionismus. Wir werden auf lange Sicht beim Verbraucher unglaubwürdig.

Kritisch ist die Lage vor allem für Bauern, die investiert haben und dabei bleiben wollen. Gibt es für sie überhaupt eine Lösung, aus der Talsohle wieder heraus zu kommen?

Pieper: Wer einen neuen Stall gebaut hat, der zahlt schon mal 4 bis 5 Cent pro Liter an die Banken. Wir müssen organisieren, dass wir nur so viel Milch produzieren, dass der Markt nicht überschwemmt wird. Wir haben alles selbst in der Hand.

Welche Rolle spielt die Politik bei der Bewältigung der Milchkrise?

Pieper: Der Staat müsste ein größeres Interesse an einer funktionierenden Landwirtschaft zeigen. Das vermisse ich. Wenn die Leute weniger Geld für Milch ausgeben, haben sie größere Summen für andere Investitionen übrig und davon profitieren wieder andere. Und wenn es den Bauern schlecht geht, dann erwerben Konzerne und Investoren Grund und Boden. 150 Millionen Hilfsgelder – das ist Opium fürs Volk.
InterviewInterview: Cornelia Felsch

Von Cornelia Felsch

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