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Johann von Bülow las Loriot-Briefe

Neuruppin Johann von Bülow las Loriot-Briefe

Loriots unnachahmlich spitze Feder, gepaart mit Johann von Bülows spitzer Zunge: Da kann nichts schiefgehen. Der Schauspieler und entfernte Verwandte Loriots zelebrierte am Sonntag in Neuruppin genüsslich und pointiert die „Ganz offenen Briefe“ Loriots an die Illustrierte Quick, die unlängst erstmals veröffentlicht wurden.

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Johann von Bülow macht aus Loriots Briefen Theater.

Quelle: Regine Buddeke

Neuruppin. „Sehr geehrte Quick“ – so beginnen mehr als 100 Leserbriefe, die Loriot – natürlich nicht als echte Leserpost, sondern als Kolumne – zwischen 1957 und 1961 für und an dieses Blatt schrieb. „Für die, die sich nicht erinnern: Die Quick war eine bundesdeutsche Nachkriegsillustrierte mit Millionenauflage“, erklärt Johann von Bülow, um drei Ecken mit dem unvergessenen Vicco von Bülow verwandt und seines Zeichens Schauspieler.

Diese Briefe schlummerten bis vor Kurzem in der Schublade – kaum einer kennt sie. „Das wollen wir heute Abend ändern“, so von Bülow. Loriots Tochter Susanne hat sie unlängst zusammengetragen, als „Der ganz offene Brief“ veröffentlicht und den „Cousin“ gefragt, ob er sie lesen will. Er wollte. Und macht Theater vom Feinsten daraus. In der Reihe „Literarischer Bilderbogen“ las Johann von Bülow am Sonntagabend in der Neuruppiner Sparkasse. Kein Platz war leer, auch der Schirmherr der Lesereihe, Landrat Ralf Reinhardt, war dabei. Die Einnahmen des Abends gingen als Spende an den Förderverein der öffentlichen Bibliotheken im Landkreis, verweist er und lässt es sich im Anschluss nicht nehmen, sich gemeinsam mit allen anderen Gästen köstlich zu amüsieren.

Loriots Sprache ist eine Klasse für sich

Als Anfangsbild schaut Loriots berühmtes Knollennasenmännlein vom Bildschirm. Johann von Bülow beginnt mit dem ersten „offenen Brief“: eine Breitseite gegen am Handgelenk zu tragenden Lügendetektor für den Hausgebrauch. Nicht mal Politiker würden mehr die Hände aus den Taschen nehmen, wenn das Schule mache, wettert von Bülow. Schon Loriots Sprache ist eine Klasse für sich: geschliffen formuliert, scharf beobachtet, bissig formuliert, gern auch mit einer süffisanten Portion ätzender Ironie.

Ein gefundenes Fressen für den Schauspieler. Er zelebriert jedes Wort, reizt es unbarmherzig aus – auch mimisch. Loriot hätte wohl seine helle Freude daran gehabt. Wenn Johann von Bülow – untermalt vom passenden Loriotschen Cartoon – vorliest, wie man eine Olive aus dem Glas fischt, kriegt sich der Saal kaum mehr ein. Nicht nur, dass sich beim Öffnen des Patentverschlusses der gesamte flüssige Inhalt des Glases gleichmäßig über dem Abendanzug verteile. Man müsse, wolle man an die Olive für den Cocktail kommen, entweder das Glas zerschlagen – aber wer will schon Splitter im Martini – oder aber „den Zeigefinger bis zur Handwurzel ruckartig in die zu enge Öffnung stoßen“. „Hochachtungsvoll – Loriot“, schließt Johann von Bülow. Das beherrscht er in allen Facetten, je nach Inhalt: lauernd, forsch, grüblerisch oder sarkastisch, donnernd oder ängstlich, fragend oder im Falsett gepiepst. „Lorio-hot“, tiriliert er – der Brief drehte sich ums „Alpenglühen“.

Der Österreicher ist zum Niederknien

Da nicht jeder Loriots Humor verstand, gab es auf seine Briefe oftmals heftige Reaktionen. Sein Neffe lässt es sich nicht nehmen, die in allen Mundarten vorzutragen. Der Österreicher ist zum Niederknien, der eine Lanze für Toni Sailer bricht. Ein Russe weist mit rollendem R und sibirischem Eis in der Stimme darauf hin, dass, wenn Loriot die Atompolitik nicht passe, er doch „nach drüben, ins Friedensparadies“ gehen könne. Er möge dann schön die Taiga grüßen. Loriot hatte sich in seinem Brief lakonische eine klitzeleine Atombombe als Geschenk für sein Töchterchen gewünscht. Oder der Brief der Quick-Anzeigenabteilung mit einem unmoralischen Werbeangebot: Johann von Bülow liest ihn in geschwätzig-eilfertigem Schwäbisch vor. Köstlich.

Kein Thema ist Loriot zu abwegig: Er mokiert sich genüsslich und wortgewaltig über Schilder, die das Parken bei mehr als zehn Zentimeter Schnee untersagen. „Wer liebt es nicht, nach langer Autofahrt auf vereisten Straßen anzukommen und erst einmal den Finger in den knusprig braunen Großstadtschnee zu stecken?“, plaudert er fröhlich. Er rollt die Silben im Mund, lässt sie sich auf der Zunge zergehen und speit sie aus. Nur einmal hat er den Mund zu voll genommen: Das kleine Leckerli, an der Kinokasse verabreicht, macht ihn zum Schaumschläger: „Ich war das hilflose Opfer der Waschmittelwerbung“, rülpst und blubbert von Bülow, dass man ihn kaum versteht, wohl aber den Schaum zu sehen vermeint.

Ein Cartoon zeigt seinen Weinkeller

Ein Leserbrief über die einzelne Traube zwischen viel Chemie in Deutschlands Wein ist ein kleines Kunstwerk, mit dem Loriot den ersten analogen Shitstorm der Quick-Geschichte auslöste. Loriot trat den Canossa-Gang an: „Ich begab mich ins Katastrophengebiet“, liest von Bülow aus der Reisereportage. Das Resultat ist erfreulich für die Winzer. Und für Loriot: Ein Cartoon zeigt seinen Weinkeller. Ein Großmarkt könnte nicht besser ausgestattet sein. Das Publikum liegt fast am Boden. Und will mehr. „Sie zwingen mich, den Giftschrank zu öffnen“, verheißt Johann von Bülow, der die Texte auch als Hörbuch eingesprochen hat, und legt einmal mehr los.

Von Regine Buddeke

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