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Kinderschutzgesetz: Fachleute ziehen Bilanz

Neuruppin Kinderschutzgesetz: Fachleute ziehen Bilanz

Vor viereinhalb Jahren war das neue Bundeskinderschutzgesetz in Kraft getreten. Bei einer Tagung in Neuruppin ziehen Fachleute am Freitag Bilanz. Das Gesetz habe mehr Aufmerksamkeit für Fragen des Kinderschutzes geschaffen, sagte Stefanie Kleine von der Stabsstelle Kinderschutz in einem Interview.

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Stefanie Kleine, Stabsstelle Kinderschutz

Quelle: Frauke Herweg

Neuruppin. Vor viereinhalb Jahren trat das neue Bundeskinderschutzgesetz in Kraft. Beim Fachtag Kinderschutz der Agus/Gadat Berufliche Schulen Neuruppin ziehen am Freitag Fachleute aus der Region Bilanz. Ein Gespräch mit Stefanie Kleine von der Stabsstelle Kinderschutz des Landkreises.


MAZ:
Das Bundeskinderschutzgesetz soll Kinder besser vor Vernachlässigung und Misshandlungen schützen, aber auch Eltern besser über Hilfs- und Beratungsangebote aufklären. Was hat das Gesetz aus Ihrer Sicht gebracht?

Stefanie Kleine: Das Gesetz hat sicherlich eine höhere Aufmerksamkeit für Fragen des Kinderschutzes geschaffen. Durch das Gesetz bekommen Erzieher, Lehrer, Ärzte und alle die, die mit Fragen des Kinderschutzes in Berührung kommen könnten, einen klareren Auftrag.

Was heißt das zum Beispiel für Ärzte, die ja eigentlich eine Schweigepflicht haben?

Kleine: Ein Arzt ist jetzt rechtlich eindeutig befugt, einen Kinderschutzfall zu melden – Kindeswohl geht vor Datenschutz.

Was hat das Gesetz in Ostprignitz-Ruppin verändert?

Kleine: Unter anderem haben wir seit 2013 zwei Fachkräfte, die in Kinderschutzfragen beraten. Haben Erzieher oder Lehrer den Verdacht, dass ein Kind gefährdet sein könnte, können sie diese Fachkräfte um fachliche Expertise bitten. Außerdem hat der Landkreis seit 2013 eine Familienhebamme, die junge Eltern in schwierigen Lebenssituationen berät. Es wurden Familienzentren aufgebaut, sowie erste Vernetzungsrunden zum präventiven Kinderschutz. Selbstverständlich haben wir auch Fortbildungsangebote zum Bundeskinderschutzgesetz für Träger der Kinder- und Jugendhilfe, der Schulen und weitere Akteure gemacht.

Seit vergangenem Jahr gibt es zudem die Stabsstelle Kinderschutz im Jugend- und Betreuungsamt. Was genau sind die Aufgaben dieser Stabsstelle?

Kleine: Der Auftrag der Stabsstelle ist es, die Inhalte des Bundeskinderschutzgesetzes im Landkreis umzusetzen. Wir wollen die frühen Hilfen ausbauen und vernetzen. Dafür soll es künftig auch eine Homepage geben, auf der alle Angebote eingepflegt und verlinkt sind. Außerdem wollen wir die Handlungssicherheit der Gesellschaft und der Berufsgruppen, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, für den Fall einer möglichen Kindswohlgefährdung stärken.

Wie oft bekommt das Jugendamt eine Meldung, dass das Wohl eines Kindes gefährdet sein könnte?

Kleine: 2012 hatten wir 98 Meldungen, 2013 waren es 69 und 2014 gab es 110 Meldungen. Es wird im Jugendamt jeder Meldung nachgegangen, aber nicht immer liegt eine gravierende Gefährdung des Kindes vor. Das Bundeskinderschutzgesetz hat dazu geführt, dass es insgesamt mehr Meldungen gab. Dieses Mehr an Meldungen hatte aber nicht unmittelbar ein Mehr an Inobhutnahmen zur Folge. Es zeigt nur die erhöhte Aufmerksamkeit.

Woran erkenne ich, dass das Kindswohl gefährdet sein könnte?

Kleine: Dafür gibt es keine Definition und kein einfaches Raster. Die Situationen und mögliche Anzeichen sind sehr unterschiedlich. Besondere Aufmerksamkeit sollte gelten, wenn sich ein Kind stark verändert – körperlich oder seelisch abbaut. Bei vermehrt auftretenden Verletzungen gibt es für einen Arzt möglicherweise klarere Indizien.

Wie sollten Erzieher oder Lehrer vorgehen, wenn sie glauben, ein Kind bräuchte Hilfe?

Kleine: Am Anfang sollte ein Gespräch mit dem Kind stehen und auch mit den Eltern – allerdings nur, wenn ein solches Gespräch ein Kind nicht erst recht gefährdet. Wenn die Eltern nicht kooperativ sind, kann eine der beiden Kinderschutz-Fachkräfte eingeschaltet werden. Sie können einen fachlichen Rat geben. Bleibt auch weiterhin der Verdacht der Kindswohlgefährdung, muss der Allgemeine Soziale Dienst informiert werden.

Wo bekommen überforderte Eltern Hilfe?

Kleine: An vielen Stellen – etwa bei den Erziehungsberatungsstellen, bei der Trennungsberatung, beim Netzwerk Gesunde Kinder, bei den Familienzentren, bei der Familienservicestelle und natürlich auch bei den Mitarbeitern des Jugendamtes.

Mitunter bitten auch Jugendliche selbst um eine Inobhutnahme. Wo bekommen Jugendliche Hilfe?

Kleine: Kinder und Jugendliche können zur Beratung ins Jugendamt kommen. Für kritische Situationen hat das Jugendamt ein Notfalltelefon. Zudem gibt es drei Inobhutnahmestellen bei Jugendhilfeeinrichtungen in Kyritz, Wittstock und Neuruppin.

Mehr Schutz vor Misshandlung

Das Bundeskinderschutzgesetz war unter dem Eindruck mehrerer Kindstötungen entstanden – von Jessica, die in Hamburg an den Folgen von Mangelernährung gestorben war, und Lea-Sophie, die 2008 in Schwerin verhungerte. Am 1. Januar 2012 trat das Gesetz in Kraft. Sein Ziel: Kinder besser vor Misshandlungen schützen.

Eltern sollen mithilfe des Gesetzes besser über Hilfs- und Beratungsangebote informiert werden. Bundesweit wurden Familienhebammen eingeführt, die gefährdete Familien unterstützen.

Ärzte, Psychologen, Erzieher und alle, die professionell mit Kindern zu tun haben, sollen durch das Gesetz Handlungs- und Rechtssicherheit bekommen. Ärzte und Psychologen, die Hinweise auf Misshandlung oder Vernachlässigung bekommen, müssen diese Hinweise weitergeben.

„Jugendamtshopping“ soll mithilfe des Gesetzes vermieden werden. Jugendämter müssen sich beim Umzug einer Familie austauschen, damit wichtige Hinweise nicht verloren gehen.

Einrichtungen haben einen Anspruch auf fachliche Hilfe in Kinderschutzfragen. In Ostprignitz-Ruppin helfen zwei Fachkräfte im Gesundheitsamt mit ihrer Expertise weiter.


Von Frauke Herweg

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