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In Kyritz bekannt wie Bassewitz

Mann im Glück In Kyritz bekannt wie Bassewitz

Das Leben hielt für ihn schon viele Rollen bereit: Eckhard Kutzer war nicht nur Autoschrauber, Bootsverleiher und Herzpatient – sondern auch Mime, Chef, Stückeschreiber und Regisseur der Amateurtheatertruppe „Kyritzer Knattermimen“. Seine Paraderolle: der Raubritter Kurt von Bassewitz.

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Eckhardt Kutzer (2.v.r.) im Kreise seiner Theaterleute, der "Kyritzer Knattermimen".

Quelle: Matthias Anke

Kyritz. Es ist der 11. Dezember 1989. Der 34-jährige Eckhard Kutzer hat versprochen, seine Frau zum Arzt zu fahren. Sorgen macht er sich keine. „Sie war mit einer Untersuchung dran“, erinnert er sich. „Alles Routine“. Aber warum ist ihm bloß so mulmig? Im Wartezimmer wird es schlimmer. „Mein Gott, Sie sind ja kalkweiß. Kommen Sie mal mit. Ich messe Ihren Puls“, sagt die hin- und her huschende Schwester. Als sie keinen Puls ertastet, holt sie den Doktor. Der entscheidet sofort: „Rufen Sie die Rettung an!“ Im Krankenhaus zeigt das Elektrokardiogramm die bekannten Ausschläge - dann einen Strich. Beim EKG ist das Herz plötzlich stehen geblieben. Kutzer muss reanimiert werden. Dieser Montag ist ein Glückstag. Für Eckhard Kutzer beginnt danach ein Behandlungsmarathon. Weshalb die Pumpe plötzlich streikte, kriegt vorerst keiner raus. Ärzte sprechen von Kammerflimmern. Fakt ist: Das Herz hat SOS gefunkt. Das könnte jederzeit wiederkommen. „Lieber Gott, lass mich wenigstens 50 werden“, fleht der gläubige Christ in stillen Gebeten. Irgendwann ist dann die Medizin soweit, dass sie Gottvater mit moderner Technik bei Laune halten kann. Mitte der 90er Jahre wird dem Kyritzer ein Defibrillator unter die Haut gepflanzt. Er schafft das halbe Jahrhundert. Die Feier zum 50. wird laut und lustig. Bis sich zu später Stunde ein ungebetener „Gratulant“ meldet. Hat sich sein Herz den Zeitwecker gestellt? Es streikt. Was nun passiert, spielt sich in Bruchteilen von Sekunden ab. Der Jubilar sackt plötzlich zusammen. Aber der Defi ist auf Zack. Ein kurzer Schlag rettet dem Geburtstagskind das Leben. „Bin ich nicht ein Glückskind?“ Eckhard Kutzer beantwortet sich die Frage gleich selbst. „Keine Frage ...“ Und er sinniert: „Eigentlich bin ich immer von einem Glück ins andere gestolpert.“

