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In der Stadt der Pferde reitet selbst die Pfarrerin

Neue Frau für Neustadts Kirche In der Stadt der Pferde reitet selbst die Pfarrerin

Anja Grätz hat ihren Dienst als Pfarrerin in Neustadt angetreten. Sie kam aus dem Oderbruch und brachte eine bemerkenswerte Familie mit: zwei Pferde, zwei Hunde. Auf 18 Beinen quasi ging es an die Dosse. Wie es dazu kam, verrät die 45-Jährige im MAZ-Gespräch.

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Anja Grätz (l.) kam mit Pferden und Hunden nach Neustadt. Dorit Geu (r.) vom Pfarramt war sofort begeistert.

Quelle: Matthias Anke

Neustadt. Die ersten Predigten sind gehalten, der Einführungsgottesdienst ist fast Geschichte. Längst also kam Anja Grätz, die mit Beginn dieses Monats November in Neustadt ihren Pfarrdienst begann, an der Dosse an. Wen sie mitbrachte, und warum sie sich in ihrer neuen Heimat schon jetzt pudelwohl fühlt, verrät die 45-Jährige im MAZ-Gespräch.

Frau Grätz, was verschlägt Sie von der Oder an die Dosse?

Anja Grätz: Unter vielem anderen, glaube ich, war das auch der interessante Namenszusatz von Neustadt: ,Stadt der Pferde’. Ich las das bei der Stellenausschreibung im kirchlichen Amtsblatt und erinnerte mich, dass ich mal bei der Hengstparade war. Zudem kenne ich Wolf Fröhling. Er machte mich noch vor seinem Weggang mit den ersten Menschen und den Bedingungen für die Gemeindearbeit in der Stadt vertraut.

Sie kennen Ihren Vorgänger?

Grätz: Ja, seit dem Studium. Wir verbrachten dann aber beide zuletzt in etwa dieselbe Dienstzeit in unseren jeweiligen Orten. Es war ja so, dass Golzow-Gorgast im Oderbruch einst meine Entsendungsstelle war und ich danach für zehn Jahre blieb, wie es die Befristung vorsah. Ähnlich war es bei Wolf Fröhling, der nach seiner Entsendungszeit nach Neustadt kam und auch ein Jahrzehnt blieb. Nun wären für mich weitere zwei befristete Jahre möglich gewesen. Dabei wären dann allerdings noch mehr Dörfer hinzugekommen, es waren ja schon viele. Verlängern wollte ich dann aber nicht mehr, auch angesichts der Perspektive in Neustadt. Ich hatte mir schließlich immer vorgenommen, auf jeden Fall einmal zu wechseln.

Einmal? Dann wird das Ihre Stelle fürs Alter?

Grätz: Das wird sich zeigen. Aber ich kann schon heute sagen, dass ich mich hier sehr, sehr wohl fühle. Das ist eine ländliche Gegend mit Potenzial.

Das klingt nach großen Unterschieden zum Oderbruch.

Grätz: Nun, dort waren es acht Dörfer mit neun Predigtstätten. Hier sind es drei, und es gibt mit Frau Geu sogar eine Sekretärin. Das ist Luxus, ein Geschenk. Ich werde diese Konzentration genießen. Ansonsten ist es vor allem aber die Offenheit, die mir der Gemeindekirchenrat sofort entgegenbrachte. Schließlich kam ich ja nicht alleine.

Wer in den Pfarrgarten blickt, der weiß, warum. Und warum Sie wahrscheinlich so gut zu Neustadt passen wie kaum ein anderer Pfarrer und auch das mit dem Neustädter Namenszusatz erwähnten. Wie heißen denn die Tiere?

Grätz: Die zwei Ponys, ein Shetland und ein Norweger, heißen Pippi und Faru. Dann gibt es noch Emma, meinen Dackel, und Frieda, sie ist ein Labrador-Mix. Und ich muss sagen, diese Tiere und das Reiten sind der perfekte Ausgleich für mich. Das hilft beim Predigtschreiben. Über die Ponys entstehen zudem schnell Kontakte, auch zu Kindern.

Welche Kontakte haben Sie schon geknüpft?

