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Kyritz Rettung aus der Hölle des Krieges
Lokales Ostprignitz-Ruppin Kyritz Rettung aus der Hölle des Krieges
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08:01 23.05.2014
Wer ein Bleiberecht hat, soll idealerweise in einer Wohnung statt in einem überfüllten Heim wie Treskow untergebracht werden. Quelle: Peter Geisler
Kyritz

Das Mehrgenerationenhaus ist nicht zerbombt, kein Fenster ist gesprungen. Auch die Glastür ist heil, durch die Said Al Sayed* eintritt. An den Bäumen vor dem Haus wachsen zwar keine Broiler, doch drinnen gibt es fließend Wasser. Schon das ist wie im Schlaraffenland. Aus dem Blickwinkel von Said. Allein diese Ruhe. Kein Schuss fällt.

Said Al Sayed setzt sich zu Birte Schmidt an den Tisch. Jeden Donnerstag erwartet sie dort an ihrem mobilen Arbeitsplatz Migranten, die im Raum Kyritz leben, zur Sprechstunde. Es sind Menschen mit Bleiberecht, für gewöhnlich Spätaussiedler. In den letzten Jahren kamen afghanische Kriegsflüchtlinge hinzu und Afrikaner aus Kenia oder Somalia. Es sind keine Asylsuchenden mehr, wie sie im Landkreis im Heim in Treskow untergebracht sind. Sie haben ein normales Wohnumfeld. Birte Schmidt, die „Migrationsberaterin für erwachsene Zuwanderer“ vom Verein „Esta Ruppin“ aus Neuruppin hilft bei Behördenfragen. Um alle unter 27-Jährigen kümmert sich in Kyritz in ähnlicher Weise Alexander Blocks vom Jugendmigrationsdienst „Evamigra“.

Saids Familie ist für sie ein Sonderfall. Er kommt aus dem Bürgerkriegsland Syrien und ist damit ein sogenannter Kontingentflüchtling „in akuter Notsituation“, wie es heißt. Schließlich wurden nach Angaben der Vereinten Nationen bei den Auseinandersetzungen in Syrien binnen zweier Jahre mindestens 100.000 Menschen getötet, 2,6 Millionen flohen. Nachdem Deutschland zugesagt hatte, zunächst bis zu 5000 Syrer aufzunehmen, entfielen nach bundesweitem Schlüssel 154 auf Brandenburg, wo sie auf einzelne Landkreise verteilt werden. Diese Syrer dürfen arbeiten, bekommen Eingliederungshilfe und können statt zunächst in Sammelunterkünften gleich in Wohnungen untergebracht werden.

In Neuruppin aber gibt es so gut wie keine freie Wohnung mehr. Also suchte der Landkreis in der gesamten Region. Ende vorigen Jahres bot sich die Stadt Kyritz speziell für „eine angemessene Zahl“ Syrer an. „Wir sind für jede Wohnung dankbar. Andererseits spielt die Vermittlung in Wohnungen für alle Nationalitäten eine große Rolle“, sagt Martin Osinski, Koordinator zwischen den Ruppiner Kliniken und dem Heim des Landkreises in Treskow, das von den Kliniken betrieben wird.

Die Kyritzer Stadtverordneten waren einem Fraktionsantrag von Franz Josef Conraths (Bündnis 90/Die Grünen und FDP) gefolgt. „Mit der Aufnahme von Flüchtlingen setzt die Stadt ein Zeichen der Humanität gegen das Töten und das Vertreiben von Menschen in Syrien“, hieß es. Dass nun seit geraumer Zeit eine erste syrische Familie in Kyritz lebt, erfuhr Conraths dieser Tage nur durch Zufall. „Schade, es stünde ja ein Unterstützerumfeld bereit.“

Möglicherweise soll auch zu viel Öffentlichkeit bei diesem Thema vermieden werden, kann es doch Befindlichkeiten wecken. Vorbehalte, wie sie etwa in Herzberg zu Tage traten, als der Landkreis dort nach einem Ausweichquartier für sein überfülltes Treskower Asylbewerberheim suchte. Dieses wird nach dem Sommer zwar so ausgebaut sein, dass 275 Plätze zur Verfügung stehen. Aber die reichen nicht, weil noch dieses Jahr knapp 190 Flüchtlinge sämtlicher Nationalitäten zu erwarten und die derzeit vorhandenen 160 Plätze bereits belegt sind.

