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Kyritzer Ackerbürger sind unvergessen

Landwirtschaftsgeschichte Kyritzer Ackerbürger sind unvergessen

Noch weit bis ins vorige Jahrhundert hinein prägten die Ackerbürger das Bild der Kyritzer Innenstadt. Einer, der sich an die letzten von ihnen noch gut erinnert, ist Günter Gritzka. Der heute 84-Jährige arbeitete jahrzehntelang als Tierarzt.

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Der letzte Kyritzer Ackerbürger: Erich Stürmer.

Quelle: André Reichel

Kyritz. Über Jahrhunderte hinweg bildeten sie die Mehrheit in Deutschlands Klein- und Mittelstädten. Auch in Kyritz betrieben sie ihre meist kleine Landwirtschaft im Haupt- oder Nebenerwerb für den eigenen Bedarf, versorgten aber auch andere Gewerke mit entsprechenden Rohstoffen: die Ackerbürger.

Für sie gab es eine eigene Gilde, sprich Zunft oder Innung. Jeder, der in Kyritz Ackerbau betreiben wollte, musste dort Mitglied sein. Alles, was den Ackerbau und die Viehzucht betraf, war in der seit 1739 geltenden Gildenordnung bis ins Einzelne festgelegt. Von der Aussaat bis zur Ernte war alles genau vorgeschrieben. Aber es hieß beispielsweise auch: „Gänse, die frei umherlaufen, sollen sofort erschlagen werden.“

Je vier Gildemeister und Pfänder überwachten die Vorschriften und verhängten bei Verstößen Geld- oder Haftstrafen. Das war die Zeit, als Friedrich Wilhelm I., der Soldatenkönig in Preußen, noch das Zepter in der Hand hielt. Der Viehbestand betrug im Jahre 1740 14 Ochsen, 103 Kühe, 381 Schweine, 391 Pferde und 1990 Schafe. Angst und Schrecken bereiteten den Bewohnern die häufigen großen Stadtbrände und die immer wiederkehrende Pest. 1626 starben in wenigen Wochen 800 Menschen daran. So hatte Kyritz 1650 nur noch knapp 1000 Einwohner.

Große Schäden durch Viehseuchen

Auch Viehseuchen verursachten große Schäden. So überlebten 1750 nur 20 Nutztiere die vermeintliche Rinderpest. 1674 verbrannten 96 Häuser, die Schule und das Rathaus mit allen Akten und Urkunden.

Eine strukturelle Änderung in der Landwirtschaft brachten auch in Kyritz die Stein-Hardenberg’schen Reformen. Mit der Separation ab 1820 entstanden die Güter Klosterhof und Heinrichsfelde, Rüdow, Köhns Bau, Karl-Friedrichshof und Leppinsplan. Die Gemeinheitsteilungs Ordnung vom 7. Juli 1821 ermöglichte die Vereinheitlichung des bäuerlichen Einzelbesitzes durch „Zusammenlegung der vielfach zerstreuten Hufenanteile“. Furchtbare Brände gab es auch noch in den Jahren 1820 (60 Häuser, 32 Scheunen, 105 Ställe), 1824 (209 Häuser), 1825 Rathaus und 1828 (131 Wohnhäuser). Die Brandschutzordnung wurde daraufhin erheblich verschärft. Heu und Stroh durften nur noch außerhalb der Stadt gelagert werden. Dafür wurden am Rande der Stadt sogenannte Reihenscheunen, wie man sie noch heute in der Pritzwalker Straße sieht, gebaut.

Auf der Karte der Gemarkung Kyritz von 1882 sind außerdem 18 Feldscheunen verzeichnet.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts setzte eine gewisse Mechanisierung in der Landwirtschaft ein, die allmählich die Feldarbeit erleichterte. Zur Verbesserung der Milchviehhaltung wurde ein Rinderzuchtverein gegründet. Die Haltung einzelner Bullen wurde eingeschränkt und auf dem Hof von Carl Giese (heute Bach-Straße 50) wurden fünf Zuchtbullen gehalten. Der Name Bullenhof ist überliefert. Zur Futterversorgung stand die Wiese am nördlichen Teil des Bullengrabens, die Bullenwiese, zur Verfügung.

Kaum Platz für Kühe in der Innenstadt

In Kyritz gab es um diese Zeit etwa 75 kleinere und größere Ackerbürger. Ackerbau spielte dabei die Hauptrolle. Die Nutzviehhaltung besonders der Milchkühe war unter den engen räumlichen Verhältnissen in der Innenstadt nur beschränkt möglich.

Wie mühsam und beschwerlich die Arbeit eines Ackerbürgers auf dem beengten Hof seiner Eltern in der Hamburger Straße war, beschreibt Karl Heinz Wagnitz in seiner Familienchronik sehr ausführlich: „Wohnraum, Hof und Stall, alles sehr klein und die Wege zum Feld und zu den Wiesen sehr weit.“ Vater Karl Wagnitz dachte schon öfter an den Bau eines Hofes am Rande der Stadt nach. Dort in Wolfswinkel konnte 1937 das neue Gehöft mit besseren Arbeits- und Wohnbedingungen bezogen werden. Nach den neuen Bauernhöfen von Muth und Wernicke entstand damit der dritte stattliche Vier­seitenhof an der Straße nach Pritz­walk.

Zwischen 1933 und 1945 führte der „Reichsnährstand“ das Kommando in der Land- und Nahrungsgüterwirtschaft. Mit dem Ende des Dritten Reiches begann auch in Kyritz die Zeit der „Sowjetisch besetzten Zone“: Am 3. Mai 1945 wurde vom sowjetischen Stadtkommandanten Schukowitz der Tierarzt Doktor Vogel als Bürgermeister eingesetzt. Einschneidende Veränderungen wurden am 2. September 1945 auf einer Bauernversammlung in Kyritz mit der Ankündigung einer Bodenreform durch den KPD-Vorsitzenden Wilhelm Pieck in der Provinz Brandenburg eingeleitet. Die entsprechende Anordnung trat am 6. September in Kraft und war binnen zweier Monate umzusetzen. In ­Kyritz wurden dabei fünf Wirtschaften mit insgesamt 682 Hektar Land enteignet und an Kleinbauern und Flüchtlinge verteilt. Übergeben wurden noch neun Pferde und 41 Rinder.

Aus Ackerbürgern wurden Genossenschaftsbauern

1954 wurde in Kyritz die erste LPG gegründet. Ihr mussten 1960 die noch selbstständigen Bauern mehr unwillig als willig beitreten. Manche sagten auch, sie wurden „reingetreten“. Aus Ackerbürgern wurden Genossenschaftsbauern.

Nach der Wiedervereinigung Deutschlands löste sich die LPG Kyritz auf. Die Mehrheit der Nachkommen der früheren Ackerbürger war nicht mehr an einer landwirtschaftlichen Tätigkeit interessiert. Der Acker und das Grünland wurden an größere Unternehmen verpachtet.

Der letzte Ackerbürger von Kyritz ist Erich Stürmer aus der Weberstraße. Noch in diesem Oktober zog er als 84-Jähriger mit seinem Haflinger die Herbstfurche.

Zum Autor

Günter Gritzka und seine Frau Regina zogen 1959 in die Kyritzer Bahnhofstraße.

Sein Interesse, die Geschichte der Ackerbürger niederzuschreiben, liegt an Gritzkas früherem Beruf. Er wirkte in der Stadt jahrzehntelang als Veterinärmediziner. Der promovierte Tierarzt ist heute 84 Jahre alt.

Von Günter Gritzka

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