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Holocaust-Überlebende feiert ihren 95. Geburtstag

Ruppiner Land Holocaust-Überlebende feiert ihren 95. Geburtstag

Inge Deutschkron hat mit viel Glück in Berlin den Holocaust überlebt. Am Mittwoch feierte die deutsch-israelische Schriftstellerin, die 1922 in Finsterwalde geboren wurde, ihren 95. Geburtstag – und zwar ganz bewusst im Ruppiner Land. Denn in Garz lebt ein langjähriger Freund.

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André Schmitz mit der deutsch-israelischen Journalistin Inge Deutschkron, die den Holocaust überlebt hat.

Quelle: Peter Geisler

Garz. Sie setzt zwar vorsichtig und mit Bedacht einen Schritt vor den anderen, doch ihre Stimme ist fest und bestimmt. „Die Eier sind zu klein“, sagt Inge Deutschkron und lacht erfrischend. Im Park tummeln sich einige Hühner.

Die deutsch-israelische Journalistin hat sich am Mittwoch dezent geschminkt und ein farbenfrohes Kleid gewählt. Immerhin feierte Inge Deutschkron, die 1922 in Finsterwalde geboren wurde, am Mittwoch ihren 95. Geburtstag. Dass die Autorin dafür am Nachmittag extra nach Garz gekommen ist, hat einen guten Grund: Sie ist von der Landschaft, den Tieren und der Stille angetan. „Hier sind alle meine Sorgen weg.“ Außerdem wohnt in Garz André Schmitz. Der SPD-Politiker, der von 2001 bis 2006 Chef der Berliner Staatskanzlei und von 2006 bis 2014 Berliner Staatssekretär für Kultur war, ist seit knapp 20 Jahren mit Inge Deutschkron befreundet.

André Schmitz: Ich war wahnsinnig beeindruckt von der Frau

Kennengelernt hat er sie 1990. Da war Schmitz Verwaltungsdirektor des Stadttheater Hildesheim. Das Theater wollte damals das Stück „Ab heute heißt du Sara“, eine Adaption der Autobiografie von Inge Deutschkron „Ich trug den gelben Stern“, aufführen und hatte dazu die Holocaust-Überlebende eingeladen. „Ich war wahnsinnig beeindruckt von dieser Frau“, sagt André Schmitz.

Inge Deutschkron 2013 in der Blindenwerkstatt Otto Weidt in Berlin

Inge Deutschkron 2013 in der Blindenwerkstatt Otto Weidt in Berlin.

Quelle: dpa

Inge Deutschkron hat ein außergewöhnliches Leben hinter sich. Sie wohnte mit ihren Eltern, ihr Vater war ein sozialdemokratischer Gymnasiallehrer, ab 1927 in Berlin. Sechs Jahre später erfuhr sie von ihrer Mutter, dass sie Jüdin sei. Im selben Jahr, nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933, wurde ihr Vater als SPD-Mitglied wegen „politischer Unzuverlässigkeit“ aus dem Schuldienst entlassen. Er unterrichtete danach an einer zionistischen Schule in Berlin, bevor er mit Hilfe einer Cousine zu einem Visum für Großbritannien kam. Der Vater reiste aus und wollte Frau und Tochter schnell nachholen. Aber daraus wurde nichts. Denn am 1. September 1939 begann der Zweite Weltkrieg – Inge Deutschkron und ihre Mutter konnten nicht mehr fliehen. Die zwei Frauen hatten Glück. Durch die Hilfe nichtjüdischer Frauen konnten sie sich in Berlin verstecken. Inge Deutschkron arbeitete von 1941 bis 1943 sogar in einer Blindenwerkstatt in Berlin.

1972 zog sie nach Tel Aviv

„Ich habe damals fantastische Menschen kennengelernt, die mir und meiner Mutter geholfen haben“, sagt Inge Deutschkron. Gleichwohl zog sie mit ihrer Mutter 1946 nach London zu ihrem Vater. Sie studierte Fremdsprachen und wurde Sekretärin bei der Sozialistischen Internationalen, einem Zusammenschluss von sozialistischen und sozialdemokratischen Parteien und Organisatoren. 1954 reiste sie nach Indien, Birma und Indonesien und arbeitete danach in Bonn als freie Journalistin. 1958 wurde sie Korrespondentin für die israelische Tageszeitung Maariw, 1963 nahm sie als Beobachterin am ersten Frankfurter Auschwitz-Prozess teil. Aus Verärgerung über den wieder aufflammenden Antisemitismus in der Bundesregierung zog Inge Deutschkron 1972 nach Tel Aviv, sie hatte bereits 1966 die israelische Staatsbürgerschaft erhalten. Von Deutschland hatte sie erst einmal genug.

Zu den Gratulanten gehört auch der Bundespräsident

Inge Deutschkron, die keine Familie hat, kehrte erst im Dezember 1988 nach Berlin zurück, weil das Grips-Theater eine Adaption ihrer Autobiografie auf die Bühne brachte. Seit 1992 arbeitete sie als freie Schriftstellerin in Tel Aviv und Berlin, seit 2001 lebt sie ganz in der deutschen Hauptstadt. Sie setzt sich seitdem dafür ein, dass Menschen, die Juden gerettet haben, vom deutschen Staat gewürdigt haben. Auf Inge Deutschkrons Initiative wurde der Förderverein Blindes Vertrauen gegründet, dessen Vorsitzende sie ist.

„Ich bin ein Stadtkind“, sagt Inge Deutschkron. Sie unterhält sich immer gern mit Hunden und Babys und genießt zudem die Ruhe im Ruppiner Land. Gleichwohl hat sich die Jubilarin auch über die vielen Glückwünsche zu ihrem Geburtstag gefreut. Denn zu den Gratulanten gehörten ebenfalls Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.

Von Andreas Vogel

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