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Kyritz: 10000-Euro-Geldsegen für Gnadenhof

Tierschutz Kyritz: 10000-Euro-Geldsegen für Gnadenhof

Ein Berliner Radiosender hat ein Tierhilfsprojekt, das bei Kyritz entstehen soll, als Gewinner einer Internetabstimmung mit einem hohen Geldpreis beglückt. Doch es gibt viele Fragen, die sich rund um diese Aktion „Gnadenhof“ stellen. Die ambitionierten Tierschützer sind sich unterdessen bewusst, dass sie etwas „blauäugig“ an das Vorhaben rangegangen sind.

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Jutta Oflas mit ihrer Freundin Bettina Schulze (r.) und „Gassi-Gängerin“ Kirsten Schmidt (l.).

Quelle: Sender

Kyritz. Es gibt leerstehende Immobilien wie aus dem Bilderbuch. Da steht der Gartenzaun windschief. Am Haus dahinter bröckelt selbstverständlich der Putz. Das Gelände drumherum ist verwildert. Ein Lkw mehr, der dort unmittelbar an der B 103 am Kyritzer Ortsteil Gantikow vorbeidonnert, und ein Dachziegel könnte fallen. Das kleine Messingschild am mausgrauen Wellblechtor verweist auch noch auf einen passenden Namen – der allerdings etwas ganz anderes meint: Schwarz graviert steht „Gnadenhof Kyritz e. V.“ darauf geschrieben.

Man musste nicht unbedingt ein aufmerksamer Radiohörer sein in den vergangenen Tagen, um von diesem Namen schon einmal zu erfahren. So eindringlich oft verkündete der Berliner Rundfunk diesen Gnadenhof als einen seiner Gewinner bei der Aktion „50 000 Euro für Berlin. Unser Geschenk für eine bessere Stadt“. Im Facebook-Auftritt ist es so formuliert: „Wieder habt ihr einen Verein glücklich gemacht: Die nächsten 10 000 Euro gehen an den Gnadenhof Kyritz! Herzlichen Glückwunsch! Wer ist der Nächste? Eure Stimme entscheidet!“

Der Gnadenhof soll nach Kyritz ziehen

Um bei der Internetabstimmung mitmachen zu dürfen, musste sich dafür angemeldet werden. Die Frage „Warum wir das Geld bekommen sollten?“ beantwortete Jutta Oflas von dem Verein, der sich erst noch in Gründung befindet, so: „Meine Freundin und ich retten privat kranke misshandelte und vom Tod bedrohte Hunde vorwiegend aus dem Ausland, holen sie zu uns nach Rudow und pflegen sie dort wieder gesund. Leider musste einiges an unserem alten Haus renoviert werden, vor allem das Bad, eine ebenerdige Dusche wäre so schön oder ein eigener Lernparcours für unsere Schützlinge, denn viele haben so große Angst, da fällt eine Fahrt zur Hundeschule leider aus. Bitte! Wir stemmen das alles privat, denn unser Verein ist noch in der Gründung. Eure Hilfe wäre so wichtig. Danke.“

Rudow? Kyritz? Wie das zusammenpasst, erklärt Jutta Oflas auf Nachfrage: „Wir arbeiten seit einem Jahr daran, mit unserem Gnadenhof nach Kyritz umzuziehen, dort wäre der ideale Platz angesichts der rund 3000 Quadratmeter.“

Das verfallene Gehöft steht unmittelbar an der B 103

Das verfallene Gehöft steht unmittelbar an der B 103.

Quelle: Matthias Anke

Dieses schon weit außerhalb des eigentlichen Dorfes Gantikow gelegene Gehöft habe die Berlinerin eher zufällig erworben. Ihre Nachbarin, eine gute Bekannte, gab den Tipp. „Anfangs ging alles zügig voran, wir hatten viele Helfer“, sagt Oflas. Doch dann sei ihr das Bauamt des Landkreises in die Quere gekommen und auch noch die Helfer ausgeblieben.

„Ich bin da blauäugig reingegangen“

Unterdessen kritisierten in der Region längst engagierte Tierschützer dieses im Aufbau befindliche Projekt. Die Rede ist von einer „Klabache“, mit der sich die Berlinerin übernehmen würde. „Ich hatte nicht geahnt, dass das Haus so marode ist. Ich bin da blauäugig reingegangen“, gesteht sich Jutta Oflas mittlerweile ein. Sie rechnet daher mit mindestens noch einem weiteren Jahr, in dem sie und ihre Freundin Bettina Schulze vom Verein dort Hand anlegen müssen, bevor sie mit den zehn eigenen Hunden, Hasen und der Katze sowie den vielen Pflegehunden umziehen können.

