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Integration in der Idylle

Zechlinerhütte Integration in der Idylle

Mehr als 100 Leute haben am Freitagnachmittag das erste Integrationsfest gefeiert, das vom Übergangswohnheim in Zechlinerhütte bei Rheinsberg organisiert wurde. In dem einstigen Ferienheim leben knapp 60 Flüchtlinge. Sie kommen vor allem aus Syrien und Afghanistan. Einer der Helfer lebte bis März noch selbst als Flüchtling in dem Heim. Nun arbeitet er als Dolmetscher.

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Neugierig fragt Gerhard Krause nach den Zukunftsplänen der jungen Afghanen. Quelle: Andreas Vogel

Zechlinerhütte. Gerhard Krause hat keine Scheu. „Was willst du denn mal machen?“, fragt der 81-Jährige. Ali Safdari muss nicht lange überlegen. „Ein Praktikum bei der Feuerwehr“, sagt der 18-Jährige. Er stammt aus einer Stadt im Norden Afghanistans, lebt seit acht Monaten in Deutschland und spricht problemlos Deutsch. Ali Safdari und Gerhard Krause gehörten am Freitag zu den mehr als 100 Gästen des ersten Inte­grationsfestes, zu dem das Übergangswohnheim in Zechlinerhütte eingeladen hatte.

Das Schwierigste sind die traumatischen Erlebnisse

In dem einstigen Ferienheim leben derzeit knapp 60 Flüchtlinge. Die meisten stammen aus Syrien und Afghanistan, einige kommen auch aus dem Iran und dem Irak, sagt Petra Gustmann. Die 53-Jährige leitet seit November das Heim. Zuvor hat die gelernte Empfangssekretärin in einem Hotel gearbeitet. Doch sie suchte eine neue Her­ausforderung – und ist mit der Arbeit als Heimleiterin „sehr zufrieden“. „Ich war schon immer interessiert, Menschen zu helfen.“ Das sei zwar auch anstrengend, aber die Dankbarkeit und die Wertschätzung der geflüchteten Menschen seien faszinierend, sagt auch Vivien Valdivia Llorente (22). Die Erzieherin arbeitet als sogenannter Sozialdienst in dem Heim und ist gemeinsam mit Petra Gustmann täglich von 7 bis 15.30 Uhr Ansprechpartnerin und Helferin für die Flüchtlinge. Das Heim liegt zwar idyllisch direkt am Schlabornsee, doch zum Einkaufen, zum Arzt und zur Schule müssen die Flüchtlinge nach Rheinsberg oder nach Neuruppin. „Das Schwierigste ist, mit den traumatischen Erlebnissen umzugehen. Alles andere ist machbar“, sagt Petra Gustmann.

Warten auf die Frau und die vier Kinder

Maher Azzam hilft gern in Zechlinerhütte als Dolmetscher aus. Schließlich ist er Englischlehrer. Der 42-Jährige stammt aus Hama, einer gut 300 000 Einwohner zählenden Stadt, die zwischen Aleppo und Damaskus liegt. Vor gut einem Jahr ist der Syrer von dort geflohen und hat seine Frau und die vier Kinder – zwei Mädchen und zwei Jungen im Alter zwischen eineinhalb und elf Jahren – zurücklassen müssen. Von September bis März hat Maher selbst im Heim in Zechlinerhütte gelebt. Inzwischen ist er als Flüchtling anerkannt. Er hat eine kleine Wohnung in Neuruppin und arbeitet bei Esta Ruppin als Dolmetscher. Maher hofft, seine Familie schon bald wiedersehen zu können. In Deutschland. Derzeit warten sie auf die notwendigen Papiere der deutschen Botschaft im Libanon. Dorthin ist seine Frau mit den Kindern inzwischen geflüchtet.

Flüchtlinge als Chance für Deutschland

Gerhard Krause sieht in den Flüchtlingen eine Chance für Deutschland, gerade in den jungen. „Wir brauchen doch junge Leute. Das Handwerk und die Pflegeberufe suchen dringend Personal“, sagt der Verfahrenstechniker. Deshalb sollten die Flüchtlinge schnell Deutsch lernen, um sich integrieren zu können. Der Senior, der in Aachen lebt, ist jedes Jahr für mehrere Wochen in Zechlinerhütte zu Gast. „Mein Großvater hat hier 1928 ein Ferienhaus gebaut, das wir nach der Wende zurückbekommen haben.“ Gerhard Krause interessiert, wie sich der Ort entwickelt. Etwas schade sei nur, dass die „schöne Gastronomie“ am Schlabornsee nicht mehr existiert.

Miteinander reden fördert das gegenseitige Verständnis

Adrian Knospe hat derweil alle Hände voll zu tun. Der 25-Jährige arbeitet sonst auf dem Bauspielplatz in Neuruppin. Am Freitag ist er jedoch mit spezieller Technik nach Zechlinerhütte gekommen: Nicht nur Kinder, auch junge Männer wollen sich von Adrian ein Airbrush-Tattoo auf den Arm, die Hand oder den Hals sprayen lassen. Rheinsbergs Bürgermeister Jan-Pieter Rau (CDU) ist angetan von der Atmosphäre – nicht nur, weil sich ständig einer der Flüchtlinge mit ihm fotografieren lassen will. „Der Wahlkampf ist doch erst im nächsten Jahr“, sagt Rau und lacht. Er findet es wichtig, dass über Integration nicht nur gesprochen, sondern diese ebenfalls gelebt wird – wie bei dem Fest. „Integration bedeutet, miteinander zu reden.“ Das sei sehr wichtig für das gegenseitige Verständnis. Rau weiß, wovon er spricht: Er hat eine russische Frau, die Schwiegermutter lebt an einem Ort an der ukrainischen Grenze, der immer mal beschossen wird. „Sie flüchtet dann in den Keller.“

Ali Safdari muss das Fest etwas früher verlassen. Der 18-jährige Afghane spielt Fußball beim MSV in Neuruppin. Das Training will er auf keinen Fall verpassen.

Von Andreas Vogel

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