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Junge Gemeinde in der DDR zum Zuhören

Neuruppin Junge Gemeinde in der DDR zum Zuhören

„Die JG ist für mich ein Ort, an dem man sich zuhause fühlen kann“, sagt die Schülerin Ronja Duppel, die heute dort aktiv ist. Mit Mitschülerin Lene Timm hat sie im Rahmen eines Wettbewerbs ein Hörspiel über die Junge Gemeinde in Neuruppin zu DDR-Zeiten entwickelt und Menschen von damals wieder zusammengebracht.

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Lene Timm (l.) und Ronja Duppel haben sich intensiv mit der Jungen Gemeinde in der DDR beschäftigt und mit ihrem Hörspiel viel bewegt.

Quelle: Christina Koormann

Neuruppin. „Neuruppin 1987. Meine Güte, ist hier alles grau. 2017 ist es schon schöner. Die Straße heißt auch anders. Den Weg finde ich trotzdem. Hallo. Ich bin Lotte und keine reale Person. Ich bin fiktiv, kreiert im Jahr 2016, erschaffen, um zu verstehen, wie es war, die JG in Neuruppin in der DDR-Zeit zu besuchen.“

So beginnt das Hörspiel „Wir. Damals“ von Lene Timm und Ronja Duppel. Die beiden Schülerinnen des Evangelischen Gymnasiums haben im von der Körber Stiftung und dem Bundespräsidenten ausgelobten Geschichtswettbewerb „Gott und die Welt – Religion macht Geschichte“ einen Audiobeitrag zur Geschichte der Jungen Gemeinde (JG) in Neuruppin entwickelt. Dabei haben sie nicht nur viel gelernt, sondern auch Menschen wieder zusammengebracht, die sich in ihrer DDR-Jugend genau dort kennengelernt hatten. „Das war an unserem Projekt das Allercoolste“, sagt Ronja Duppel. „Alle haben sich riesig gefreut und haben über uns alte Bekannte wiedergetroffen, und natürlich konnten sie uns viel über damals erzählen und waren dabei total authentisch und ehrlich.“

„Egal, ob mich jemand kennt, ich bin einfach willkommen“

„Lotte“ wird von den beiden durch das Leben mit der JG geschickt – zu einer Zeit, in der man durch seine bloße dortige Anwesenheit gegenüber dem sozialistischen Staat bereits ein deutliches Zeichen setzte. Sie kommt neu in die Gruppe, verbringt von nun an viele Nachmittage und Abende im Jugendzentrum im heutigen Café Hinterhof in der Rudolf-Breitscheid-Straße. „Egal, ob mich jemand kennt, ich bin einfach willkommen“, lässt die 16-jährige Lene Lotte sagen. Diskussionen zu brisanten Themen, Gartenparties, Flohmärkte und Aktionen werden von der JG geplant und „Lotte“ findet viele neue Freunde.

Die Polizei lässt keine Möglichkeit aus, die Jugendlichen zu schikanieren. Auf dem heutigen Braschplatz, der früher Ernst-Thälmann-Platz hieß, müssen sie, auf einem gespendeten Sofa sitzend, ohne Grund ihre Ausweise vorzeigen. Am selben Ort passiert das erneut, als sie dort am Weltfriedenstag gemeinsam Lieder singen. Einer hat keinen Ausweis dabei, den nimmt die Polizei mit. Ein Passant wird wütend: „Das kann doch nicht sein, die jungen Leute machen hier so schöne Musik!“

„Politisch alleine schon deshalb, weil es Kirche war“

Das Verhältnis zwischen Staat und Kirche ist voller Misstrauen, und der Staat hat so viel Angst vor irgendwelchen geheimen Machenschaften, dass er alles verhindern will, was ihn bedrohen könnte. „Die einen sagen, wir waren total unpolitisch, die anderen sagen, alles, was wir getan haben, war politisch und dem Staat zum Trotz“, sagt Ronja. Der ehemalige Jugendwart Hartwin Schulz, der um 1987 die JG betreute und für ein Gespräch mit den beiden extra aus Eberswalde nach Neuruppin kam, hatte ihnen gesagt: „Es war politisch – alleine schon deshalb, weil es Kirche war.“

Heimliche Konzerte von eingeladenen regimekritischen Musikern, Briefe an Neuruppins Bürger, in denen steht, was nicht richtig läuft im Land und sogar ein Weihnachtsgottesdienst, der durch die Geräuschuntermalung von Düsenfliegern zu „Stille Nacht, Heilige Nacht“ einen bitteren Beigeschmack bekommt, auf der einen Seite. Türsingen bei Freunden mit der ganzen Gruppe, Theaterabende und Übernachtungen im Stroh zum Erntedankfest auf der anderen.

„Man könnte darüber ein ganzes Buch schreiben“

„Ich habe mich oft gefragt, ob ich hingegangen wäre, ob ich mich das getraut hätte“, sagt die 19-jährige Ronja, die wie Lene heute aktives Mitglied in der JG ist. „Damals war es ein Treffpunkt für Leute, die eine andere Meinung hatten, die Aktionen gemacht haben, bei denen es einen großen Zusammenhalt gab. Die haben damals richtig was bewegt.“

Für das Hörspiel organisierten die Schülerinnen zwei Ehemaligentreffen. „Die Leute konnten sich richtig gut erinnern und sind sehr ins Detail gegangen“, sagt Lene. Über Kreisjugendwart Eckhard Häßler und ihren Religionslehrer Christian Motschmann konnten die Kontakte zu den Ehemaligen hergestellt werden. Eingelesen und geschnitten haben die Schülerinnen ihr Stück mithilfe des Ehrenamtlichen Steve Reichenbach im Café Hinterhof.

Alte Freunde und Bekannte wieder zusammengebracht

Beim zweiten Ehemaligentreffen hat Ronja das Hörspiel dann vorgespielt. „An manchen Stellen wurde gelacht, und viele haben sich in diese Zeit zurückversetzt gefühlt.“ Die JG-Zeit war für viele noch sehr präsent, sie hat die Menschen geprägt. „Durch die JG sind wir die Leute geworden, die wir heute sind“, sagte eine Ehemalige. „Wir hatten Material ohne Ende“, sagt Lene. „Man könnte ein ganzes Buch darüber schreiben.“

Mit „Wir.Damals“ haben Ronja und Lene die Jury bereits auf Landesebene überzeugt. „Wir gehören zu den Brandenburg-Landessiegern“, verraten die Gymnasiastinnen. Mit einem Preisgeld von 250 Euro wird das tolle Ergebnis bei der Preisverleihung im September prämiert; dann geht es damit in den bundesweiten Wettbewerb. „Im September findet außerdem ein großes Treffen mit über 50 ehemaligen JG’lern aus Neuruppin statt“, sagt Ronja. „Wir sind auch eingeladen.“

Von Christina Koormann

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