So spricht ein Optimist, einer, der sich mittlerweile über sechs Jahrzehnte an seinem Leben versucht, vergangene Dekade ohne jeden ernsten Zwischenfall. Aber wer stolpert, kann auch fallen. Schon vergessen, Ecki im Glück? Der nickt. „Manchmal sah es am Anfang wirklich nicht gut aus. Irgendwie hatte ich dann aber meistens das gute Ende für mich. Ich habe beschlossen, dass mein Glas nie mehr halb leer, sondern immer halb voll sein soll. Und was ich mache, das mit ganzem Herzen, selbst wenn es mal bockt.“ Also tut er so, als wenn es den Wiederbeleber in seinem Körper nicht gibt, tut alles, wozu er Lust verspürt, fühlt sich geerdet. Dazu passt der Spleen, sich von Neujahr bis Silvester die Socken zu sparen. Ausnahmen macht der Barfußgänger nur in Kirche und Gaststätte oder auf der Bühne. Ansonsten liebt er es, selbst bei Radtouren über 70 oder 80 Kilometer unten ohne zu sein. Das härtet ab, hat mit Glück allerdings wenig zu tun. Anders verhält es sich mit Ehefrau Karin und seit mehr als 20 Jahren mit seiner zweiten großen Liebe, den „Kyritzer Knattermimen“. Eckhard Kutzer ist ihr Chef. Zwar hatte er sich für 2015 selber eine Auszeit verordnet, doch hielt er hinter den Kulissen die Strippen in der Hand und seine „Großfamilie“ zusammen. Sie lebt verstreut im Umkreis von hundert Kilometern, steht aber immer in Kontakt miteinander. Wer auf der Bühne spielen will, muss proben. Außer in einer Sommerpause trifft man sich dazu zweimal im Monat in Kyritz. Gespielt werden Stücke von Arthur Miller, Tennessee Williams, Heinrich von Kleist und auch von Eckhard Kutzer. Danach wird gemeinsam gegessen, was Karin Kutzer im dampfenden Kessel anrührte. Auch so kann Glück aussehen. Das Schöne daran ist, dass sie sich alle selber überraschen mit dem, was sie darstellen, wenn sie in ihre Rollen schlüpfen. Mal ein ganz anderer sein - nur die wenigsten haben wohl als Steppkes davon zu träumen gewagt. Eckhard Kutzer auch nicht. Der Knirps wollte Weltreisender werden. Die Idee wuchs mit ihm mit. Als Klein-Ecki aus der abgewetzten Lederbuxe rausgewachsen war, hatte er sich einen handfesten Berufswunsch gebastelt. Schiffskoch wäre genau das richtige. Er sah sich schon in der Kombüse Labskaus für die Mannschaft zaubern, fingerdicke Schnitzel panieren und den Rum verwalten. In diese Seifenblase stach unerbittlich aber realitätsnah das Familienoberhaupt. Vater Werner bekam nach langem Verharren in der Auto-Warteschleife endlich den ersehnten Trabi. Diese Erfüllung bremste seinen Weltenbummler in spe voll aus. „Jetzt, wo wir motorisiert sind, schadet es nichts, wenn sich einer damit auskennt. Eckhard, du solltest Kfz-Schlosser werden.“ Gesagt, getan.

Statt Smutje wurde er erst einmal Kfz-Schlosser

Sieht das etwa so aus, wenn man ins Glück stolpert? Große Zweifel sind auf den ersten Blick erlaubt. Der zweite macht sie zumindest kleiner. Eckhard begann seine Lehre in der PGH Autodienst. Die besaß 1971 mehrere Betriebsteile. Ein Bereich befand sich unmittelbar neben dem, was einst vom alten Franziskanerkloster übrig blieb. Das Altertümliche hatte den Schrauberlehrling schon immer interessiert. Nun konnte er zwar nicht bei den Griechen, Italienern und Ägyptern Spuren suchen, dafür weckte die Ruine in der Nähe sein Interesse. Der Klausurflügel war bewohnt. Im Innenhof durften die Mieter auf kleinen Parzellen Erdbeeren, Radieschen und Rosenkohl ernten. Der Azubi von nebenan ahnte nicht, wie sehr ihm das Gelände noch ans Herz wachsen sollte. Hier würde er mal Theater spielen und Theater spielen lassen. Selbst ein Blick in die Glaskugel hätte ihm das nicht verraten.

