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Kadiri Yakubus geplatzter Traum

Doch keine Arbeit in Nietwerder Kadiri Yakubus geplatzter Traum

Als Bauingenieur hat Jacob Kadiri Yakubu schon zahlreiche Bauprojekte in Afrika betreut. In Nietwerder hätte der Flüchtling aus dem Tschad die Chance gehabt, bei einer Windenergie-Firma zu arbeiten. Doch jetzt droht dem 35-Jährigen die Abschiebung nach Italien.

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Christian Wenger-Rosenau (l.) hätte Jacob Kadiri Yakubu gerne bei sich arbeiten lassen.

Quelle: Peter Geisler

Nietwerder. Es war ein so glücklicher Zufall: Die Firma Windenergie Wenger-Rosenau brauchte einen Mitarbeiter, der Baustellen betreut. Der Bauingenieur Jacob Kadiri Yakubu, ein Flüchtling aus dem Tschad, wollte diese Aufgabe gerne übernehmen. In der ersten Januarwoche fing der 35-Jährige ein Praktikum in Nietwerder an. Drei Tage später kam der Brief vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Kadiri Yakubu, so hieß es darin, solle zurück nach Italien.

Das Amt beruft sich auf das Dublin-Verfahren. Danach ist das Land für den Asylantrag zuständig, in dem der Flüchtling zuerst europäischen Boden betreten hat. Im Frühjahr 2015 war Kadiri Yakubu in einem überfüllten Schlauchboot über das Mittelmeer nach Lampedusa geflüchtet. Die italienischen Behörden hätten seinen Asylantrag bearbeiten müssen. Doch die Zustände in dem mit 7000 Menschen belegten Lager waren so schrecklich, dass Kadiri Yakubu in Richtung Norden weiter floh. Nach verschiedenen Zwischenstationen kam er im August im Neuruppiner Übergangswohnheim an.

Ziel: Aufbau eines islamistischen Gottesstaates

Boko Haram ist eine islamistische Terrororganisation in Nigeria. Im März 2015 soll sich die Gruppe formell der Terrormiliz Islamischer Staat angeschlossen haben. Boko Haram kämpft für den Aufbau eines islamistischen Staates. Dabei geht sie gezielt gegen Schulen und Bildungseinrichtungen vor, setzt Gebäude in Brand und entführt Schüler. Über eine Million Kinder werden nach Unicef-Angaben daran gehindert zur Schule zu gehen.

In den vergangenen Jahren sind die Übergriffe von Boko Haram zunehmend brutaler geworden. Im Dezember verübten sie auch Attentate im Tschad: In Kamerun sollen seit 2013 fast 1200 Menschen durch Boko Haram getötet worden sein. 2012 gab Boko Haram den im Norden Nigerias lebenden Christen drei Tage Zeit, die Region zu verlassen. Danach wollten sie Christen gezielt angreifen.

Für Karin Hopfmann, Flüchtlingsberaterin von Ostprignitz-Ruppin und dem Havelland, ist Kadiri Yakubus Fall „leider ganz typisch“. Hopfmann betreut derzeit „hunderte Dublin-Fälle“. Mit einer Klage vor dem Potsdamer Verwaltungsgericht und einem Eilrechtsschutzantrag könnte Kadiri Yakubu sich gegen den Negativbescheid und die drohende Abschiebung wehren – auch wenn die Frist dafür eigentlich schon abgelaufen ist. Sie wagt derzeit keine Prognose, ob der Bauingenieur tatsächlich Chancen hat, in Deutschland zu bleiben.

Kadiri Yakubu selbst ist verzweifelt. Nach einer langen Flucht braucht er endlich eine Perspektive. In Deutschland fürchtet er, nicht bleiben zu können. In Afrika, so erzählt er, bedrohen die Mitglieder der islamistischen Terrororganisation Boko Haram ihn mit dem Tod.

„Jeder kannte mich als Ingenieur, Priester und Musiker“

2010 war er am Heiligabend bei einem Gottesdienst im Norden Nigerias Zeuge geworden, wie Boko Haram in die Kirche eindrang und einen Sicherheitsmann abschlachtete. Kadiri Yakubu, selbst Prediger einer christlichen Gemeinde, floh aus dem Fenster und fürchtet sich seitdem vor den Todesdrohungen der Terrororganisation. Kadiri Yakubu rettete sich zunächst aus Nigeria, wo er damals lebte, ins benachbarte Tschad. Doch auch dort traf er die Schergen von Boko Haram. 2013 trat er den langen Weg nach Europa an.

Bevor er Boko Haram begegnete, hatte er eigentlich „ein gutes Leben“. Er hatte ein Haus gebaut, einen Job, Familie. „Jeder kannte mich als Ingenieur, Priester und Musiker.“ Als sein Leben plötzlich bedroht war, gab er alles auf.

Die Regeln von Dublin sind dem 35-Jährigen unbegreiflich. „Deutschland liegt mitten in Europa“, sagt er. Jeder Flüchtling, der auf dem Land- oder Seeweg komme, müsse über ein anderes Land nach Deutschland einreisen. Ein sicheres Leben in Deutschland scheint ihm vor dem Hintergrund dieser Regeln unmöglich.

Christian Wenger-Rosenau, Geschäftsführer der gleichnamigen Windenergiefirma, würde Kadiri-Yakubu gerne weiter unterstützen. Im Dezember hatte er den Flüchtling aus dem Tschad bei einem Konzert in Wuthenow kennen gelernt. Als er erfuhr, dass Kadiri Yakubu schon in Afrika bei Bauprojekten mitgearbeitet hatte, bot er ihm ein Praktikum an. Die fehlenden Deutschkenntnisse seines neuen Praktikanten störten ihn nicht – Wenger-Rosenau selbst und seine Kollegen sprechen gut Englisch.

Dass das Bundesamt Kadiri-Yakubu zurück nach Italien schicken will – „das ist für mich sehr schade“, sagt Wenger-Rosenau. Er würde Kadiri Yakubu wirklich gerne eine Chance in seinem Unternehmen geben.

Von Frauke Herweg

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