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„Ich komme mir vor wie ein Ausstellungsstück“

Sofia Grossert aus Lindow ist 100 Jahre alt geworden und ein wacher Geist geblieben „Ich komme mir vor wie ein Ausstellungsstück“

Angst vor dem Sterben? Die hat Sofia Grossert mit 100 Jahren nicht: „Nein, ich freue mich auf das, was kommt. Ich bin neugierig“, sagt die alte Dame. Sie hat eine Wohnung im Kloster Lindow und feiert in ihrer langjährigen Heimat Karwe am Ruppiner See. Wie man so alt wird? „Tue recht und scheue niemanden“, sagt die Jubilarin.

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Sofia Grossert wird am Sonnabend 100 Jahre alt.

Quelle: Christian Schmettow

Lindow. Dass sie einmal 100 Jahre alt werden würde, hat sich Sofia Grossert nicht träumen lassen, als sie mit Anfang 60 ihre Arbeit aufgeben musste – aus gesundheitlichen Gründen. Sie wurde damals geheilt. Heute ist die alte Dame elegant wie eh und je. So kennt man sie seit 16 Jahren in Lindow, wenn sie erhobenen Hauptes durch das Städtchen läuft und am gesellschaftlichen Leben teilnimmt. Nur der Trubel um ihre Person ist ihr unangenehm: „Ich komme mir vor wie ein Ausstellungsstück“, sagt sie zur Begrüßung. „Dabei gibt es 17 000 Hundertjährige in Deutschland.“

Nicht viele sind aber noch so fit, haben so einen wachen Geist wie Sofia Grossert, die am Sonnabend in Karwe ihren 100. Geburtstag feiert. Bis vor drei Jahren lief sie in zwei Stunden einmal um den Wutzsee. Noch heute geht sie zum Alterssport, zum Kartenspielen und löst Kreuzworträtsel. „Ich habe Zeit“, sagt sie, „aber keine Langeweile.“

Karwe, darauf hat sie bestanden, als ihre Verwandten meinten, unbedingt ihren 100. Geburtstag feiern zu müssen. An Karwe hängt ihr Herz, dort hat sie gelebt, bis sie vor 16 Jahren in eine betreute Wohnung im Kloster Lindow zog. Ihre schönen alten Möbel und ihre Vorhänge nahm sie mit, um etwas Vertrautes um sich zu haben. Anfangs vermisste sie ihren Garten. Aber Bücken, das wäre heute ohnehin nicht mehr drin.

„Ich habe Ururenkel, aber man sieht sich nicht mehr“, sagt Sofia Grossert. Ihr jüngster Bruder lebt noch – eines von drei Geschwistern, und ihre beiden Kinder. Die Namen der drei Enkel, fünf Urenkel und der ersten beiden Ururenkel hat sie alle im Kopf. Ärzte sind darunter, die meisten leben in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern.

Es war Sofia Grosserts Ehrgeiz, ihre Kinder und Enkel studieren zu lassen. Als junges Mädchen wollte sie selbst auf die Universität, doch ihr Vater mochte davon nichts wissen: „Frauen heiraten. Lieber schmeiß ich mein Geld in den Bach, da höre ich es wenigstens klickern“, habe er gesagt.

Sofia Grossert wurde am 11. Juli 1915 in Neuss bei Düsseldorf geboren, eine Hausgeburt an einem Sonntag. Ihr Vater war Papiermacher und wurde oft versetzt. Ihre Kindheit und Jugend verbrachte Sofia Grossert in Okriftel am Main, in Hohenofen bei Neustadt (Dosse), in Buxtehude, in Glücksstadt an der Elbe, im schwäbischen Eislingen, im schweizerischen Luzern, in Neustadt an der Weinstraße und im niederländischen Nijmegen. Ihre Mutter sorgte stets dafür, dass sie gute Schulen besuchte.Von Nijmegen kam sie als junge Dame mit Hut und Stöckelschuhen zurück nach Schleswig-Holstein zum Reichsarbeitsdienst. Die Straßen waren ungepflastert, die hochhackigen Schuhe musste sie schnell wieder ausziehen.

Von Bad Segeberg zog sie nach Neuruppin und begann in der Schäferstraße eine Gastronomie-Lehre. Es war 1936, das Olympiajahr – viele ausländische Gäste kamen. Gastronomen waren gefragt. Sofia Grossert kam nach Altfriesack in die Fischerhütte („Die sah damals aber anständig aus“) und heiratete den Wirt – aus Unerfahrenheit, wie sie heute sagt, und bekam zwei Kinder. In den 1950er Jahren wurde die Ehe geschieden, in den 60er-Jahren heiratete sie erneut: den Lehrer Paul Grossert aus Karwe. Die Ehe verlief kinderlos, aber glücklich bis zu Paul Grosserts Tod im Jahr 1977. Sofia Grossert fand Arbeit in den Kliniken in Sommerfeld als Küchenleiterin und als Ökonomin. Ihr Mann, der Lehrer, unterstützte sie beim Fernstudium. An die Angst vor der Prüfung erinnert sie sich noch heute.

Eigentlich hatte sie gar nicht wieder heiraten wollen. Aber die Zeiten waren andere als heute. Der LPG-Vorsitzende verhörte damals den Lehrer, in dessen Haus die beiden schliefen. „Ich oben, Sofie unten“, sagte der Lehrer. „Det globst du doch wohl selber nicht“, antwortete der LPG-Vorsitzende und kletterte nachts angetrunken an der Antenne des Lehrerhauses hoch, um ins Schlafzimmer zu schauen. Die Antenne brach ab, und das noch unverheiratete Paar schaute erstaunt aus den Fenstern: der Lehrer im Obergeschoss, Sofia aus dem Paterre.

Die Moral war gewahrt. Auch in einem tragischen Fall aus den 1930er-Jahren in Hohenofen, an den sich Sofia Grossert erinnert: Die Tochter des Fabrikbesitzers verliebte sich unstandesgemäß in den Sohn des Gärtners. Die unglücklich Liebenden verschwanden und wurden gefunden – mit zwei Gewehren: sie tot, er wimmernd mit einem Schuss im Auge. Ein missglückter Freitod. Dem Fabrikbesitzer tat das hinterher unendlich leid: „Ich hätte den Jungen doch etwas lernen lassen!“ Der Gärtnerssohn soll erblindet bis vor wenigen Jahren in einem Heim gelebt haben.

Hat man mit 100 Jahren Angst vor dem Tod? „Nein“, sagt Sofia Grossert, „Ich freue mich auf das, was kommt. Ich bin neugierig.“ Die Feier in Karwe mit Gottesdienst ist für die alte Dame auch ein Abschied. Sie glaubt an Gott. Wie man überhaupt so alt wird, dafür hat sie ein einfaches Rezept: „Leben! Ganz einfach leben! Tue recht und scheue niemanden!“

Bei ihrer Arbeit in Sommerfeld fragte sie sich oft: „Wem nützt deine Arbeit?“ Die Partei wollte einen Patienten heilen, damit er wieder arbeiten kann. „Ich wollte einfacht, dass der wieder gesund wird“, sagt Sofia Grossert.

Von Christian Schmettow

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