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Landwirtschaftsverkehr als Riesenproblem

Rüdow Landwirtschaftsverkehr als Riesenproblem

Die Europakreuzung in Kyritz ist erneuert und seit Freitag wieder befahrbar. In Rüdow, wo viele Kraftfahrer monatelang als Abkürzung durchfuhren, jubelt offenbar trotzdem niemand. Im Gegenteil: Die nächsten Sperrungen an der B 5, die sich auf das Dorf auswirken dürften, stehen an. Aber selbst ohne diese ist der Unmut gewaltig, und zwar wegen Landwirtschaftsfahrzeugen.

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Die Lebensqualität in Rüdow ist in den Augen vieler Einwohner wegen des Verkehrs extrem gesunken. Sie hoffen auf Besserung.

Quelle: Matthias Anke

Rüdow. Die Europakreuzung in Kyritz ist seit Freitagnachmittag wieder befahrbar. Der neu entstandene Ovalverkehr ist von allen vier Richtungen offen, alle Sperrungen sind aufgehoben. Aus und nach Richtung Wittstock bietet sich die bei vielen Kraftfahrern zuletzt beliebte Abkürzung über Rüdow damit nicht mehr an. Doch die Rüdower selbst tröstet das wenig, wie etwa Wolfgang Kraushaar.

Kraushaar lebt auf dem Land. Das weiß er nicht erst seit gestern. „Ich bin hier geboren“, sagt der 73-Jährige. „Doch das, was wir hier seit einigen Jahren nun schon erleben, übertrifft alles zuvor Dagewesene.“ An seinem Küchenfenster in dem zu Kyritz gehörenden Dorf Rüdow donnert derweil ein Traktor mit zwei voll beladenen Anhängern über die Ortsdurchfahrt. Binnen Minuten folgen moderne Lkw und Tankfahrzeuge. Ein Postauto stoppt. Pkws drängeln sich daran vorbei. Ein größeres Fahrzeug müsste warten. Mitunter sind auch DDR-Fabrikate wie ein W 50 noch darunter. Selbst ein tschechischer Tatra ist im landwirtschaftlichen Einsatz. „Vorgestern habe ich 200 Traktoren und Lkws gezählt“, berichtet Wolfgang Briege, der ein paar Meter weiter wohnt und nun bei Kraushaar in der Küche sitzt zusammen mit weiteren Nachbarn.

Vor vier Jahren kämpften Rüdower schon Mal für mehr Ruhe im Ort

Manche Transporter haben Kartoffeln geladen und sind auf dem Weg zur Kyritzer Stärkefabrik oder kommen von dort. Nach der nun fertigen Baustelle an der Europakreuzung dürften sie zwar weniger werden. Aber die mit Fruchtwasser aus der Stärkefabrik beladenen Tanker mit den beiden Fruchtwasserbecken hinter Rüdow als Ziel bleiben – zumindest eine Weile noch. „Wir hoffen sehr auf den Bau der Eindampfungsanlage in Kyritz“, sagt Wolfgang Kraushaar.

Dabei sollten die Tanker längst nicht mehr durch den 119-Seelen-Ort rollen. Doch der Wirtschaftsweg zwischen Rüdow und Blechern Hahn ist nach dem Abkürzungsverkehrs nun völlig kaputt. Hinzu komme, dass die Silos am Agrargut Rüdow mit Material für die Biogasanalgen der Region zum Zwischenlagern auch weiterhin bestückt und irgendwann wieder abgefahren werden.

Wolfgang Kraushaar (r) mit einem Foto, das Schäden an der Straße dokumentiert

Wolfgang Kraushaar (r.) mit einem Foto, das Schäden an der Straße dokumentiert. Er sagt: „Wir sind keine Mimosen. Aber was in den vergangen Jahren hier los ist, verträgt kein Mensch.“

Quelle: Matthias Anke

Auf Kraushaars Küchentisch liegt ein vier Jahre alter Briefwechsel mit dem Kyritzer Rathaus. Die Rüdower hatten Unterschriften gesammelt. „Die Grenze des Zumutbaren“, hieß es im Anschreiben, war schon damals überschritten, weil die Agrarbetriebe in der Umgebung laut Kraushaar „maschinell aufrüsteten“. Es folgte ein Gespräch unter den Beteiligten. Die Rüdower wissen schließlich, welches Fahrzeug für welches Unternehmen im Einsatz ist.

