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Ostprignitz-Ruppin Jochen Kowalski begeisterte in Rheinsberg
Lokales Ostprignitz-Ruppin Jochen Kowalski begeisterte in Rheinsberg
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00:24 04.04.2018
Jochen Kowalski sang nicht nur – er führte auch auf „ballinisch“ und amüsant durchs Programm. Quelle: Regine Buddeke
Rheinsberg

Ein schneidiges Hornsignal eröffnet die Jagd. „Im Wald und auf der Heide“ – eröffnet tonbetrunken das siebenköpfige Ensemble – dann fällt der Schuss. Der Mann, der sich gerade anschickt, die Bühne zu betreten, zuckt zusammen, reißt in gespielter Panik die Hände zum Herzen. „Es ist ein Schuß gefallen! Mein! sagt, wer schoß da drauß?“, singt erschrocken eine hohe Stimme – und ja! – das ist ein Mann, der da so in den oberen Stimmlagen tremoliert.

Jochen Kowalski genießt seinen Auftritt – breitet die Arme aus und bringt das Goethe-Lied vom „Schneider Courage“ zum amüsanten Ende. Piff-paff! singt er pointiert und es ist wie ein weiterer Schuss, der durch die Luft schneidet. Die Melodie ist allbekannt: „Der Kuckuck und der Esel“ – der Komponist: Carl Friedrich Zelter. Ein Dream-Team oder besser noch ein gutes Kollektiv, klärt Kowalski über die Zusammenarbeit zwischen Zelter und dem deutschen Dichterfürsten auf – Zelter hat so einiges an Goethe-Texten vertont.

Bläserriege: Sebastian Posch, Matthias Glander, Christiane Weise (v.l.) Quelle: Regine Buddeke

Und schon hat Kammersänger Jochen Kowalski, der Mann, der die Stimmpartie des Countertenors in die deutschen Opernhäuser brachte, die Zuschauer am Bändel. Gut 180 sind am Ostersonntag ins Schlosstheater gekommen, um ihm zu lauschen – Kowalski ist für Opernfreunde legendär. Er ist es auch, der durchs Programm führt – mit Charme und Humor und einem saloppen Berliner Slang, der ihn nahbar macht.

„Wir hatten uns det etwas anders vorjestellt“, plaudert er mit Blick aus dem Fenster, wo dichtes Schneetreiben den Gedanken an Ostereiersuche ad absurdum führt – wohl aber einem Aprilscherz gleicht. Immerhin – das passt.

Jochen Kowalski ist die Stimme - den virtuosen Klangteppich, der weit mehr als nur Fassung für den Sänger ist, webt das Carl-Maria-von-Weber-Ensemble der Staatskapelle Berlin. Deren Leiter Uwe Hilprecht hat mit Soloklarinettist Matthias Glander das Ensemble eigens gegründet, die Musik der Romantik zu zelebrieren. Hilprecht zeichnet selbst für etliche Arrangements und den Part am Piano.

Ensemblegründer und Leiter Uwe Hilprecht. Quelle: Regine Buddeke

Jochen Kowalski singt und plaudert sich im ersten Teil durch so romantische Lieder wie Goethes „Die Spröde“ und „Ein Jüngling liebt ein Mädchen“ von Heinrich Heine und Robert Schumann. Ein wunderbares – instrumentales – „Der Mond ist aufgegangen“ ist, so erfährt man, in Rheinsberg komponiert worden. Komponist Johann Abraham Peter Schulz war sieben Jahre lang Kapellmeister von Prinz Heinrich.

„Was wäre die deutsche Romantik ohne die Gebrüder Grimm“, fragt der Kammersänger. „Beim Blick aus dem Fenster haben wir uns spontan für Frau Holle entschieden“, witzelt er und der Saal lacht mit ihm. Die Vertonung stammt – nomen est omen – von Victor Hollaender.

Kowalski – der zwischen den hohen auch die tieferen Tonlagen nicht ausspart – lässt sie Kraft seiner Stimme zum Leben erwachen: die keifende Stiefmutter, die eingeschüchterte Goldmarie, die weise Frau Holle, die Pechmarie. Und natürlich den krähenden Hahn – wobei er hier Konkurrenz von der Klarinette bekommt.

Carl Maria von Weber darf nicht fehlen. „Den Freischütz bekommen Sie ja hier im Sommer geboten“, kündigt Kowalski Kommendes an. Ein süßer „Abschied von der Erde“ vom Meister der Melancholie Franz Schubert – dann ist Pause.

Jochen Kowalski mit dem Carl-Maria-von-Weber-Ensemble der Staatskapelle Berlin im Schlosstheater Rheinsberg. Quelle: Regine Buddeke

„Der Fluch der Kröte“ ist ein Melodram von Gustav von Meyrink und Arnold Winternitz – tatsächlich eher ein Fabel, die in Indien spielt. Die Protagonisten: eine hasserfüllte, jedoch listige Kröte, ein eitler Tausendfüßler, das Kushagras, Unken und die Brillenschlange. Jochen Kowalski rezitiert mehr, als er singt – aber wie: er kräht und kreischt, säuselt und spuckt, zwitschert und zürnt, barmt und brüllt, trillert und tobt.

Die Fabel bietet ihm eine Spielwiese sondergleichen – lustvoll kostet er jede Silbe, jede Wiederholung aus und macht sie zum Juwel. Das ist ganz großes Theater. Ebenso viel Emotion legt er in Goethes Erlkönig: das ist gänsehautträchtig. „Ich kenne ihn als Sänger. Dass er auch so ein begnadeter Schauspieler ist, hätte ich nicht gedacht“, schwärmt Konzertbesucherin Grete Bach.

Das Ensemble amüsiert mit einem witzigen Kabinettstück: der Verschmelzung der beiden berühmtesten Hochzeitsmärsche: von Mendelssohn Bartholdy und Wagner. „Ein Desaster“ ruft der Klarinettist und bricht in gespielter Verzweiflung ab – eigentlich klang alles gut. Der zweite Versuch gelingt – das Publikum ist einmal mehr entzückt und bleibt es bis zum finalen Ton. Kowalski – charmant bis zuletzt – wirft seinen Blumenstrauß in den Saal. Anstelle einer Zugabe.

Von Regine Buddeke

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