So lange muss das Domizil in Rudow genutzt werden, wo die Nachbarn viel näher dran sind als im abseits gelegenen Gantikower Gehöft. Oflas’ Wunsch nach einer „ebenerdigen Dusche“ beziehe sich daher auch auf Rudow. Es geht dabei vielmehr jedoch um einen ebenerdigen Waschplatz. „Wir haben so dicke Hunde, die kann man nicht einfach hochheben“, erklärt sie. Andere Hunde würden sich überhaupt nicht anfassen lassen. Es sind aufgrund von Misshandlungen sogenannte Angsthunde. Um diese zu therapieren, solle ein Teil des Radiogewinns für speziell ausgebildete Trainer ausgegeben werden. Mit solchen Hunden könne man auch nicht einfach im Auto zum Tierarzt fahren. Um ihnen zu helfen, brauche es also ständig Unterstützung, und die erhalte der Verein leichter als schlicht Privatpersonen. „Wir warten nur noch auf die Eintragung“, sagt Jutta Oflas.

Die Umzugspläne waren bekannt

Dass bei der Radioaktion damit also ein Verein gewann, der noch gar kein richtiger Verein ist und zudem kein waschechter Berliner, ist für den Berliner Rundfunk kein Problem. „Wir senden ja nicht nur für Berlin, sondern für Berlin und Brandenburg“, betont Sendersprecherin Doro Manz. Die Umzugspläne seien bekannt gewesen. Zudem ist die noch laufende Aktion „Unser Geschenk für eine bessere Stadt“ nicht zwangsläufig für Vereine gedacht. „Wir wollen das Engagement unterstützen, das gilt für Gruppierungen und Initiativen gleichermaßen.“ Der Sender mache sich zudem bei persönlichen Besuchen vorab ein Bild von den Bewerbern. Die weiteren Gewinner bei dieser Aktion sind bislang die DLRG Müggelsee und die Berliner Obdachlosenhilfe.

Dass zwischen all den Hilfsprojekten für Menschen von Obdachlosen über Kranke bis Waisenkinder ausgerechnet diese Tierhilfe nun zu den ersten Siegern gehört, dürfte vor allem am speziellen Thema „Gnadenhof“ an sich liegen, was mit gewöhnlichen Tierheimen nicht zu verwechseln ist (siehe Infoblock). „Ohne uns wären diese Hunde dem Tod geweiht“, erklärt Jutta Oflas. Ihre Kraft will sie deshalb auch weiterhin aufbringen. Es klingt, als könnte sie aus der Bilderbuch-Ruine in Gantikow eines Tages doch noch einen besseren Ort machen.

Kontakt: Wer Fragen hat oder Hilfe anbieten kann, erreicht den Verein unter 0178/9 79 17 17 oder im Internet bei Facebook unter „Gnadenhof Kyritz - Helfer&Spenden gesucht“.

Nicht mit einem Tierheim zu verwechseln

Gnadenhöfe sind nicht mit Tierheimen gleichzusetzen. Dennoch werden zu oft Tiere bei ihnen abgegeben, als wäre es ein Heim. Dabei kümmern sich die Akteure nur aus privater Initiative heraus um bestimmte Sorgenfälle.

Erfahrungen von Jutta Oflas, der bereits ein Hund auch über den Zaun in Gantikow geworfen worden sein soll, zeigen, wie viele Tierhalter dieses Engagement ausnutzen.

Bietet sich ihnen eine Gelegenheit, ihr Tier loszuwerden, würden es zahlreiche Halter sofort tun. Das bestätigen auch die Leute vom Gnadenhof im unweit von Gantikow entfernt gelegenen Kolrep, den es dort seit gut 13 Jahren schon gibt: In der Folge eines MAZ-Berichtes über einen verwahrlosten Hund, der in Kolrep voriges Jahr nur ausnahmsweise aufgenommen wurde, meldeten sich dort Dutzende Anrufer.

„Überforderten Tierhaltern muss geholfen werden, der Bedarf ist riesig”, bestätigte seinerzeit Ilona Paschen, die damals noch Vorsitzende des Ostprignitz-Ruppiner Tierschutzvereins war, sich seit kurzem aber verstärkt für Kolrep engagiert. Besonders bemerkbar habe es sich gemacht, als einst das Tierheim in Wusterhausen geschlossen wurde. Seither müssen weitere Wege gefahren werden, etwa zum Tierheim nach Papenbruch oder bis nach Rathenow.

Von Matthias Anke

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