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Ingenieurskunst auf vier Rädern

In Netzeband werden Oldtimer restauriert Ingenieurskunst auf vier Rädern

Wenn Dieter Adomeit sich ein altes Auto kauft, dann muss es eine ausgefallene Technik unter der Motorhaube haben. Die wenigsten seiner Oldtimer waren ein kommerzieller Erfolg oder der Star im Autoquartett. In der Abgeschiedenheit des Temnitz-Dörfchens lässt der Berliner altes Blech zu neuem Glanz auferstehen.

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Dieter Adomeit mit der Brennkammer eines Wankelmotors: Der Kolben dreht sich in der Trochoide.

Quelle: Peter Geisler

Netzeband. Autos mit einer Karosserie aus Aluminium? Ein ganz alter Hut, findet Dieter Adomeit. In seiner Werkstatt steht ein Bildschöner Alfa Romeo 6C 2500 SS Touring Coupe Superleggera, Baujahr 1949. Das Auto rollt auf riesigen Speichenrädern daher. Der Entwurf für den Sportwagen mit 105 PS stammt aus den 30er Jahren. Der schwarze Lack ist teilweise abgeschliffen, das wohlgeformte runde Hinterteil des Alfa glänzt in silbrigem Aluminium. Rost ist bei diesem Auto kein Thema – Spritsparen allerdings auch nicht. Nicht nur aus Gewichtsgründen griffen die Italiener damals auf den

Werkstoff Aluminium zurück, sondern weil es in den späten 40er Jahren schlicht keinen Stahl mehr gab. Der war zu Panzern und Kanonen verbaut worden. Aluminium indes war in Hülle und Fülle vorhanden – nach Kriegsende standen in Italien jede Menge verschrotteter amerikanischer Kampfflugzeuge herum.

Solche technischen Besonderheiten sind es, die den Oldtimersammler interessieren. Dieter Adomeit findet es vor allem bemerkenswert, dass es in Italien nach dem Zweiten Weltkrieg überhaupt genug reiche Leute gab, für die man so ein Auto bauen konnte.

Ein Teil seiner Schätze hortet der Berliner Automobilingenieur in dem Temnitz-Dörfchen Netzeband. Er hat dort genügend Platz für eine Werkstatt, in der er eigene Oldtimer und die Fahrzeuge von Freunden restaurieren kann und zugleich genug Abgeschiedenheit, um nicht ständig von Neugierigen von seiner Arbeit abgehalten zu werden. Für die MAZ machte er eine Ausnahme und zog die Schondecken von einigen seiner Autos und Wohnwagen wie dem französischen Luxus-Caravan Notin Villula (kleine Villa), Baujahr 1974, mit dem er zu Oldtimer-Treffen fährt.

Die meisten Autos stammen aus den 60er Jahren, stets danach ausgewählt, dass eine besondere Ingenieurleistung in ihnen steckt. Es sind nicht die Superstars aus dem Autoquartett auf dem Schulhof – solche Kleine-Jungs-Träume langweilen den 68jährigen eher. Ihm geht es um technische Exotik. Selbst sein VW Bus ist nicht einfach ein VW-Bus, sondern einer mit einem V6-Audi-Motor.

Ein technischer Exot ist auch der Wankelmotor. Statt Kolben und Zylindern hat er zwei rotierende Scheiben. Felix Wankel entwickelte den Drehkolbenmotor in den 50er Jahren. Er ist sehr klein und läuft wie eine Turbine ohne jede Vibration. Leider sind der Verbrauch und die Abgaswerte hoch. In Netzeband stehen zwei Autos mit Wankelmotor: der recht bekannte NSU Ro80 von 1975 und ein unscheinbarer Citroën GS gleichen Baujahrs. Insgesamt wurden nur 837 Citroën GS Birotor hergestellt. Um für so wenige Fahrzeuge keine Ersatzteile mehr bereitshalten zu müssen, hat Citroën später versucht, alle seine Wankel-Autos zurückzukaufen, um sie zu verschrotten. Experten glauben, dass rund 250 Autos der Schrottpresse entwischt sind. Einer steht in Netzeband.

Sein Geld hat Dieter Adomeit mit Airbags und Sicherheitsgurten verdient. Mit seinem Ingenieurbüro arbeitet er für die Automobilindustrie. 1992 baute er in Berlin-Pankow das erste Ingenieurzentrum für Fahrzeugsicherheit mit Crash-Anlage in der Stadt auf. Er hat mehr als 60 Patente auf den Auto-Insassenschutz. Nach der Wende boomte die Fahrzeugsicherheits mit Airbags in der Autobranche, und der Ingenieur verkaufte seine Firma an den größten Lenkrad-Hersteller Europas.

