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John von Düffel las aus „Klassenbuch“

Neuruppin John von Düffel las aus „Klassenbuch“

Mediale Berieselung, Kapitalismuskritik, Leere, Isolation, Einsamkeit, der eigene Platz in der Welt: All das sind Themen, denen sich der Autor John von Düffel in seinem neuen „Klassenbuch“ annimmt. Die Protagonisten sind Jugendliche, der Autor gräbt tief und deckt so einiges auf, was Erwachsene interessieren sollte. Am Dienstag las er in Neuruppin.

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John von Düffel nimmt das Publikum mit Worten gefangen.

Quelle: Regine Buddeke

Neuruppin. Die Hütte ist voll, 60 Gäste sind am Dienstagabend in die Neuruppiner Fontane-Buchhandlung gekommen – was Chefin Jana Kolar-Voigt sehr freut. „Sie scheinen zu wissen, wo sie am 18. hingehören.“ Gut – die Lesereihe „Immer 18. bei uns!“ ist inzwischen eine Marke.

Ein bisschen dürfte das Interesse indes auch am Gast liegen: John von Düffel liest immerhin das vierte Mal in Neuruppin. Nein, inflationär sei das nicht, winkt Kolar-Voigt ab. Gesteht aber, dass sie sich gern Autoren einlädt, deren Werke sie selbst gern liest. Vor allem, wenn sie so sympathisch sind wie der Potsdamer Autor und Dramaturg. John von Düffel sei nun einmal ein sehr produktiver Schreiber. „Ein kluger Kopf“, schwärmt sie. Dazu charmant und ein guter Vorleser – das würde beim Publikum gut ankommen. Wie man sieht. Denn John von Düffel will seinen Neuling „Klassenbuch“ vorstellen. Gemeinsam mit Otto Wynen, der im Zwiegespräch mit dem Autor den Abend moderiert und strukturiert. Und dem Publikum die Fragen aus dem Mund nimmt. „Sie dürfen trotzdem Fragen stellen“, sagt Wynen, der in der Vergangenheit mehrfach das Reiseliteratur-Festival „Neben der Spur“ organisierte.

Professor für Szenisches Schreiben an der Universität der Künste

Seit 2010 ist John von Düffel Professor für Szenisches Schreiben an der Berliner Universität der Künste, verrät Wynen. „Könnte ich das auch mal lernen?“ Der Gefragte lacht und verweist diplomatisch auf die Altersobergrenze von 25 Jahren. Das Publikum lacht auch und schon ist man drin in der Geschichte, in der sich viel um Jugend dreht, aber auch um Gesellschaftskritik, virtuelle Welten und Scheinwelten in den sozialen Netzwerken, um Höhen und Tiefen der Pubertät und nicht zuletzt um den Sinn der eigenen Existenz ganz allgemein – erzählt aus der Sicht von Elftklässlern eines Gymnasiums.

Wie die Idee dazu kam, fragt Wynen. Er habe ein Schülerprojekt des PEN Clubs in Potsdam geleitet, erklärt von Düffel. „Eine Schulklasse erzählt eine Geschichte – da konnte ich nicht widerstehen!“ Schon weil seine Eltern beide Lehrer waren. Die Erfahrung war einschneidend. „Uni ist ein Spaziergang dagegen. Ich bewundere jeden Lehrer, der es schafft, die Aufmerksamkeit der Schüler zu wecken. Nicht zu hundert, aber zumindest zu 50 Prozent“, plaudert er aus seinen Erlebnissen. Die Kids hätten selten gemacht, was er sagte und er habe viel Zeit gehabt, den Grillen draußen zu lauschen. Die hat er dann auch verewigt: die Fabel „Grille und Ameise“ zieht sich wie ein roter Faden durchs Buch. Und steht per se für die existenzielle Frage, der sich die hormongestauten Jugendlichen tagtäglich stellen müssen: fleißig rackern für die Zukunft wie die Ameise oder einfach in den Tag hinein singen wie die Grille?

Ein Mikrokosmos unterschiedlichster Charaktere

Viele der Schüler wussten, was sie wollen, hat von Düffel beobachtet – nicht zuletzt hat ihn das zum Schreiben von „Klassenbuch“ bewogen. Und auch der Wunsch, die steckengebliebenen Geschichten mancher Schüler zu „retten“, wie er sagt. Und so hat jedes der Kids im Buch seine ganz eigene Sicht auf die Fabel und den eigenen Stellenwert in der Welt. Ein Mikrokosmos unterschiedlichster Charaktere, eine Vielstimmigkeit diffizil gezeichneter Jugendlicher, die allesamt einen Knacks zu haben scheinen, so Wynen.

„Es sind Beschädigungen, Einsamkeit und Isolation“, korrigiert der Autor und stellt drei der Jugendlichen vor. Für mehr reicht die Zeit nicht – leider. So wortgewaltig gezeichnet ist Emily, die Schönste der Schule, intelligent, engagiert und beliebt, die in einer wortreichen, bissig-bösen E-Mail den Schulcaterer quasi zerfetzt. Lustvoll beschreibt sie die Top Drei der No-go-Gerichte – das Publikum ekelt sich leise angesichts der ausführlichst beschrieben Konsistenz eines Hühnerfrikassees. Das nur der Ausgangspunkt dafür ist, das graue, gehetzte Leben des Unternehmers zu sezieren, um dann in einer radikalen Kapitalismuskritik zu gipfeln, auf die Marx stolz gewesen wäre. Später erfährt man, dass Emily sich ihren Platz in der Sonne mit Bulimie erkämpft und unter ihrer taffen Schale höchst zerbrechlich ist.

Brücken bauen zwischen den Kids und den Lesern

Auch so ein Thema, dessen sich von Düffel annimmt: Schein und Sein. Präzise gibt er seinen Protagonisten Form und Farbe – jeder hat seine ureigene Sprache, lebt in einer eigenen, diffizilen Innenwelt. Es scheinen Parallelwelten zu sein. Wie Bea, suizidgefährdete Außenseiterin, die sich ritzt und die Liebe und Sorge ihrer Eltern abwehrt. Das geht unter die Haut. „Auch den Jugendlichen“, hat von Düffel erlebt. Er will Nähe herstellen, Brücken bauen zwischen den Kids und den Lesern. Sie anregen, über Leere und Langeweile nachzudenken, die immerwährende Entertainment-Berieselung bewirken kann. Und der sich nicht nur Jugendliche kaum entziehen können. Eine Alternative zu Handy und Tablet wäre die Lektüre von „Klassenbuch“ allemal.

Von Regine Buddeke

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