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"Knatter-Abitur" vor 60 Jahren

Ehemalige Kyritzer Schüler treffen alle zwei Jahre "Knatter-Abitur" vor 60 Jahren

Da wird er wieder stehen, der Tischwimpel "Verein Schiefe Fresse", wobei das "i" ohne Punkt geschrieben ist. Der Wimpel begleitet die Abiturklasse des Jahres 1953 der damaligen "Oberschule Kyritz", heute "Friedrich-Ludwig-Jahn-Gymnasium", nunmehr über sechs Jahrzehnte.

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Rückkehr in die alte Heimat: 50 Jahre Abitur wurden in Kyritz gefeiert.

Quelle: Privat

Kyritz. Eine Klasse, die zum Herbst 1945 aus Kyritzer, Heim- und Fahrschülern zusammengesetzt wurde. Ein junger, bunter Haufen unmittelbar zu Beginn der Nachkriegszeit ‒ und damit auch mit all deren Folgen konfrontiert.

In feuchtfröhlicher Runde mit ihrem schon wesentlich älteren Lateinlehrer im Kyritzer Gasthaus "Probst", damals in der Johann- Sebastian-Bach-Straße gelegen, wurde im Oktober 1952 von einer Schülergruppe die kühne Idee geboren, nicht einen Verein zu gründen, sondern ein Verein zu sein! Das war schon damals einigermaßen verwegen. Die Namensfin-dung ging auf Vorschlag des Lehrers und wohl mit Blick auf den Wirt zurück, dessen Gesichtszüge etwas schief geraten waren. Und man gab sich ein "Statut", in dem es unter Paragraf 4 Tagungsort nach wie vor heißt: "HO-Hotel ‚Zur Knatter’ in Kyritz, Bez. Potsdam, Zeit: 3. Weihnachtstag jeden Jahres um 12 Uhr". Das gelang erfolgreich nur wenige Jahre, dann nahm die Teilnahme ab. Zunehmend nach Familiengründungen murrten die Ehefrauen, dass ihre Männer kurz nach Weihnachten auf Reisen gingen. Um die Treffen trotzdem möglich zu machen und die Frauen dabei nicht zu verärgern, wurden diese dann als ständige Gäste eingeladen und Termin wie Ort der Feiern variabel gehandhabt.

Inzwischen sind alle zu einem trauten Kreis zusammengewachsen. Dies ist umso bemerkenswerter, als die politische Situation 1953 Klassenkameraden kurz vor dem Abitur veranlasste, die DDR und damit auch die Schule zu verlassen. Die Gruppe war getrennt und fand nach der Wende wieder zueinander. So kann auch eine Schulklasse einen Teil eines wichtigen Zeitabschnitts deutscher Geschichte widerspiegeln.

Man trifft sich seit Langem ununterbrochen alle zwei Jahre. Eine schöne, über diese Distanz sicherlich nicht so oft zu findende Tradition. Dabei hat stets den weitesten Weg das einzige Mädel der Klasse, Spitzname Fritze, heute Elfriede Blanco-Gonzalez, Doktorin der Philosophie und in den USA lebend: "Dass wir alle immer wieder da sind, ist doch auch erstaunlich. Vielleicht waren wir durch die Erlebnisse der Kriegs- und Nachkriegsjahre besonders eifrig oder fähig, Freundschaften wertzuschätzen. Ich als Auswanderer habe die Verbindungen zu meiner ,Heimat’ immer sehr wertgeschätzt."

Manfred Röhrs, Spross einer alteingesessenen Kyritzer Bauunternehmerfamilie und seinerzeit Klassenjüngster, sieht einen weiteren Grund des Zusammenhalts "vorwiegend in der Person des Ideengebers und des Organisators der Treffen. So hat unser leider zu früh verstorbene Dietrich Kubillus fast 40 Jahre die Fäden in der Hand gehabt, auch mit Teilerfolgen im geteilten Deutschland. Unser Bruno Lünser hat das Amt dann fast 20Jahre mit dem ihm eigenen starken Willen fortgesetzt", sagt der promovierte Ingenieur.

Ein Album, seit einem Jahrzehnt fortlaufend geführt, erinnert in Schrift und Bild an die Begegnungen. Zum 50. Jahrestag Abitur hatten sich die ehemaligen Schüler wieder in Kyritz an der Knatter eingefunden. Der Professor, Fachlehrer, der Heizungsbaumeister, promovierte Ärzte für Mensch und Tier und viele mehr. Sie erinnerten sich natürlich auch an die Abi-Fete in der Gaststätte auf dem Untersee, bekamen in der Aula ihrer ehemaligen Schule nach einer Führung eine Urkunde vom Leiter des Gymnasiums überreicht. Eine Busfahrt ins Blaue führte schließlich nach Kampehl. Das Wiedersehen mit Ritter Kahlbutz und die nach der Wende vorteilhafte Entwicklung des Ortes beeindruckten und spiegelten sich in den Gesprächen im Landhotel "Ritterhof" wider.

Neben dem Austausch von Erinnerungen waren Besichtigungen immer Bestandteil der Treffen, so beispielsweise in Bantikow, Wusterhausen, Rheinsberg, mehrfach Berlin, Schierke, Weimar, Potsdam, Würzburg, Lüneburg. Ja, diese Gruppe war von jeher mobil: Als Schüler mit ihrem Klassenlehrer Gerhard Kammer auf Ferienfahrten in die Sächsische Schweiz, den Harz, den Thüringer Wald, oder wenn der angehende Abiturient Paul Abisch aus Hohenofen bei einem Klassenausflug mit seinem nagelneuen Fahrrad ‒ wir schreiben wohlgemerkt das Jahr 1952 ‒ einer mickrigen Wette wegen so weit wie möglich in Stolpe nahe Kyritz in den Obersee fuhr! Vor zwei Jahren bei ihrem Treffen im schönen Lüneburg realisierten die Altschüler auch, dass diese Stadt und Kyritz neben anderen über "Die Hanse" nach wie vor verbunden sind.

In wenigen Tagen wird er wieder da stehen, der Tischwimpel anlässlich des Treffens 60 Jahre Abitur. Diesmal in Burg (Spreewald). Die ehemaligen Kyritzer Schüler bleiben also bei Jubiläen dem Land Brandenburg treu. Aber der Wimpel wird immer noch keinen Punkt auf dem "i" haben! Das ist jedoch eine andere Geschichte.

*Der Autor war 1953 Abiturient der "Oberschule Kyritz" und lebt heute in Berlin.

Von Klaus Küster*

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