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Hungern soll in Neuruppin niemand

Ansturm bei den Tafeln Hungern soll in Neuruppin niemand

Zu Weihnachten steigt die Zahl der Bedürftigen für die Tafeln regelmäßig an, aber in diesem Jahr ist die Ausgangslage eine andere, denn Hunderte bedürftige Flüchtlinge müssen mitversorgt werden. Regional ist die dadurch entstehende Belastung sehr unterschiedlich: In Rheinsberg etwa hat es regelrechte Anstürme gegeben.

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Doreen Gudat und Mitarbeiter Torsten Kleemann sortieren das Obst und Gemüse, das später an die Bedürftigen ausgegeben wird.

Quelle: Peter Geisler

Neuruppin. Frank Adelmann weiß gerade nicht, wo ihm der Kopf steht. Viel zu tun haben der Chef der Neuruppiner Tafel und seine Kollegen das ganze Jahr über. „Aber jetzt vor Weihnachten konzentriert sich bei uns alles noch mal“, sagt Adelmann. In den Tagen vor dem Fest kommen besonders viele bedürftige Menschen, um sich mit Lebensmitteln einzudecken, die sie sich im Laden kaum leisten könnten. Zwischen 60 und knapp 90 sind es jeden Tag.

Die Tafel in Neuruppin ist für viele die einzig bezahlbare Möglichkeit, ihren Lebensmittelbedarf zu decken. Die ganze Woche über sind Mitarbeiter auf festen Touren bis nach Berlin unterwegs und klappern Bäckereien, Supermärkte und Lebensmittellager ab auf der Suche nach Produkten, die die Läden nicht mehr verkaufen können, die aber zu schade sind, um sie wegzuwerfen. Die Neuruppiner Tafel ist eine von 14 im Land Brandenburg, die der Arbeitslosenverband betreut. Die geringe Zahl täuscht: Viele Tafeln versorgen mehrere Orte. Die Neuruppiner betreiben Lebensmittelausgaben in vier Gemeinden: am Bullenwinkel in Neuruppin, in Protzen, in Lindow und in Rheinsberg.

„Zu Weihnachten sinkt bei vielen erfahrungsgemäß die Hemmschwelle, Hilfe anzunehmen“ sagt Jens Rode, der Geschäftsführer des Arbeitslosenverbandes Brandenburg. Wer ein Lebensmittelpaket von der Tafel bekommen will, muss nachweisen, dass er es wirklich braucht. „Bedürftig“ ist jeder, der als Alleinstehender weniger als 850 Euro netto im Monat verdient. Bei Haushalten mit mehreren Personen liegt die Grenze entsprechend höher. „Rentenbescheide liegen oft darunter, Hartz-IV-Bescheide fast immer“, sagt Doreen Gudat, die die Tafel in Neuruppin zusammen mit Frank Adelmann leitet.

„Wir behandeln alle gleich“, sagt der Chef der Neuruppiner Tafel

Vier Euro kostet eine Kiste mit 15 Kilo Lebensmitteln normalerweise. Jetzt vor Weihnachten gibt es kostenlos eine Tüte mit Zucker, Mehl und anderen Produkte dazu. In diesem Jahr stieg der Bedarf aber weniger durch Weihnachten als viel mehr wegen der Flüchtlinge. „Zu uns kommen auch immer mehr Asylbewerber“, sagt Adelmann. Sie haben denselben Anspruch auf Unterstützung. „Wir wollen Asylanten genauso behandeln wie alle anderen“, sagt der Chef der Neuruppiner Tafel.

In den vergangenen drei Monaten haben sich durchschnittlich 17 Asylbewerber bei der Neuruppiner Tafel vorgestellt, 180 in Rheinsberg und vier in Protzen, darunter auch viele Kinder. „Die Mehrbelastung, die von Flüchtlingen ausgeht, ist regional unterschiedlich“, sagt Jens Rode. Es hänge vor allem davon ab, ob eine Unterkunft in der Nähe der Ausgabestelle ist, so etwa in Rheinsberg. Noch extremer aber ist der Anstieg in Luckenwalde (Teltow-Fläming), wo sich in den vergangenen drei Monaten etwa 500 Flüchtlinge zusätzlich zu den Bedürftigen angemeldet haben. „Wir wollen bedürftige Deutsche und bedürftige Asylbewerber auf keinen Fall ungleich behandeln. Wer Hilfe braucht, soll sie auch kriegen, egal wo er herkommt“, so Rode weiter.

Die Neuruppiner Tafel braucht einen Kühltransporter

Aber die Sprachbarriere macht das oft nicht leicht. Viele Flüchtlinge sprechen kaum Deutsch; die Mitarbeiter der Tafel oft wenig Englisch, von Französisch oder gar Arabisch ganz zu schweigen. Wer eines der Lebensmittelpakete von der Tafel bekommen will, muss sich zuvor zwingend registrieren lassen und bekommt dann eine Nummer. Allein das Prozedere zu verstehen, fällt Flüchtlingen oft schwer. In Rheinsberg führte das schon zu einem solchen Ansturm, dass einheimische Kunden der Tafel fürchteten, nicht mehr genug abzubekommen, sagt Adelmann. „Inzwischen haben wir das gelöst“, versichert er. Aber die Sprache bleibt ein Problem: Wenn es zum Beispiel für Kinder vor Weihnachten kleine Geschenke gibt, bleiben Flüchtlingsfamilien oft außen vor. Viele verstehen nicht, dass sie auch ihre Kinder anmelden müssen, um Unterstützung zu bekommen. „Das tut uns total leid“, sagt Adelmann: „Wir sehen doch, dass da Kinder sind und dass sie genauso große Augen machen wie die deutschen Kinder.“

Die Spenden sind laut Arbeitslosenverband auf einem Level geblieben. Lebensmittel kommen hauptsächlich von regionalen Discountern, aber auch aus überregionalen Märkten. Diese Waren müssen meist aus Logistikzentralen in Berlin abgeholt werden, was weite Wege für die Betreiber der Tafeln bedeutet. Die Neuruppiner haben nur einen Wunsch. Frank Adelmann traut sich kaum ihn auszusprechen: „Wir bräuchten noch einen Kühltransporter.“ Vor allem im Sommer sind viele Supermärkte nur noch bereit, Lebensmittel abzugeben, wenn die in einem Kühltransporter abgeholt werden.

Von Reyk Grunow und Luise Fröhlich

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