Nach Netzeband kam der Berliner vor 15 Jahren, weil ein Freund in den Märkischen Höfen seinen 50. Geburtstag feierte. Dort lernte er den Hotelbesitzer Hans Untersteiner kennen. Mit ihm sprach er viel über die Zukunft des Dorfes. „Wir haben über die gewerbliche Nutzung und den Tourismus gesponnen“, erinnert sich Dieter Adomeit. Als dann eine große Halle frei wurde, griff der zweifache Familienvater zu.

Beim Amt in Walsleben meldete er eine Oldtimer-Restaurierungs- und Handelsfirma an. Seit einem Monat montieren dort Mitarbeiter aus der Region hochwertige Lastenfahrräder – natürlich auch die mit besonders ausgefeilter Technik: Die „Veleon“ genannten Dreiräder können sich mit geneigten Vorderrädern in die Kurve legen(die MAZ berichtete).

„Ich arbeite gern mit Leuten aus der Gegend und für Freunde“, sagt Dieter Adomeit. Ein in Netzeband ansässiger Tischler half beim Restaurieren eines DKW von 1953, der einem Freund von Dieter Adomeit gehört. Der Handwerker-Kombi hat unter seinem Blech einen Holzrahmen. Weil der verrottet war, baute der Holzspielzeugmacher Robert Vogel einen neuen – ein wahres Kunstwerk aus geschwungenem Holz über den Hinterrädern. Das Blech ohne Beulen an den Rahmen anzupassen war eine Herausforderung. Von Hand wird das Metall der Karosserie mit kleinen Nägeln auf das Holz genagelt.

Die Dachrinne ist aus Aluminium. Dieter Adomeit biegt sie kalt und mit bloßen Händen in die richtige Form. Das Material ist ganz weich. „Ich kann Blech, und ich kann Logistik“, sagt der vierfache Großvater. „Ich bringe Gewerke zusammen, fahre die Autos auf dem Hänger zu Spezialisten.“ In Netzeband gibt es Vorrichtungen zum Sandstrahlen, eine Spengler-Werkstatt und die Möglichkeit zum Verzinnen. Mit Zinn gleichen die Restauratoren vor dem Lackieren kleine Beulen und Unebenheiten im Blech aus.

Vor allem Autos der italienischen Marke Lancia findet man in Netzeband – und manchmal fährt Dieter Adomeit mit seiner Aurelia, Baujahr 1955, auch durch Neuruppin. „Ich konnte vor Jahren ein paar schrottreife Lancia aufkaufen“, sagt er. Von „schrottreif“ ist heute nichts mehr zu sehen. Die Modelle Aurelia, Flavia und Fulvia glänzen um die Wette. Von manchen dieser Autos wurden insgesamt nur 2500 Stück gebaut. „Das bauen die heute am Tag“, sagt Dieter Adomeit. Trotzdem sei das Wertentwicklungspotenzial der Lancias begrenzt. Dafür haben sie ein tolles Design. Aus technischer Sicht war die Firma „völlig irre“. Technisch glich kein Modell dem anderen, sprunghafte Ingenieure probierten ständig neue Konzepte aus und wurden von konkurrierenden Führungskräften dabei unterstützt. Die Italiener kokettierten auf diese Weise um die Gunst der Kunden, und die honorierten das damals. Heute muss ein VW Golf technisch dieselbe Plattform haben wie ein Skoda Oktavia oder ein Audi A3, um Kosten zu sparen. Eine Vielfalt wie bei Lancia wäre der sofortige Tod jedes Automobilherstellers.

Dieter Adomeit hat auch Oldtimer in Berlin stehen. Einige sind heute sehr wertvoll. Eine Geldanlage sind sie für den 68-Jährigen aber nur am Rande: „Ich beschäftige mich seit 30 Jahren mit Oldtimern und habe damit noch nie richtig Geld verdient“, sagt er. Die Wartung der Fahrzeuge sei zu aufwändig. Sogar einen Mercedes 300 SL Flügeltürer hat er mal besessen – bevor die Preise für diese Autos in völlig irrsinnige Millionenhöhen stiegen.

Aber in der Gesellschaft der SL-Fahrer fühle er sich nicht recht zu Hause. Manche von denen waren „völlig überkandidelt“, die hatten kein Öl an den Händen. Dieter Adomeit hat an den meisten seiner Autos selbst Hand angelegt. Seine Frau Ingrid hat nichts gegen das ölige Hobby ihres Mannes. Sie macht selbst sich in Netzeband die Hände aber lieber in ihrem Gemüsegarten schmutzig.

Von Christian Schmettow

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