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Kyritzer Junge lebt mit einer Gehirnhälfte

Epilepsie-Behandlung in den Ruppiner Kliniken Kyritzer Junge lebt mit einer Gehirnhälfte

Anika Seifert dachte bis vor zwei Jahren, dass ihr Sohn Lucas (7) kerngesund ist. Plötzlich litt er an Zuckungen, starrte vor sich hin und konnte kaum noch sprechen. Karen Müller-Schlüter vom Sozialpädiatrischen Zentrum (SPZ) an den Ruppiner Kliniken stellte die Diagnose Epilepsie – ein Schock für die Familie. Bei einer Hirnoperation wurde dem Jungen eine Hemisphere still gelegt.

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Ein kleiner Kämpfer: Lucas (7) mit seiner Mutter Anika Seifert und seinem Ziehvater Danny Wenzel.

Quelle: Peter Geisler

Neuruppin. Der siebenjährige Lucas aus Kyritz ist ein aufgewecktes Kind. Er spielt, lacht und tobt wild umher. Erst auf den zweiten Blick fällt auf, dass er seine linke Körperhälfte nicht bewegen kann. Gekonnt überspielt der kleine Junge die Lähmung, als wäre sie für ihn gar nicht da. In seinen brauen Augen funkelt ein Kampfgeist, der ihn in den vergangenen zwei Jahren viel durchstehen ließ. Im Sommer 2014 bemerkte seine Mutter Anika Seifert, dass Lucas nicht so kerngesund ist, wie sie dachte. „Es war beim Duschen“, erzählt sie. „Lucas starrte plötzlich nur noch vor sich hin. Wir wussten erst nicht, ob er uns ärgern will oder ob ihm was fehlt.“ Als dem Jungen dann beim Essen immer wieder unkontrolliert Speichel aus dem Mund lief, brachte sie den Jungen zum Arzt. Die Diagnose: Epilepsie.

Eine sehr seltene Form der Epilepsie

Karen Müller-Schlüter leitet das Sozialpädiatrische Zentrum (SPZ) an den Ruppiner Kliniken. Sie stellte die Diagnose bei Lucas kurz nachdem die Symptome auftraten. Lucas war einer ihrer ersten Epilepsie-Patienten in Neuruppin. Doch etwas war bei dem Jungen anders: „Bei Lucas haben wir es mit einer sehr seltenen Form der Epilepsie zu tun“, sagte die Ärztin. Sie entsteht infolge einer Entzündung im Gehirn. Der Grund ist wahrscheinlich eine autoimmune Erkrankung, bei der das Immunsystem körpereigenes Gewebe angreift. Die Nerven in der Hirnrinde sind überempfindlich und entladen sich anfallsartig. Daher kommt es zu epileptischen Anfällen wie plötzlichem Zucken oder Starren.

Die leitende Ärztin des Sozialpädiatrischen Zentrums (SPZ), Karen Müller-Schlüter, stellte bei  Lucas die Diagnose Epilepsie

Die leitende Ärztin des Sozialpädiatrischen Zentrums (SPZ), Karen Müller-Schlüter, stellte bei Lucas die Diagnose Epilepsie.

Quelle: Peter Geisler

Was die Entzündung im Gehirn bei Lucas genau auslöste, ist unklar. Eine Therapie mit Medikamenten brachte nicht den gewünschten Erfolg, berichtete Müller-Schlüter. Lucas’ Situation verschlechterte sich zusehends. Nach vier Monaten litt er unter dauerhaften Zuckungen und konnte kaum noch sprechen. „Er hat immer langsamer geredet und zum Teil sehr unverständlich“, erzählte sein Betreuer Jürgen Thiesies.