Theater gab es an der Knatter in den 70ern schon lange. Das hing mit dem Bassewitztag zusammen. Einmal im Jahr, am Montag nach Invocavit, dem 6. Sonntag vor Ostern, feierten die Städter einen historischen Sieg ihrer Vorfahren. Die hatten es geschafft, den mecklenburgischen Raubritter Kurt von Bassewitz und dessen Truppen bei Überfällen erfolgreich die Stirn zu bieten. Zuerst schlugen sie die Möchtegern-Besatzer nur in die Flucht, um beim nächsten Versuch den Räuberhauptmann zu fangen und mit dessen Schwert zu enthaupten. Will Anders würdigte in den ersten Jahren der DDR den Mut der Masse mit einem Theaterstück. Das führten Laienschauspieler nun an den Bassewitztagen auf. Den Ober-Bösewicht gaben auf der Bühne lange Walter Timm, zuletzt auch der „dicke Ott“. Den karrte man außerdem gefesselt auf einem Leiterwagen durch die Straßen. „Wir Bengels rannten nebenher. Der Kerl schrie und schüttelte seine Fäuste, die in Ketten lagen. Ganz schön gruselig.“ Auch Eckhard hatte hinterher schlechte Träume. Trotzdem zog ihn der Unhold magisch an. Irgendwann missfiel offiziellen Stellen, dass ein Gauner und Halsabschneider, zudem noch adelig, so viel Berühmtheit erlangte. Das Stück kam auf den Index. Sein Manuskript verstaubte in irgend einem Panzerschrank. Das große Fest am Bassewitztag verschwand gleich mit. Nur die Kirche widerstand dem Vertuschen. Die Stadtoberen verwandelten den Bassewitztag am Ausgang des Winters in die „Kyritzer Kulturfesttage“ im Sommer. Zu diesem Irrwitz passte, dass die Bassewitzstraße plötzlich den Namen von Bertolt Brecht bekam. Inzwischen hat sie ihren Namen wieder. Es dauerte, bis es soweit war. Da ließ schon aufhorchen, dass man sich noch in der vergangenen Republik plötzlich wieder auf das Theaterstück besann. Zur 750-Jahr-Feier von Kyritz 1987 sollte es gespielt werden. Tabubruch oder mutige Einzelentscheidung? Die Antwort interessierte keinen. Viel wichtiger: Wer macht mit? In den Betrieben begann die Suche nach Darstellern. Eckhard Kutzer wollte. Er hatte längst die Lust an der Schauspielerei entdeckt, in den 70ern für die junge Gemeinde sogar schon kleine Stück geschrieben und bei Aufführungen mitgemacht.

Bei der 750-Jahr-Feier von Kyritz wurde Kutzer vom Theaterfieber erfasst

Das Jubiläumsfest wurde zur Eine-Woche-Schau und „Bassewitz sinnt wieder Krieg“ mit spitzem Rotstift sozialistisch passend gemacht. So ließ Will Anders in seiner Vorlage zwei Marktweiber über ihre Kleider reden. Fragt die eine: „Ist Euer Rock aus Kyritzer Tuch?“ Sagt die andere: „Nein, meine Base aus Lübeck hat ihn mir geschickt.“ Das ging natürlich gar nicht. Da musste die liebe Verwandte schon mal nach diesseits der Elbe umziehen. Aber das ging in der Euphorie unter. Eckhard Kutzer als Raubritter von Bülow gehörte zur Meute des bösen Anführers. „Glück gehabt“, sagt Kutzer heute. Immerhin hatte ihn nun endgültig der Theater-Bazillus infiziert. Kurz blieb er bei der ersten „festeren“ Spielvereinigung, den „Bassewitzern“, doch das Repertoire schien ihm zu dünn. Die Idee, das Anders-Stück im Original aufführen zu können, beseelte ihn. Dazu brauchte es wieder viele Mitstreiter und alternativ eine zweite Theaterkompanie.

Eckhard Kutzer blieb Autodoktor bis zur Wende in der DDR. Zuletzt arbeitete er im Kreisbetrieb für Landtechnik, bis es auch den 1993 nicht mehr gab. Plötzlich überflüssig zu sein, vergeblich Bewerbungen zu schreiben, trieb den Spaßfaktor in den Keller. Dem Kyritzer im besten Arbeitsalter blieb das nicht erspart. Dann schwamm ein Strohhalm sachte vorbei. Er wollte nur ergriffen werden. Die Stadt suchte einen Bootsverleiher für die Sommersaison. „Ich hatte wieder Glück und bekam die Aufsicht über die Ruderboot-Armada. Das war der schönste Arbeitsplatz, den man sich denken kann.“ Ohne die durchaus wichtige Beschäftigung gering schätzen zu wollen - sie muss auch reichlich Gelegenheit geboten haben, die Gedanken spazieren gehen zu lassen. Die Richtung war klar. Kyritzer Geschichte ohne Streichorgie sollte wieder unters Volk. Die Geburtsstunde der heutigen „Kyritzer Knattermimen“ schlug im Oktober 1994. Bei den „Kyritzer Festtagen“ im folgenden Jahr war es dann soweit. Leidenschaftlich agierende Kinder, Jugendliche und Erwachsene zeigten die Urfassung des Stückes von Will Anders. Für Eckhard Kutzer erfüllte sich ein Traum. Schlitzohrig, großmäulig, versumpft und grob verkörperte er den gefürchteten Raubritter von der rundlichen Gestalt. Das Publikum tobte bei dieser „Generalprobe“ für die 760-Jahr-Feier. Kutzer war von Stund’ an - und das für die nächsten mehr als 10 Jahre - Bassewitz. Die Stadt Kyritz bediente sich des Raubeins auch bei Messen und Stadtführungen mit Gästen von weit her. „Knattermimen“ wie er, Dietmar Kroll, Hagen Sommer, Petra Birkhof, Siegrid Kraft oder Elisabeth Ziems posierten für Aufnahmen, die hochglänzend und bunt in Tourismusmagazinen erschienen. Die Mimen taten viel, um Kyritz an der Knatter deutschlandweit bekannt zu machen.

