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Joe Bausch las in Rheinsberg

Der Mikrokosmos in der Gefängniszelle Joe Bausch las in Rheinsberg

„Im Knast treffen Leute aufeinander, die im echten Leben niemals aufeinandertreffen würden“, sagt Joe Bausch über seinen Alltag als Gefängnisarzt. Mörder und Terroristen, Heiratsschwindler und ehemalige KZ-Wärter sitzen im Gefängnis von Werl. Aus den Erfahrungen aus 26 Jahren hat der Mann, der auch als Tatort-Schauspieler agiert, ein Buch gemacht.

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Hartes Thema, launig erzählt: Joe Bausch im Sprachrausch.

Quelle: Buddeke

Rheinsberg. „Der hat ja gar nicht gelesen, sondern nur erzählt“, habe mal einer nach einer Lesung gesagt. Joe Bausch sieht das eher als Kompliment. „Ich kann alles, außer kurz“, sagt der Mann mit dem multiplen Leben am Freitagabend im Saal des Rheinsberger „Hotels am Schlosspark“, wo er in der Reihe Literarischer Bilderbogen liest, pardon, erzählt. Nicht nur, dass er bereits seit 26 Jahren im Knast ist – als Gefängnisarzt wohlgemerkt. Nebenher ist Bausch Schauspieler und auch damit nicht ganz unbekannt. Immerhin hat er es bis in den Kölner Tatort geschafft, in dem er einen mürrischen Rechtsmediziner mimt. Als ob das noch nicht genug wäre, schreibt Joe Bausch, der mit bürgerlichem Namen Hermann Joseph Bausch-Hölterhoff heißt, auch noch Bücher.

Markantes Gesicht

Markantes Gesicht: Joe Bausch.

Quelle: Regine Buddeke

In seinem Roman „Knast“ hat er all das aufgearbeitet, was er in der Justizvollzugsanstalt Werl erlebt hat. Nach einigen Jahren als Gast in Talkshows, zu denen er dank seiner spannenden Vita oftmals gebeten wurde, habe er schnell gemerkt, dass ihm immer wieder dieselben Fragen gestellt würden. Ein komplexes Thema wie den Strafvollzug könne man auf diesem Wege schwerlich ausreichend behandeln. Schon das sei für ihn Grund gewesen, zur Feder zu greifen. „Jeder kennt jemanden, der schon mal auf Mallorca war. Aber kaum einer kennt einen, der im Knast war“, konstatiert er. „Obwohl 102 000 Menschen in Deutschland gerade einsitzen.“ Schon wenn im Gefängnis ein medialer Auftritt mit Häftlingen anstehe, gebe es welche, die sagen: „Kaspertheater – da mache ich nicht mit.“ Andere wiederum wären nicht abgeneigt, vor eine Kamera zu treten. „Oft rate ich dann ab. Sonst glaubt ihnen nach der Entlassung der Nachbar nicht mehr, dass er die letzten neun Jahre im diplomatischen Korps verbracht hat.“ Das Publikum kichert.

Mehr als 100 Menschen sind zur Lesung gekommen

Mehr als 100 Menschen sind gekommen, um Bausch zu hören. Und zu sehen, denn der Mime versteht es, sich in Szene zu setzen. Nicht nur das markante Äußere des hochgewachsenen Mannes mit dem kahlen Schädel, der auch locker als Westernheld durchgehen würde, ist ein Hingucker. Auch Mimik und launige Pointen lassen das Publikum an Bauschs Lippen hängen. In lässiger Entertainer-Manier macht Bausch aus dem harten Thema einen vergnüglichen Abend. „Haben Sie nicht einen Netten hier“, habe mal ein Fernsehmann gefragt. „Klar“, höhnt Bausch. „In einem Hochsicherheitstrakt, wo allein 175 Mörder einsitzen.“ Die einzig Netten seien da die Junkies. Überhaupt habe er es mit einem breiten Spektrum an Menschen zu tun – Leute, die im wahren Leben niemals aufeinandertreffen würden: RAF-Terroristen, KZ-Aufseher, Serienmörder, hochrangige Wirtschaftskriminelle, Heiratsschwindler oder Frauen, die ihre Babys töten. „Ich stehe oft knöcheltief in der Scheiße, wate in menschlichen Abgründen“, so Bausch. Am schwersten sei, sich selbst abzuschirmen und gleichzeitig darauf zu achten, dass einem die Empathie nicht abhanden kommt. Aber seine Patienten wüssten, dass er sie „wirklich“ untersuche, keine Berührungsängste habe.

Kein Häftling zählt die Tage mit Strichen an der Wand

Bausch räumt mit einigen Klischees auf. Er habe in seiner Laufbahn noch nie eine Zelle gesehen, in der einer die Tage mit Strichen an der Wand zählt. So etwas kenne er allenfalls aus Beamtenbüros. Dafür gebe es Zellen, vor denen ein Lappen liegt. Bei anderen wünsche man sich den indes, wenn man die Zelle verlasse. Auch die Arbeit der Beamten im Vollzug nötigt Bausch Achtung ab. Einer habe mal über den Tag gezählt, wie viel Türen er auf- und zuschloss: „Es waren 823!“

Schmunzelnd erzählt Joe Bausch schließlich von seiner ersten Bewerbung als Assistenzarzt im Gefängniskrankenhaus. „Wegen verdächtiger Nähe zur Klientel warnen wir dringend vor einer Einstellung“, hieß es damals in einem Schreiben. „Heute bin ich der Chef“, sagt Bausch und grient.

Von Regine Buddeke

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