Der Kyritzer Familie stand eine große Entscheidung bevor. Karen Müller-Schlüter schlug in Absprache mit der Spezialklinik in Bielefeld eine Operation am Gehirn vor, bei der die eine Hälfte von der anderen getrennt werden sollte. „Die Störungen kamen von der rechten Seite und wir wollten verhindern, dass sie auf die linke Seite übergehen. Also haben wir die eine Seite still gelegt“, so die Expertin. Unklar war, ob Lucas danach ohne Anfälle leben würde. Lucas hätte zudem noch mehr Fähigkeiten verlieren können. „Wir wollten unbedingt vermeiden, dass Lucas geistig behindert wird“, sagte Anika Seifert. Also entschieden sie sich für die Operation.

Eltern bangten um ihren Sohn

Die Eltern begleiteten Lucas nach Bielefeld und bangten um den Jungen. „Ich habe mich total hilflos gefühlt“, erzählte Seifert. Doch am Ende zahlte sich der Mut aus: Die Operation war erfolgreich und bis heute ist Lucas anfallsfrei. Zwei Wochen nach der Operation fing er bereits an zu laufen. Die halbseitige Lähmung wäre auch ohne ärztlichen Eingriff gekommen, sagt Müller-Schlüter.

Derzeit sind Lucas’ Bewegungen noch tapsig und teils unbeholfen, aber das soll sich dank Physio- und Ergotherapie bald ändern. Sein Alltag ist vollgepackt: „Vier Stunden geht er in die Kita, dann hat er an drei Tagen Therapien. Weil er viel Schlaf braucht, kommt er morgens schlecht aus dem Bett“, sagte Anika Seifert. Sprechen kann Lucas mittlerweile wieder flüssig. Die Nachuntersuchungen zeigten, dass auch sein Lernvermögen keinen Schaden genommen hat.

Epilepsiezentrum an den Ruppiner Kliniken geplant

Epilepsie
gilt als die häufigste neurologische Erkrankung im Kindesalter. Im Volksmund wird sie auch als Fallsucht oder Krampfleiden bezeichnet und bezeichnet ein Krankheitsbild mit mindestens einem spontan aufgetretenen Krampfanfall, der keine erkennbare Ursache (akute Entzündung, Stromschlag oder Vergiftung) hat.

Von 1000 Kindern sind in Deutschland etwa 4 bis 5 von Epilepsie betroffen, sagt die Ärztin Karen Müller-Schlüter. 70 Prozent aller Epilepsien äußern sich bis zum 20. Lebensjahr. Die Krankheit kann infolge von Hirntumoren, Fehlbildungen des Hirngewebes, Infektionen wie Masern oder Hepatitis C oder Stoffwechselerkrankungen auftreten. Epilepsie kann außerdem vererbbar sein oder keine eindeutig erkennbaren Ursachen haben.

I m Sozialpädiatrischen Zentrum (SPZ) an den Ruppiner Kliniken soll in Kürze ein separates Epilepsiezentrum entstehen. Damit wird die standortübergreifende Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit neurologischen und epileptischen Krankheiten gesichert, so Müller-Schlüter. „Wir erfüllen alle Voraussetzungen und befinden uns jetzt schon auf dem Niveau eines Epilepsiezentrums“, sagt die Leiterin des SPZ. Der Antrag ist gestellt.

Bisher gibt es solche Zentren zum Beispiel in Berlin, Bielefeld, Freiburg und Greifswald.

Trotzdem ist Lucas nun auf spezielle Förderung im Kindergarten und in der Schule angewiesen. „Viele tun sich schwer damit, weil sie Angst haben, Notfallmedikamente zu geben“, erklärte Müller-Schlüter. Dabei gebe es am SPZ mittlerweile Schulungen für Lehrer und Erzieher. Wichtig sei für Lucas, dass er auf eine normale Schule gehen kann, sagt seine Mutter. Im Sommer soll er nun in der Kyritzer Grundschule eingeschult werden.

Lucas’ größter Wunsch ist es eines Tages Autofahren zu können. Doch weil sein Gesichtsfeld etwas eingeschränkt ist, machen ihm die Ärzte keine großen Hoffnungen. Dafür hat er einen Deal mit seiner Mutter gemacht: „Er kauft das Auto, tankt und ich fahre ihn, wohin er will.“

Von Luise Fröhlich

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