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Ostprignitz-Ruppin KZ-Überlebender zieht bitteres Fazit
Lokales Ostprignitz-Ruppin KZ-Überlebender zieht bitteres Fazit
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02:15 02.03.2017
Mehrere Kamerateams interviewten Leon Schwarzbaum im Belower Wald, hier an der Außenausstellung des Todesmarschmuseums. Quelle: Björn Wagener
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Belower Wald

Es war eine Chance, doch sie wurde vertan. Da ist sich Leon Schwarzbaum sicher. Sie eröffnete sich im vergangenen Jahr. Da stand der heute 96-Jährige einem Mann gegenüber, dem er eigentlich niemals mehr hätte begegnen sollen: Reinhold Hanning, ebenfalls Jahrgang 1921, ehemaliger SS-Unterscharführer und einstiger Wachmann im Konzentrationslager Auschwitz. „35 meiner Familienmitglieder wurden ermordet. Die Nazis haben mein Leben zerstört. Wir sollten alle sterben.“, sagt Schwarzbaum. Doch ihm gelang das scheinbar Unmögliche – er überlebte mehrere Konzentrationslager, darunter auch Auschwitz und den Todesmarsch. So sehen sich beide Männer mehr als sieben Jahrzehnte später doch noch einmal wieder – im Detmolder Landgericht, wo Hanning der Prozess gemacht wird und Schwarzbaum einer der Zeugen der Anklage ist. „Er saß da mit gesenktem Kopf. Er wollte nicht sprechen“, erinnert sich Schwarzbaum. So bleiben seine bohrenden Fragen weiter unbeantwortet: „Warum haben die Nazis das getan? Was war die Motivation?“ Am Ende herrscht bei Schwarzbaum Ernüchterung. Der Angeklagte wird zwar wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 170 000 Fällen zu fünf Jahren Haft verurteilt, doch der Richterspruch ist nicht rechtskräftig, weil die Verteidigung Revision einlegte.

Großes Interesse an Schwarzbaums Erinnerungen

Am vergangenen Sonntag spricht Leon Schwarzbaum über die Gräuel, die er erleben musste. Er sitzt im Todesmarschmuseum im Belower Wald, neben ihm Museumsleiterin und Gesprächspartnerin Carmen Lange. Der Raum ist zum Bersten mit Menschen gefüllt, darunter auch Kamerateams des israelischen Fernsehens, des NDR und des RBB. Schwarzbaum liest die Erinnerungen ab, die nur schwer zu ertragen sind und ein Bild von Verbrechen, Tod und unsäglichem Leid zeichnen. „Ich sah, wie ein Häftling mit einem Spaten erdrosselt wurde. Krawatte nannten sie das.“ Von einem Häftling habe er gleich bei der Einlieferung den Tipp bekommen: „Wenn du leben willst, such’ dir eine Tätigkeit. Denn hier lebt man nicht lange.“ Später zeigt Leon Schwarzbaum Lager-Fotos. Wer sie machte, weiß er nicht, vielleicht Häftlinge. Darauf sind unter anderem dreistöckige „Bettgestelle“ zu sehen, einfachste Holzpritschen voller Dreck und Ungeziefer, jeweils eine Etage für sieben Menschen. Keine Heizung, nur kaltes Wasser.

Sein Brief blieb unbeantwortet

„Für eine Aufarbeitung ist es nie zu spät“, sagt Leon Schwarzbaum am Sonntag in eine Kamera. Deshalb richtete er auch einen Brief an Hanning, in dem er sich die Last seiner Vergangenheit von der Seele zu nehmen versucht – und sogar Höflichkeitsformen wahrt. „Sehr geehrter Herr Hanning“, schreibt Schwarzbaum: „... hatten Sie denn kein Mitleid, wenn Sie sahen, wie kleine Kinder mit ihren Müttern ausgesondert wurden? Sie wussten doch, dass die Menschen in Auschwitz ermordet werden. Mussten Sie nicht an die Kinder von Auschwitz denken, als Sie Ihre Kinder und Enkel aufwachsen sahen? Am Anfang des Prozesses habe ich sogar noch Mitleid mit Ihnen gehabt. Sie sind ein alter Mann, so wie ich. Ich habe wirklich geglaubt, dass Sie ein anderer Mensch geworden sind. Daran kann ich nicht mehr glauben.“ Eine Antwort auf den Brief habe er nie erhalten.

Ich schulde das den Toten

Der Senior, der heute in Berlin lebt, ist unermüdlich auf Veranstaltungen und in Schulen unterwegs, um sich dafür einzusetzen, dass sich das, was ihm und Millionen anderer Menschen widerfahren ist, nicht wiederholt. „Ich schulde das den Toten.“ Auf die Frage eines Besuchers, was er davon halte, dass nationalistische Strömungen heute wieder an Kraft gewinnen, antwortet er: „Es macht mich traurig. Da kann man nur verzweifeln.“

Als er und seine Mitgefangenen befreit wurden, seien sie sich sicher gewesen: „Die Welt wird eine andere werden. Aber das wurde sie nicht. Sie ist noch schlimmer geworden. Das ist die Wahrheit.“

Von Björn Wagener

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