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Kernkraftwerk Rheinsberg ist ein Sonderfall

Rückbau bis 2025 Kernkraftwerk Rheinsberg ist ein Sonderfall

Der Rückbau des Kernkraftwerks Rheinsberg geht langsam voran. Bis 2025 soll der einstige „Produktionsbereich“ abgerissen sein, nur die Bürogebäude bleiben dann noch übrig. Demnächst entsteht eine neue Kommandozentrale, die alte Blockwarte hat ausgedient. Das Kernkraftwerk ist noch immer einer der größten Arbeitgeber in Rheinsberg.

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Noch stehen sie, aber bis 2025 sollen alle Teile, die direkt mit der Kernkraft zu tun hatten, zurückgebaut werden.

Quelle: Peter Geisler

Rheinsberg. Ein kleiner, aber wichtiger Schritt für den weiteren Abbau des Kernkraftwerkes in Rheinsberg ist geschafft. Die Atomaufsicht des Landes in Potsdam hat den Plan für den Aufbau einer neuen Lüftungsanlage genehmigt. Fachleute können demnächst beginnen, die neue Be- und Entlüftung außerhalb des alten Reaktorgebäudes aufzubauen. Sie soll künftig die rund 320 Räume im sogenannten Kon­trollbereich – dem Teil des einstigen Kraftwerkes, in dem mit Strahlung zu rechnen ist – mit Luft versorgen. Die bisherige Lüftungsanlage ist Teil des hochsensiblen Bereichs und muss wie alles andere dort bald abgebaut werden. Damit die Mitarbeiter auch danach weiterarbeiten können, muss vorher zwingend eine neue Anlage her.

Als das Kernkraftwerk zwischen Nehmitzsee und Stechlin in den 60er Jahren in Betrieb ging, war es der größte Arbeitgeber in der Region. Hunderte Menschen waren dort angestellt: Wissenschaftler, Ingenieure, Techniker, Planer. Im Juni 1990 wurde das Kraftwerk abgeschaltet. Seit 1995 läuft der geordnete Rückbau. Auch 22 Jahre später ist der Atombetrieb noch immer der größte Arbeitgeber in Rheinsberg. Etwa 120 Menschen sind dort zurzeit angestellt. Wenn alles läuft wie geplant, sollen in einigen Jahren etwa 100 Mitarbeiter dazukommen.

Seit den 60er Jahren ist die Blockwarte das Kontrollzentrum der  Anlage

Seit den 60er Jahren ist die Blockwarte das Kontrollzentrum der Anlage. Noch heute laufen dort sämtliche Leitungen zusammen. Jetzt muss eine neue Blockwarte gebaut werden.

Quelle: Wolfgang Mallwitz/Archiv

Die 220 Leute sollen sicherstellen, dass der sogenannte Produktionsbereich des einstigen Kernkraftwerks bis 2025 komplett verschwindet. Alle Bauten, die mit Strahlung in Berührung gekommen sind, sollen abgebaut werden. So sieht es das aktuelle Konzept des Entsorgungsbetriebs für Nuklearanlagen (EWN) vor. Das bundeseigene Unternehmen hat nach der Wende die DDR-Atomanlagen übernommen, die in Rheinsberg ebenso wie die bei Greifswald.

Mehr als 20 Jahre arbeiten die Rheinsberger schon daran, ihre einstige Zukunftsvision dem Erdboden gleich zu machen. Die Brennstäbe sind Mitte der 90er Jahre abtransportiert worden. Und auch der am stärksten verstrahlte Teil, der Reaktordruckbehälter, wurde 2007 von Rheinsberg ins Zwischenlager nach Lubmin bei Greifswald gefahren. „99,9 Prozent der Strahlung sind damit verschwunden“, sagt Jörg Möller: „Das eigentliche Kernkraftwerk gibt es so gar nicht mehr. Möller leitet die Abteilung Projektplanung in Rheinsberg. Was ihm und seinen Kollegen jetzt Kopfzerbrechen bereitet, ist die Hülle. Auch die hat es in sich.

In den Wänden ist die Strahlung höher als erwartet

„Als wir 1990 das Konzept für den Rückbau ausgearbeitet haben, haben wir den Gebäudeteil unterschätzt“, sagt Möller heute. Lange haben Fachleute gehofft, sie müssten nur die am stärksten strahlenden Teile ausbauen und könnten das Drumherum dann stehen lassen, bis die radioaktive Strahlung nach 50 Jahren innen so weit nachgelassen hat, dass die Gebäude ohne großes Risiko abgerissen werden können. Inzwischen ist klar: Die Strahlung ist viel weiter in Beton und Leitungen gedrungen als erwartet. Als die stark strahlenden Anlagen entfernt waren, blieb noch viel Radioaktivität übrig.

Der aktuelle Plan der EWN sieht deshalb vor, den gesamten Produktionsbereich bis 2025 zu beseitigen. Beton, der nicht belastet ist, kann recycelt werden. Alles, was mehr Strahlung enthält als erlaubt, muss ins Zwischenlager nach Lubmin. Die Ingenieure planen, dass in der Hochphase des Rückbaus 40 Tonnen Beton am Tag aus den Wänden gesägt und gestemmt werden.

Blick auf den Reaktor

Blick auf den Reaktor: Der sogenannte Druckbehälter wurde schon 2007 aus Rheinsberg ins Zwischenlager nach Lubmin bei Greifswald gebracht.

Quelle: Peter Geisler/Archiv

Genau wie die alte Lüftung müssen auch Leitungen und Rohre im Inneren ausgebaut werden. Strom brauchen die Mitarbeiter aber weiter – also muss vorher ein neues, alsternatives Stromnetz aufgebaut werden, das die Anlage von außen mit Energie versorgt. Auch die sogenannte Blockwarte muss verschwinden, die Kommandozentrale, von der aus einst der Reaktor überwacht wurde. Dort laufen noch immer alle Systeme zusammen: Brandmeldeanlage, Stromversorgung, Heizung. Die Blockwarte zierte einst den Zehn-Mark-Schein der DDR. Damit die Anlage ausgebaut werden kann, entsteht in den kommenden Monaten im nicht belasteten Verwaltungsgebäude des Kraftwerks eine neue Schaltzentrale, die alle Aufgaben der alten übernehmen wird. Das alles gehört noch zu den vorbereitenden Arbeiten; die sollen bis 2020 abgeschlossen sein. Erst danach beginnt der Abriss des Gebäudes. Vorausgesetzt, das Land erteilt die Genehmigung für diesen Plan; die liegt noch nicht vor.

Das Rheinsberger ist ein eher kleines Kraftwerk. Trotzdem ist der Abriss besonders kompliziert. „Es gibt Kraftwerke, bei denen hat der Rückbau später begonnen, ist aber schon weiter“, sagt Jörg Möller. Doch in Rheinsberg wurde nicht nur Strom erzeugt – dort wurde auch jahrzehntelang geforscht. Der „Kontrollbereich“ hat deshalb mehr als 300 Räume. Jeder muss einzeln aufwendig von Strahlung befreit werden. Möller: „In anderen Kraftwerken gibt es das so nicht.“ Rheinsberg war stets ein Sonderfall.

Von Reyk Grunow

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