Neuer Spielort wurde das ehemalige Franziskanerkloster

Mit dem Bassewitzstück allein ließ sich natürlich kein Blumentopf gewinnen. „Alle zwei Jahre mal aufzutreten, damit killt man doch jede Spielfreude“, dachte sich der Chef. Er wollte mehr. Und es gab mehr. Mittlerweile war der Garten des einstigen Franziskanerklosters Spielort geworden. Die „Knattermimen“ hatten das Angebot der Wohnungsbaugesellschaft sofort angenommen. Sie bauten sich eine Bühne, pflegten die Anlagen, öffneten das Areal für jedermann. Dort, wo einst Radieschen und Blumenkohl wuchsen, standen Stühle und Bänke. Die „Theaternächte“, 1996 aus der Taufe gehoben, zogen an wie ein Magnet. Bassewitz war zwar immer noch allgegenwärtig, aber oft nur als Zugpferd. Eckhard Kutzer wagte sich an anspruchsvollere Produktionen. Ob Arthur Millers „Hexenjagd“, „Notre Dame von Paris“, „Nachtasyl“ oder „Der zerbrochene Krug“ - alle Klassiker trugen fortan seine Handschrift. Bald „nur noch“ Regisseur, verlegte er die Handlungen in die Prignitz oder stellte wenigstens Bezüge zu seiner Heimatstadt her. Bei der Posse „Kyritz-Pyritz“ erübrigte sich das. Gänzlich aus seiner Feder stammt das bisher erfolgreichste Stück, das die Theatergruppe spielte. „Der Knecht Gottes“ beruht auf Tatsachen. Das Drama handelt von Lorenz Paschen, einem gottesfürchtigen und geachteten Pfarrer, der 1550 in der Stadt auftauchte. Er diente seinem Herren zunächst treu ergeben, bis er im Alkohol ersoff. Das Lotterleben fand seinen traurigen Höhepunkt darin, dass der schließlich vom Bischof entlassene Gottesknecht den großen Stadtbrand von 1562 legte. Der ehemalige Lehrer Arnold Stahnke erforschte jahrelang die Umstände, die das traurige Schicksal besiegelten. Die Erkenntnisse übergab er seinem einstigen Schüler Eckhard Kutzer, der sie einem großen Publikum nahebrachte. In sechs restlos ausverkauften Vorstellungen sahen rund 1500 Zuschauer den „Knecht Gottes“.

Wieder so ein Stolperer ins Glück, allerdings mit einem langen Anlauf, rastlos von Fleiß angetrieben. Eckhard Kutzer ist nicht mehr Kurt von Bassewitz. Thomas Reiche schlüpfte statt seiner in die Rüstung. Sein Vorgänger und die „Familie“ wissen natürlich längst, was sie in diesem Jahr im Juli spielend feiern wollen. Anlass ist ein Jubiläum. Seit den ersten Theaternächten sind 20 Jahre vergangen. Gerhard Hauptmanns „Biberpelz“ ist im Programm gesetzt. Dazu kommt „Die spanische Fliege“, eine Komödie, die gerade bei den Proben im Kulturhaus einstudiert wird. Im „Biberpelz“ wird Eckhard Kutzer ausnahmsweise wieder zum Schauspieler. Keine Angst vor dem Herzschmerz? „Davor nicht. Aber wenn ich den Text vergessen sollte, hilft auch kein Defibrillator.“

Von Wolfgang Hörmann

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