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Hund verteidigt Frauchen gegen Wildschwein

Rüde Artus wird nach Keilerei zum Sorgenkind Hund verteidigt Frauchen gegen Wildschwein

Weil er sich zwischen sein Frauchen und ein Wildschwein stellte, hat der Hund Artus etliche Blessuren davon getragen. Teure Operation oder Einschläfern – so lauteten die Ratschläge eines Tierarztes. Für Cathleen Wilbers kommt beides nicht infrage. Der Tierschutzverein übernimmt immerhin einen Teil der Tierarztkosten.

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Kathleen Wilbers mit ihrem Malinois-Rüden Artus.

Quelle: Regine Buddeke

Banzendorf. Kathleen Wilbers wirkt nicht wie jemand, der leicht aus der Fassung zu bringen ist. Was ihr und ihrem Hund Artus allerdings am 12. Januar widerfahren ist, hat ihr doch einigermaßen die Sprache verschlagen. Hinter ihrem Haus in Banzendorf führt ein Sandweg aus dem Dorf hinaus, dort wollte sie an besagtem Tag mit Artus Gassi gehen. „Er war angeleint, wir waren ja noch im Dorf­gebiet, gerade mal 50 Meter vom Haus entfernt“, erzählt sie. Außerdem führt der Weg an der Pferdekoppel der jungen Frau vorbei, auf der auch zwei tragende Stuten standen – denen habe sie einen frei laufenden Hund ebenfalls ersparen wollen.

Im Nebel sah sie das Schwein nur schemenhaft

An diesem Tag war Nebel. Kathleen Wilbers hörte es im Gehölz knacken. Nur schemenhaft sah sie, dass sich ein dunkles Etwas von der Seite näherte. „Bis ich überhaupt erkennen konnte, was das war, stand es schon drei Meter vor uns“, erinnert sich die 29-Jährige an das urplötzlich aufgetauchte, ausgewachsene Wildschwein. „Ich stand wie erstarrt“, sagt sie. Artus, ein nicht eben kleiner Mali­nois-Rüde, stellte sich schützend vor sein Frauchen und bellte laut. „Statt wegzulaufen, kam das Wildschwein direkt auf uns zu.“ Hund und Schwein verkeilten sich inein­ander, das Wildschwein verhakte sich in einer Schlaufe der Leine, beide Tiere gingen durch. „Auf einmal lag ein Stück vom Hunde-Geschirr am Boden, der Rest hing am Hund.“

Das zerrissene Hundegeschirr

Das zerrissene Hundegeschirr.

Quelle: Regine Buddeke

Kathleen Wilbers ist immer noch sprachlos, wenn sie das zerrissene Geschirr betrachtet. „Dass ein Wildschwein so viel Kraft hat, habe ich nicht gedacht.“ Kurze Zeit später lag Artus jaulend vor ihr, hielt die Pfote hoch. Kathleen Wilbers holte ihren Vater, beide brachten den Hund zur Tierärztin, die Artus jedoch lediglich notdürftig versorgte. „Wird wohl nicht so schlimm sein“, sagte man ihr.

„Aber es wurde schlimmer“, sagt Kathleen Wilbers. Artus, der auch eine Kopfwunde hatte, bekam Fieber, lief nur noch auf den kompletten Vorderläufen, um die Ballen zu schonen. Ein weiterer Tierarzt, den die junge Frau hinzuzog, röntgte das Tier, konnte aber keine Brüche feststellen, obwohl die Pfote immer dicker wurde. Ein Besuch bei einer Chirurgin in Berlin-Buchholz brachte die Diagnose: wahrscheinlich Bänder und Sehnen gerissen. „Dabei hat die Tierärztin nur die Röntgenbilder angeschaut und Artus gar nicht weiter untersucht“, sagt die junge Frau mit einiger Skepsis in der Stimme. Man könne operieren oder das Tier einschläfern, bekam sie zu hören.

Eine Operation würde 2800 Euro kosten

„Da bin ich erst mal aus allen Wolken gefallen“, berichtet die junge Frau, die vor gerade mal einem Jahr Artus’ Bruder einschläfern lassen musste. Er sei von Unbekannten vergiftet worden, sagt Kathleen Wilbers. Noch mehr klappte ihr der Unterkiefer herunter, als sie die Kosten der Operation erfuhr: etwa 2800 Euro. „Das kann ich nicht bezahlen“, sagte sie – eine Ratenzahlung wurde nicht akzeptiert. Kathleen Wilbers fuhr erst einmal nach Hause. „Ich war jede Woche dreimal beim Arzt“, sagt sie. Schon bis dahin sind Behandlungskosten von knapp 500 Euro angefallen: Geld, das die junge Frau nicht hat. In ihrer Not rief sie beim Besitzer des angrenzenden Waldstücks und bei allen möglichen Ämtern an. Doch überall habe es nur geheißen: „Dafür sind wir nicht zuständig.“ Oder auch: „Wild ist herrenlos – insofern ist rein rechtlich auch niemand schadenersatzpflichtig.“

Schonhaltung

Schonhaltung: Artus versucht seit der Auseinandersetzung mit dem Wildschwein, seine Läufe zu schützen.

Quelle: Regine Buddeke

Das bestätigt auch Revierförster Pierre Gulz, der sich den Hund anschaute. Ihn wundert lediglich, dass das Wildschwein überhaupt angriff. „Sehr außergewöhnlich! Das machen die Tiere nur, wenn sie verletzt sind oder Junge haben.“ Dass der Hund indes arg zu Schaden gekommen ist, war auch für den Förster ersichtlich. Er arrangierte den Kontakt zum Tierschutzverein Ostprignitz-Ruppin. Der entschloss sich, Kathleen Wilbers zu helfen, und übernimmt einen Teil der bislang entstandenen Tierarztkosten. Außerdem hat der Verein inzwischen den Kontakt zu einem weiteren Arzt gesucht, um zu schauen, ob die „große OP“ wirklich nötig wäre. „Ich gehe davon aus, dass es auch noch andere Möglichkeiten gibt, dem Tier zu helfen“, sagt Susanne Böhme vom Tierschutzverein.

Der Rüde ist schon zehn Jahre alt

Immerhin, sagt auch Frauchen Kathleen Wilbers, sei Artus jetzt seit 14 Tagen ohne Schmerzmittel. „Es scheint ihm nichts weh zu tun“, sagt sie und bezweifelt trotz der augenscheinlichen Gehbehinderung, die der Hund nach wie vor hat, die Sehnen-Diagnose. „Ich bin gelernte Pferdewirtin – ich weiß, wie sich zerrissene Sehnen auswirken.“ Zwei jeweils dreistündige Operationen samt halbjähriger Rekonvaleszenz will sie ihrem Liebling eher nicht zumuten. „Er ist schon zehn Jahre alt. Und keiner konnte mir zusichern, dass er nach der OP wieder okay wird.“

Das sieht auch Susanne Böhme so. „Rein wirtschaftlich gesehen, ist es schon Wahnsinn“, sagt sie angesichts der Kosten. Andererseits habe der Hund sein Frauchen beschützt und womöglich gerettet. „Das geht einem schon an die Nieren“, sagt sie. Im Tierschutzgesetz stehe sinngemäß: Wenn einem Tier geholfen werden kann, darf es nicht eingeschläfert werden. Es steht in Deutschland unter Strafe, ein Tier ohne vernünftigen Grund zu töten. Kathleen Wilbers möchte ihren Hund nicht aufgeben. „Er hat Lebenswillen“, sagt sie.

Von Regine Buddeke

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