Mobile Beratung für Zuwanderer

Als eine Pflichtaufgabe des Bundes ist über das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in der Region Neuruppin, Kyritz und Wittstock der Verein „Esta Ruppin“ mit der Beratung für erwachsene Zuwanderer beauftragt. Es geht um Ausbildungs- und Arbeitssuche, Behördenangelegenheiten aller Art, Freizeitgestaltung, Familienzusammenführung.
Diese mobile Beratung erfolgt im Landkreis Ostprignitz-Ruppin für unter 27-Jährige über den sogenannten Jugendmigrationsfachdienst „Evamigra“. Zu dessen Aufgaben zählen die Einzelfallberatungen, aber auch Geselligkeitsangebote, Netzwerkarbeit und zudem Veranstaltungen zur „interkulturellen Öffnung der aufnehmenden Gesellschaft“, wie es heißt.

Zuletzt bewertete die Verwaltung die Herzberger Alternative als nicht ideal, ebenso wie das dem Kreis angebotene ehemalige Mutter-Kind-Heim in Wusterhausen. Nun könnten die Nachbarlandkreise Barnim und Havelland helfen. Dort, in Zepernick und Friesack, kam es bereits zu Protesten. Meistens geht es um diverse „Ängste“: Halten die Flüchtlinge sich an Nachtruhe? An Mülltrennung? Kann man sich nachts noch auf die Straße wagen? Rechte nutzen das. Als die Debatte um zusätzliche Flüchtlinge aus Syrien voriges Jahr in Brandenburg aufkam, gründete sich im Internet auch eine auf Ostprignitz-Ruppin bezogene Facebook-Gruppe. Titel: „Keine Flüchtlinge in Kyritz bzw. OPR.“ Nach kurzer Zeit traten mehr als 200 Mitglieder bei, die den Ortsangaben und Familiennamen nach tatsächlich aus der Region stammen.

Die Gruppenbeschreibung suggeriert: „Wir sind nicht rechts, aber wir wollen keine Flüchtlinge hier, weil wir unsere eigenen Probleme haben.“ Anders der Inhalt: „Würden die ganzen linken Gutmenschen die zu Hause aufnehmen, anstatt die Gesellschaft zu plündern, gäbe es keine Probleme.“ Oder: „Ab in die gasbetriebene Dusche.“ Solche Gruppen gibt es mehrfach in Brandenburg. Sie tarnen sich als harmlose „Bürgerinitiativen“, wettern gegen Asylbewerberheime. Ingo Decker, Sprecher des Innenministeriums, bestätigte Medien gegenüber, dass hinter solchen Seiten Rechtsextreme stecken, die teils vom Verfassungsschutz beobachtet werden. „Logistik und Organisation dieser Proteste stammen zweifellos zu großen Teilen von der NPD.“

Ein Hintergrund, vor dem der Neu-Kyritzer Said mit seinem richtigen Namen nicht in die Öffentlichkeit und auch von seinem zu schweren Leidensweg nicht berichten möchte. Nur so viel: Nach über einem Jahr Flucht, wobei ihm seine Frau unterwegs noch einen Jungen gebar, erreichte die nun vierköpfige Familie das Erstaufnahmelager Eisenhüttenstadt.

Mittlerweile fährt Said mit dem Bus aus Kyritz täglich nach Neuruppin zum Deutschkurs. „Die Familie fühlt sich sehr wohl bei uns“, sagt Gabriele Schuster von der kommunalen Kyritzer Wohnungsbaugesellschaft. Birte Schmidt gegenüber signalisierten „ihre Klienten“, wie sie sagt, dennoch bereits, dass sie nach Syrien zurück wollen, sobald sich die Lage dort stabilisiert hat. Es ist eben ihre Heimat.

Von Matthias Anke

*Name geändert

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