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Jeder Baum ein Risiko

Unfall mit Kastanie in Neuruppin Jeder Baum ein Risiko

Nach einem Unfall mit einer Kastanie hat die Stadt Neuruppin Gutachter eingeschaltet. Die Polizei ermittelt ebenfalls. Sie soll klären, wie es zu dem Unfall kommen konnte und wer Schuld daran trägt. Fakt ist: der Aufwand für die Pflege der großen und alten Bäume hat in den vergangenen Jahren zugenommen. Die Pflege kostete früher 50 000 bis 70 000 Euro im Jahr. In diesem sind es 100 000 Euro.

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Der Stumpf der Kastanie bleibt stehen, bis Gutachter und Polizei ihn geprüft haben.

Quelle: Peter Geisler

Neuruppin. Der herabgestürzte Ast einer Kastanie am Bahnhof Rheinsberger Tor beschäftigt auch die Justiz. Ein schwerer Ast war dort am Freitag unvermittelt abgebrochen und hatte Bistrotische unter sich begraben. Drei Menschen wurden dabei leicht verletzt. Keiner von ihnen hat bisher Anzeige erstattet. Das hat jedoch die Staatsanwaltschaft getan. Sie hat am Montag "von Amts wegen" veranlasst, dass die Neuruppiner Polizei Ermittlungen wegen des Verdachts der fahrlässigen Körperverletzung aufnimmt, bestätigte Polizeisprecher Toralf Reinhardt gestern.

Die Beamten sollen klären, wie es zu dem Unfall kommen konnte und wer Schuld daran trägt. Das wolle auch die Stadt klären, versicherte Neuruppins stellvertretender Bürgermeister Arne Krohn gestern. Die Stadtverwaltung hat deshalb einen unabhängigen Gutachter beauftragt. Er soll untersuchen, ob es vor dem Unfall Hinweise gegeben hat, dass die Kastanie an dieser Stelle morsch ist und der Ast jederzeit abbrechen könnte.

Krohn schien gestern noch betroffen von dem Unfall: "Ich will mir gar nicht ausmalen, was dort hätte passieren können." Dass die drei Menschen leicht verletzt wurden, sei schlimm genug.

Die Stadtverwaltung sei noch dabei zu prüfen, wann und mit welchem Ergebnis der Baum zuletzt geprüft wurde. Spekulationen wollte Krohn dazu gestern nicht anstellen, so lange kein eindeutiges Ergebnis vorliegt. Das kann allerdings noch etwas auf sich waren lassen; der zuständige Baumsachverständige der Stadt hat zurzeit Urlaub. Krohn: "Fakt ist aber, dass der Schaden durch eine oberflächliche Begutachtung nicht hätte erkannt werden können."

Fakt sei auch, dass der Aufwand für die Pflege der großen und alten Bäume in Neuruppin in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen habe. Hat Neuruppin dafür früher 50 000 bis 70 000 Euro im Jahr ausgegeben, so hat der Bauhof in diesem Jahr Pflegeaufträge für 100 000 Euro bekommen, rechnete der stellvertretende Bürgermeister gestern vor. Mit zunehmendem Alter der Bäume nehme der Aufwand immer weiter zu.

Bisher hat ein Sachverständiger allein die etwa 8000 Bäume an Straßen und öffentlichen Plätze begutachtet. Krohn: "Statistisch hat er für jeden Baum sechs Minuten." Die Zeit ist knapp, zumal die Prüfung bei manchen Bäumen eine Stunde oder länger dauern kann.

Nach dem Unfall mit der Kastanie will die Stadtverwaltung ihren Prüfplan jetzt gründlich überdenken. Dabei müsste auch hinterfragt werden, ob angesichts des Baumbestandes in Neuruppin ein Gutachter wirklich ausreicht. Eine absolute Sicherheit sei aber auch mit mehr Fachleuten nicht zu bekommen, warnte der Dezernent.

Möglichweise machen auch Klimaveränderungen den Bäumen zunehmend zu schaffen. Die Kastanie am Rheinsberger Tor soll in diesem Jahr besonders viele und besonders große Früchte getragen haben. Hinzu kommt die sommerliche Hitze. Die bewirkt, dass viele Bäume sehr viel Wasser aus dem Boden aufnehmen und über die Blätter wieder in die Luft abgeben. Das führe dazu, dass die Bäume unter einem enormen Druck stehen, sagt Krohn. Unter diesen Umständen könne es sogar vorkommen, dass ein völlig gesunder Baum ohne äußere Einwirkungen einen Ast abwirft.

"Es stimmt, dass viele Bäume unter Hitzestress leiden", bestätigt Jan Engel, der Sprecher des Landeskompetenzzentrums Forst in Eberswalde. Grundsätzlich könne das auch dazu führen, dass ein Baum einen Ast verliert: "Aber das passiert nicht plötzlich." Zuerst würde der Baum die Blätter abwerfen, dann kleine Zweige. Wenn sich dann ein Pilz im Holz ausbreitet, könne ein Ast so geschädigt werden, dass er bricht, sagt der Forstoberinspektor. Von spontanen Astabwürfen habe er noch nie gehört.

Die Stadtverwaltung lässt indes vorsorglich alle Kastanien an öffentlichen Straßen und Plätzen erneut prüfen, sagte Krohn gestern.

Von Reyk Grunow

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