Jetzt hoffen sie auf eine neue Gesprächsrunde. Es geht ihnen vor allem auch darum, dass die Fahrer die Geschwindigkeit einhalten und zudem beim Ausweichen die Ränder dieser erst vor wenigen Jahren unter Anliegerbeteiligung erneuerten Straße nicht weiter zerfahren.

Vor Kraushaars Hof befindet sich die kritischste Stelle. Aufgrund der Enge dort gilt auf einigen Metern Tempo 30. Weil es jedoch bergauf geht, nehmen manche voll beladene Gespanne regelrecht Anlauf.

Jeweils von sich aus die Firmen zu kontaktieren, darin wird kaum Erfolg gesehen. Die Rüdower fordern eine zuverlässige, längerfristige Absprache. Denn ihnen sei zwar jetzt schon der Rest gegeben worden, als sie zur Abkürzung wegen der Baustelle wurden. Doch das ist längst nicht das Ende: Die nächste Kreisverkehrsbaustelle an der B 5 zur Pritzwalker Straße steht bevor, hinzu kommen weitere Sanierungen von B-5-Abschnitten.

Landwirtschaft und Energiewirtschaft differenziert zu betrachten

Und gerade, weil es hierbei nicht mehr nur um regionale Landwirtschaft, sondern Energiewirtschaft gehe angesichts der mit gehäckseltem Mais oder sogar noch grünem Roggen befüllten Silos, müsse „dem Treiben Einhalt“ geboten werden. „Hier ist mittlerweile das ganze Jahr über Verkehr“, sagt Kraushaar. Er fühle sich regelrecht bedroht.

Die Rüdower stoßen damit ins gleiche Horn wie Einwohner des zu Wusterhausener Dorfs Tornow. Dort hatte ein Landwirt aus Protest kürzlich Schafe auf die Straße getrieben, damit Transportfahrzeuge gestoppt (MAZ berichtete). Wusterhausens Bürgermeister Roman Blank indes wurde Untätigkeit vorgeworfen, obwohl er zum Ort des Geschehens gerufen wurde. Er soll die Tornower ignoriert haben. Der MAZ gegenüber stellt Blank jetzt klar, dass dies nicht seine Absicht gewesen sei. Die Aktion habe zudem dazu geführt, „dass die Transporte zwar nicht mehr durch Tornow fuhren, dafür aber die Bürger von Sechzehneichen das Vergnügen hatten. Eine besonders intelligente Lösung war das nicht“.

Wusterhausens Bürgermeister lädt Bundes- und Landespolitiker ein

Die Probleme, auf die in Tornow aufmerksam gemacht wurde, liegen laut Blank zudem „in der Agrarpolitik der Bundes- und Landesregierung begründet. Warum wird denn nicht per Bundesgesetz für die großen Silagetransporter eine generelle Geschwindigkeitsbegrenzung auf 30 km/h vorgeschrieben? Warum werden landwirtschaftliche Maschinen mit einer Breite von drei Metern zugelassen, obwohl die Fahrbahnen der ländlichen Ortsverbindungsstraßen nur 2,75 Meter breit sein dürfen? Warum sind für den Transport von Maissilage nicht Abdeckplanen Pflicht?“ Maiskrümel sorgten dieser Tage schließlich nicht nur in Tornow, sondern auch in Groß Welle und andernorts für Wirbel.

Um den Fragen nachzugehen, will Blank Politiker von Bundes- und Landesebene zur Reihe „Wusterhausener Gespräche“ einladen. „Es ist zutiefst meine Überzeugung, dass es in dieser Sache nicht zielführend ist, lokal an den guten Willen der betroffenen Fuhr- und Verarbeitungsunternehmen zu appellieren. Hier müssen bundesweit Regelungen beschlossen werden.“ Die Probleme bestünden ja auch bundesweit. In der Region aber dürfte dieser Termin dann allen voran für die Rüdower interessant sein.

Von Matthias Anke

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