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Ostprignitz-Ruppin Immer wieder Hexendorf
Lokales Ostprignitz-Ruppin Immer wieder Hexendorf
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00:16 15.08.2016
An beiden Enden der Dorfdurchfahrt weisen Schilder auf das ehemalige Hexendorf hin. Quelle: Matthias Anke
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Sieversdorf

Kiefernzweige wippen im Wind. Die Grashalme biegen sich entlang der Waldkante, wo ein Kartoffelacker ansetzt. Dunkle Wolken ziehen über ihm auf. Jetzt einfach mit den Fingern schnippen und fast 350 Jahre zurückreisen in die Vergangenheit müsste man können, um zu erfahren, was an dieser Stelle einst wirklich geschah – im Sieversdorfer Hexenwald.

„Früher gab es hier eine Erhebung, den Rhinowberg, nicht zu verwechseln mit den Rhinower Bergen, sondern eben nach Bauer Rhinow benannt“, erklärt Michael Deylitz. Der Sieversdorfer Heimatforscher verweist auf den kleinen Kiefernwald, der dort heute wächst, und zwar am südlichen Ortsende westlich der Bundesstraße. Einige Meter davon entfernt schlängelte sich vor ihrer Kanalisierung einst die alte Dosse entlang. Heute ist das nur noch anhand etwas anderer Vegetation zu erahnen. Und auch vom Rhinowberg ist längst nichts mehr zu sehen. Der Sand soll abgetragen worden sein zu Zeiten des Sieversdorfer Kirchenbauses Mitte des 18. Jahrhunderts. „Wer ein bisschen am Putz kratzt, stößt vielleicht auf einen Knochensplitter der Hexe. Scherz. Das sage ich manchmal nur spaßeshalber“, unkt Deylitz. Denn auf jenem Berg soll 1669 eine Frau als Hexe verbrannt worden sein. In Wahrheit soll der Sand weniger in den Kirchenbau verbracht worden sein, als vielmehr ins alte Dossebett – zur Landgewinnung.

Ausgerechnet Sieversdorf trägt den Beinamen Hexendorf

„Es gab landesweit damals so viele Hexenprozesse, eigentlich in fast jedem Ort. Ausgerechnet Sieversdorf aber trägt den Beinamen Hexendorf“, sagt Deylitz. Damit immer wieder in Verbindung gebracht zu werden, findet er „lästig“. Allerdings sei das mit Blick auf Touristen heutzutage auch „zwiespältig zu sehen“. So grüßen zwei Schilder alle Gäste an den Ortseingängen: „Herzlich willkommen in Sieverdorf, dem ehemaligen Hexendorf!“ Das Wörtchen „ehemalig“ suggeriert: Hier leben längst keine Hexen mehr. Doch der Mythos wird aufrecht erhalten: Der regionale Tourismusverein „Dosse-Seen-Land“ hatte bei seinen letzten sogenannten 48-Stunden-Aktionen als touristische Kennenlernfahrten stets einen Stop in Sieversdorf im Programm – inklusive Hexengeschichten. Eine Pension gab sich dort den Namen „Hexenhof“. Das Dorffest 2013 stand ausgehend von der Hexenhistorie unter dem Motto „märchenhaftes Dorffest“. Die Sieversdorfer Laienspielgruppe „Ulknudeln“ trat hin und wieder schon in Hexenkluft auf. Und ein international erfolgreicher Riesenschnauzer-Züchter, dessen Gehöft sich unweit der sagenumwobenen Stelle der Hexenverbrennung befindet, nennt seinen Zwinger „vom Hexenwald“. Es gibt seither Riesenschnauzer vom Hexenwald.

Dorfchronist Michael Deylitz an der Stelle, an der sich einst ein Hügel erhob und heute das „Hexenwäldchen“ wächst. Quelle: Matthias Anke

Mit dessen Geschichte wird auch für Fahrradtouren vonseiten des Nachbarlandkreises Havelland aus immer wieder gelockt. „Es gab drei Hexenprozesse. Genau genommen aber betraf am Ende nur einer uns“, erklärt wiederum Deylitz. Die Fälle stehen im Internet beschrieben. Deylitz veröffentlichte zudem bereits einiges darüber in alten MAZ-Heimatbeiträgen. Und schon im Buch „Geschichte von Sieversdorf bei Neustadt für die Bewohner von Sieversdorf und andere Freunde vaterländischer Dorfgeschichte, zusammengestellt von G. W. Schinkel“ von 1875 ist diesem Thema ein ganzes Kapitel gewidmet. Demnach beschuldigte einst Marie Schröder, Tochter eines Bauern in Sieversdorf, eine Marie Müller, verehelichte Rhinow, mehrfach wegen Zauberei. Als „Hexe“ brannte diese daraufhin 1669 auf dem Rhinowberg, gelegen etwa 100 Meter hinter dem heutigen Grundstück Sieversdorf, Hauptstraße 70, am Lehmweg – wo heute das Wäldchen wächst. Weil der Prozess um Marie Müller langwierig war, muss er sich besonders im Sieversdorfer Gedächtnis eingebrannt haben. Die damals in den Fall eingebundene Juristenfakultät Helmstedt hatte laut Michael Deylitz schließlich gefordert, „das verborgene Laster der Hexerei sei nicht bloß im Allgemeinen, sondern genau zu erforschen“.

Einige Jahre zuvor hatte es bereits eine Verwandte Marie Müllers getroffen. Es heißt in Prozessakten, 1660 sei die damals 60-jährige Hedwig Müller, eine verehelichte Berendt, Bauersfrau in Neustadt-Köritz, „daselbst“ verbrannt worden. Sie habe bei einer Folter zugegeben, ihr krankes Vieh gebötet zu haben und zudem „dem Teufel in leibhaftiger Gestalt sich antrauen lassen“. Aus den alten Akten geht jedoch auch hervor, dass der Folter nicht nur das Geständnis folgte, sondern ein Widerruf, erneute Folter, ein weiteres Geständnis, ein Widerruf und so weiter. Schließlich soll die vermeintliche „Hexe“ um den Tod gebeten haben – klar: um weiterer Folter zu entgehen.

Der erste Prozess aus dem Jahr 1620 hat ebenso nur partiell mit Sieversdorf zu tun: Ilse Möller hatte sich nach Brunne mit Bauer Hans Kruse verheiratet. Sie war in Sieversdorf in der Erntezeit 1619 mit ihrer Nachbarin Greta Rinow in Streit geraten, weil Letztere ihr Schwein so geschlagen hatte, dass es lahm wurde und starb. Um sich zu rächen, mischte Ilse Möller ihr angeblich Rattengift ins Essen. Sie wurde in Brunne gefangen genommen, soll dort im Prozess Hexerei zugegeben haben, und wurde daraufhin verbrannt.

Brunne, Köritz, Abertausende andere Orte und eben Sieversdorf: Ausgerechnet dieses so ruhige Dorf am Südwestzipfel des Landkreises Ostprignitz-Ruppin trägt Hexengeschichte heute nun wie kein anderer Ort in seinem Namen – wie einen Markennamen.

Von Matthias Anke

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