Grätz: Ich gebe an der Homburg-Schule heute zum ersten Mal Religionsunterricht für die Erst- bis Viertklässler. Am Nachmittag kommen die Konfirmanden zusammen. Das ist ein gutes Dutzend, und in der Siebenten gibt es weitere Konfirmanden. Im Oderbruch waren das nicht so viele. Dort betreute ich zwar mehr Orte, es gab insgesamt aber weniger Gemeindeglieder.

In der Region stehen irgendwann Umstrukturierungen bevor

Im Oderbruch war Anja Grätz für etwas mehr als 630 Gemeindeglieder zuständig, die sich über acht Orte verteilten.

In Neustadt gibt es mehr als 900 Gemeindeglieder. Sie verteilen sich auf die Predigtorte Köritz, wo es etwa 600 sind, Neustadt mit 300 und Kampehl mit rund 50 Gemeindegliedern.

Bei diesen Zahlen, aber auch Orten, bleibt es absehbar jedoch nicht. Angesichts allgemeinen Bevölkerungsrückgangs sind die Pfarrer angrenzender Sprengel in der gesamten Region perspektivisch mehr denn je aufeinander angewiesen. Das betrifft schon heute Urlaubsplanungen und Krankheitsvertretungen.

In einigen Jahren werden zudem Stellen offen sein wegen Ruheständlern. Deren Gebiete müssen dann von den übrigen Pfarrern mitbetreut werden. mke

Haben Sie denn eine Idee, wie man angesichts einer mit der Bevölkerung auch sinkenden Zahl von Kirchgängern die Leute wieder mehr heranführen kann an Kirche oder gerade die Jugend doch mehr begeistern kann?

Grätz: Darüber denken viele nach. Ein Patentrezept habe ich auch nicht. Offensichtlich aber sind doch so einige Jugendliche in Neustadt längst voll dabei. Zum Martinsfest habe ich jedenfalls sehr engagierte junge Leute erlebt. Es gibt zudem ja auch die junge Gemeinde, die sich freitags trifft. Ich muss mal schauen, was sich da noch machen lässt. Zugegebenermaßen bin ich aber auch nicht unbedingt der Typ, der junge Leute anzieht oder übermäßig kreativ ist, wie vielleicht mein Vorgänger. Ich hoffe daher einfach, mehr über die Ebene des Vertrauens aufbauen zu können, beständig da zu sein, für den, der es möchte.

Was gehört zu Ihren nächsten Aufgaben?

Grätz: Ich muss dringend den Ginkgo einpflanzen, den ich beim Einführungsgottesdienst geschenkt bekam. Das war im Übrigen eine sehr schöne Einführung. Der Baum erinnert mich an Wegstationen. Ginkgo-Bäume gab es im Demnitzer Pfarrgarten, in Schöneiche, wo ich aufwuchs, und auch im Garten meiner ersten Pfarrstelle.

Sie kamen also über Ihre Eltern zur Theologie?

Grätz: Ja, doch so einfach ist das nicht gesagt. In meiner Kindheit oder Jugend wehrte ich mich nämlich dagegen.

Was störte Sie am Pfarrerdasein?

Grätz: Mein Elternhaus stand immer offen. Es gab so gut wie keine Privatsphäre. Erst als ich älter wurde, lernte ich diese Offenheit zu schätzen. So bin ich heute nicht anders als sie. Die Leute gingen damals ein und aus bei uns, und so soll nun auch mein Pfarrhaus offenstehen für die, die kommen wollen. Das Zusammenleben in der Gemeinde gefällt mir.

Zurück zu den Aufgaben oder sagen wir mal, zum Terminkalender.

Grätz: Also da steht zunächst der Volkstrauertag an, dann Totensonntag. Und neben den normalen Gottesdiensten sind es natürlich Beerdigungen, Taufen und irgendwann hoffentlich die erste Hochzeit, wobei ich am meisten gespannt bin auf eine Trauung in der Kreuzkirche. Dafür gibt es aber noch keinen Termin. Feste Tage dagegen sind die Gottesdienste im Altersheim und die Bibelstunden.

Gibt es denn auch etwas, wovor Sie Bammel haben?

Grätz: Aufregung gehört eigentlich immer dazu. Bei ganz großer Aufregung werde ich es wie so oft halten und ein Stoßgebet sprechen. Das gibt mir Kraft.

Interview: Matthias Anke

Von Matthias Anke

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