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Ostprignitz-Ruppin Kyritzer und „Plattdüütscher“
Lokales Ostprignitz-Ruppin Kyritzer und „Plattdüütscher“
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00:17 14.02.2016
Als „Plattdüütscher“ übernahm Fritz Neye auch schon mal die Führung bei der Stadtrundfahrt durch Kyritz. Quelle: Wolfgang Hörmann
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Kyritz

Dieser Nachmittag ist ihnen heilig. Immer am ersten Mittwoch im Monat treffen sie sich zu Kaffee und selbst gebackenem Kuchen. Fast alle sind jenseits der 70. Sie freuen sich lange vorher auf das Beisammensein. Schließlich haben sie sich „wat to vertelln“. Denn sie sind „Frünn“, Freunde, Anhänger der niederdeutschen Mundart, die einst ein gewisser Fritz Reuter sprach und schrieb. Eine Tafel an einem Haus in der Kyritzer Maxim-Gorki-Straße erinnert an einen kurzen Aufenthalt des Schriftstellers in der Stadt. Er bewies im 19. Jahrhundert die Literaturfähigkeit des Niederdeutschen.

Bei Fritz Neye in Kyritz stehen Biografie und andere Werke Reuters im Bücherregal, das eine ganze Wand beansprucht. Neye ist lesehungrig und Reuter-Fan. Sie sind sprachverwandt, denn das Plattdüütsch wurde dem Senior quasi in die Wiege gelegt. Geboren und aufgewachsen in Friedrichsdorf, das seit den 50er Jahren Großderschau heißt, verbrachte Fritz viel Zeit bei seinen Großeltern. Da wurde nur up platt snackt.

Auf der Karriereleiter kletterte Fritz über die Jahre weit nach oben. Er stand der LPG Großderschau vor. Nicht immer erschloss sich ihm, was die Landwirtschaftspolitik der DDR hervorbrachte. Nach der Wende wurde die LPG zur Agrargenossenschaft. Mit 63 ging Geschäftsführer Fritz Neye Mitte der 90er Jahre in den Vorruhestand, „ohne Groll“, wie er sagt.

Das mag auch daran gelegen haben, dass sich in Großderschau ein neues Betätigungsfeld fand. Am Heimathaus sollte ein Kolonistenhof entstehen. Hier kniete sich der Ruheständler kräftig rein.

Gunter und Christa Grähn, mit der er bereits seit 1986 einen Zirkel der plattdeutschen Mundart betrieb, taten kräftig mit. Die Freundschaft hielt auch an, als es den Havelländer der Liebe wegen nach Kyritz zog. „Ich wusste ja aus verschiedenen Treffen, dass es hier den Freundeskreis der Plattdüütschen gab. Hilde Kloos und Heinz Müller hatten gut drei Dutzend Gleichgesinnte um sich versammelt. Ich hab’ dann einfach mitgemacht. Und min Fru Ingeborg ok.“ Später übernahm Fritz Neye sogar die Führung. Er machte da weiter, wo sein Vorgänger Heinz Müller aufgehört hatte – immer am ersten Mittwoch im Monat. Das „Gelbe Gewölbe“, ein gemütlicher Keller im Kyritzer Mehrgenerationenhaus, blieb „Stammlokal“ mit Selbstbedienung. Wer will, bringt nicht nur Backwerk, sondern auch Geschichten, Gedichte und Schnurren mit. Sie heißen hier Rimels un Vertellers. Fritz Neye war viele Jahre Moderator und Vorbereiter der nachmittäglichen Stunden, die auch außer Haus führen können: in die Rehfelder Kirche, zum Plattdüütsch-Festival nach Großderschau oder zu Freunden im nahen Havelberg. Die kommen zum Gegenbesuch gleich mit einem ganzen Chor. Bevor der sein Liedgut ausbreitet, haben die Kyritzer ein Ritual. Gemeinsam schwören sie sich auf ihr Hobby ein, wenn es heißt: „Plattdüütsch blifft in Traditschon solang wi olttdüütsch schnacken doon. Wi setten plattdüütsch wiet naoh baoben imd willn’t no lang nich begraoben.“

Die Regionalsprache – sie ist kein Dialekt – machte bereits im 14. Jahrhundert in Havelberg, Kyritz und anderen Städten den Handel und Wandel in der Hanse einfach. Alle Städte, die sich auf diese Tradition berufen, müssten also auch Interesse an der niederdeutschen Mundart zeigen. Im Kyritzer Rathaus gab es 2015 eine erste Reaktion. Im Amtsblatt sind für Texte up Platt ein paar Spalten reserviert. Wenn sich jetzt noch Nachwuchs einstellt, der im Freundeskreis das Durchschnittsalter senkt, behält ein wichtiges Stück Heimatgeschichte sein Dasein.

Es sieht so aus, als zeige diesbezüglich der Pfeil nach oben. In der Demerthiner Grundschule leitet Angret Thiele eine Arbeitsgemeinschaft. Die nennt sich „Coole Plattdüütsch-Kinnings“ und hat sich schon mit Gleichgesinnten aus Nachbarstädten getroffen.

Und Fritz Neye, der am Donnerstag 85 Jahre alt wurde, macht zwar weiter mit in der lustigen Runde, aber nicht mehr als Vorturner. Eine Nachfolgerin fand sich mit Gabriele Ellfeldt, Lehrerin im Vorruhestand. An der Volkshochschule hat sie auch Englisch unterrichtet. Das ähnelt dem Niederdeutschen – keine schlechte Voraussetzung für den Posten im Freundeskreises.

Von Wolfgang Hörmann

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