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Ostprignitz-Ruppin Klärschlamm fürs Blumenbeet
Lokales Ostprignitz-Ruppin Klärschlamm fürs Blumenbeet
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00:20 12.11.2017
Rund um die Kläranlage liegen Neuruppins alte Rieselfelder, in denen früher das Abwasser versickerte. Sie bieten viel Platz für die große Vererdungsanlage, sagt Artur Dzasokhov. Quelle: Peter Geisler
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Neuruppin

Der Witz war kurz und doch kannte ihn im Osten vor der Wende fast jeder: Warum sind Ossis bei Firmen im Westen als Mitarbeiter so beliebt? Weil sie wissen, wie man aus Kacke Bonbons macht. Bonbons wollen die Stadtwerke Neuruppin nicht produzieren. Sie sind schon froh, wenn aus dem Abwasser in ihrem Klärwerk Gartenerde wird.

Dass das klappen kann, hält Artur Dzasokhov von den Stadtwerken in Neuruppin für realistisch. 2013 hat der Neuruppiner Abwasserentsorger eine sogenannte Klärschlammvererdungsanlage in Betrieb genommen.

Klärschlamm ist ein Abfallprodukt aus der Abwasserreinigung. Im Klärwerk entsteht aus Abwasser weitgehend sauberes Wasser, Gas und eben Schlamm. Der ist reich an Nährstoffen und wird deshalb bisher häufig als Dünger in der Landwirtschaft eingesetzt. Doch für immer mehr Betreiber von Kläranlagen wird das zum Problem. Die Bundesregierung ist dabei, Vorschriften derart zu verschärfen, dass etliche Anlagenbetreiber fürchten, künftig auf dem Schlamm sitzen zu bleiben.

Riesige Becken auf dem Gelände der ehemaligen Rieselfelder fangen den Schlamm auf. In den Becken wächst Schilf, das aus dem Abfall der Kläranlage Gartenerde macht. Quelle: Peter Geisler

„Ich halte wenig davon, Klärschlamm als Dünger auf die Felder zu fahren“, sagt Artur Dzasokhov ganz klar. Natürlich enthält der Schlamm viele Mineralstoffe und Spurenelemente. Aber auch immer mehr Rückstände von Medikamenten und Hormonen, die im Abwasser schwimmen und in den Kläranlagen meist nicht herausgefiltert werden. Sie setzen sich im Schlamm ab. Kommt der auf die Felder, dann gelangen die Medikamentenrückstände auch dorthin, werden von den Pflanzen aufgenommen und gelangen erst recht in die Nahrung.

Die Stadtwerke haben sich für eine andere Lösung entschieden. Sie sammeln den Schlamm aus ihrer Kläranlage in vier mehrere Hektar großen Becken. Die sind etwa drei Meter tief. Folie sorgt dafür, dass aus den Becken nichts in die Umwelt sickern kann. Eine Schicht aus Kieselsteinen liegt auf der Folie, darüber wächst in einem Substrat ein besonderes Schilf. Die Pflanzen der Art Phragmites australis bilden dichte Wurzeln, sogenannte Rhizome.

In diese Becken leiten die Stadtwerke-Mitarbeiter seit 2013 den Schlamm aus ihrer Kläranlage, etwa 20 000 bis 25 000 Kubikmeter im Jahr. Nach und nach steigt der Pegel, jedes Jahr ein wenig mehr. Die Schilfpflanzen entziehen dem Schlamm die Nährstoffe und wandeln ihn nach und nach in Erde um. Das Wasser aus der zähflüssigen Brühe verdampft oder wird am Boden abgepumpt. Übrig bleibt am Ende Pflanzerde, sehr reich an Mineralien und anderen Stoffen.

Ein Zwischenspeicher für wenigstens acht Jahre

Am Anfang gingen die Neuruppiner Stadtwerke davon aus, dass die Anlage etwa acht Jahre lang sämtlichen Klärschlamm aufnehmen kann. Dann soll die Erde abgebaggert werden. Eine Schicht mit den Rhizomen bleibt erhalten, so dass die Becken neu befüllt und weitergenutzt werden können. Das Schilft wächst wieder nach.

„Wir waren eine der ersten, die eine so große Anlage in Betrieb genommen haben“, sagt Dzasokhov. Damals war an die so viel strengeren Vorgaben für Düngemittel und die Probleme bei der Entsorgung des Schlamms noch nicht zu denken. „Heute sind wir froh, dass wir die Ablage haben“, sagt Dzasokhov. Zumindest für die nächste Jahre wissen die Neuruppiner, wo sie ihren Klärschlamm lassen können. Die Anlage läuft so gut, dass der Entsorger inzwischen davon ausgeht, dass die Becken sogar zwölf Jahre oder mehr ausreichen.

Wegen der strengeren Vorschriften interessieren sich immer mehr Kläranlagenbetreiber für das Modell aus Neuruppin. Ein Allheilmittel ist es aber nicht. „Für uns wäre eine Vererdungsanlage nichts“, sagt Anke Freitag vom Trink- und Abwasserzweckverband Lindow/Gransee (TAV). Der Verband betreibt eine Kläranlage in Schönermark bei Gransee und bringt seinen Schlamm bisher als Dünger aufs Feld. „Das ist jetzt noch erlaubt“, sagt Anke Freitag. Aber auch sie weiß, dass die Vorgaben noch strenger werden.

Jahr für Jahr steigt der Pegel des Klärschlamms in den Becken. Nach etwa zwölf Jahren ist de Oberkante erreicht und die Erde kann abgebaggert werden. Das Schilf wächst mit. Quelle: Peter Geisler

Mehrere Zweckverbände haben sich deshalb zusammengesetzt und über neue Lösungen nachgedacht. Vererdungsanlagen brauchen sehr viel Platz. Neuruppin nutzt dafür die alten Rieselfelder, den meisten Zweckverbänden fehlt aber die Fläche. Für sie kommt eigentlich nur eines infrage: Sie lassen ihren Klärschlamm verbrennen.

Das tun manche Betreiber jetzt schon. Ein Nachteil: Verbrennungsanlagen brauchen sehr viel Klärschlamm. Mehrere Verbände müssten sich zusammentun und eine zentrale Anlage bauen. Anke Freitag ist sicher, dass sie darum nicht herumkommt. „Aber ökologisch sinnvoll ist das nicht“, sagt die TAV-Chefin. Für eine zentrale Verbrennung müssten mit großen Tanklastwagen hunderttausend Kubikmeter Klärschlamm durch die Gegend gefahren werden. Das bedeutet eine enorme Menge an Abgas.

Auch die Stadtwerke verhandeln noch mit den Umweltbehörden, was sie mit ihrer Erde tun können, wenn die fertig ist. „Für die Landwirtschaft ist sie nicht geeignet“, glaubt Artur Dzasokhov; auch in den Schilfbeeten sammeln sich Hormone, Antibiotika und andere Stoffe. Allenfalls für Blumenrabatten oder ähnliche Flächen wäre die Erde brauchbar. Zurzeit experimentieren die Stadtwerke an einer Ablage, die dem Boden einen Teil des Phosphors entziehen soll, der im Klärschlamm reichlich enthalten ist. Phosphor ist ein wertvoller Dünger und wird bisher von weither importiert. Dzasokhov: „Aber warum sollen die Landwirte sich den aus Chile kommen lassen,wenn wir ihn hier selbst produzieren können.“ Eine Studentin arbeitet in Neuruppin gerade für ihre Masterarbeit an dem Problem.

Von Reyk Grunow

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