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Leben auf dem Pulverfass am Bombodrom

Manche russische Granate verfehlte Ziel Leben auf dem Pulverfass am Bombodrom

Erinnerungen an bewegte Zeiten: Die Ausstellung „Sperrgebiet II“ beleuchtet die militärische Vergangenheit des ehemaligen Truppenübungsplatzes bei Wittstock. Bis zum 10. Januar 2016 werden Uniformen, Plakate, Filme, ehemalige Munition und viele Informationen rund ums Bombodrom präsentiert.

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Exponate aus dem Leben der Roten Armee werden im Wittstocker Museum gezeigt.

Quelle: Björn Wagener

Wittstock. Sie schossen, sie flogen, sie bombten – und so manche Granate verfehlte ihr Ziel: Als ein „Leben auf dem Pulverfass“ bezeichnete Antje Zeiger am Donnerstagabend die Jahre, in denen die sowjetische Armee auf dem sogenannten Bombodrom bei Wittstock das Sagen hatte.

Von 1948 bis 1993, auf dem Flugplatz bei Alt Daber bis 1994, gehörten die russischen Militärs zum Wittstocker Alltag. Als sie danach schließlich abzogen, war noch lange keine Ruhe in Sicht. 17 Jahre lang kämpfte die Bürgerinitiative Freie Heide gegen die militärische Nachnutzung des Platzes durch die Bundeswehr. Nach 113 Protestveranstaltungen war das Ziel am 9. Juli 2009 schließlich erreicht.

Diesen bewegten Zeiten widmet sich die Ausstellung „Sperrgebiet II – Aus der Geschichte der Kyritz-Ruppiner Heide“, die am Donnerstagabend in den Museen Alte Bischofsburg in Wittstock eröffnet wurde, genau an jenem Tag, als vor 379 Jahren die Schlacht bei Wittstock im Dreißigjährigen Krieg begann.

Munition und Waffen sind auch zu sehen

Munition und Waffen sind auch zu sehen.

Quelle: on 1.00Björn Wagener

Die Vorbereitung der Exposition habe dem Museumsteam einiges Kopfzerbrechen beschert, weil es nicht einfach gewesen sei, Exponate aus jenen Jahren zusammenzutragen, wie Antje Zeiger sagte. Mit Hilfe einer Reihe von privaten und institutionellen Unterstützern gelang es dennoch, eine eindrucksvolle Sammlung von Exponaten zu präsentieren: ehemalige Munition, Fahrzeuge im Modell, Plakate, Schilder, Uniformen, Helme und andere Ausrüstungsgegenstände. Auch werden Filme über den Alltag der Streitkräfte und den Flugbetrieb in einem separaten Raum gezeigt. Antje Zeiger dankte am Donnerstag einigen Unterstützern für ihre tatkräftige Mitwirkung und überreichte ihnen Blumen und kleine Präsente.

Zudem produzierte Tabea Schulze innerhalb ihres Studiums einen siebenminütigen Animationsfilm, der die Geschichte des Areals vom 13. Jahrhundert bis jetzt nacherzählt. Er wurde am Donnerstagabend gezeigt und ob seines komprimierten Informationsgehaltes hoch gelobt. Dieter Groß erinnerte anlässlich der Eröffnung an markante Daten im Zusammenhang mit dem Platz – etwa den 27. Januar 1994 als die Klage gegen die Inbetriebnahme durch die Bundeswehr angestrengt wurde oder den Januar 2011, als der Auflösungsappell der Bundeswehr stattfand.

Mit Tee und Soljanka wurden Gäste der Ausstellungseröffnung verwöhnt

Mit Tee und Soljanka wurden Gäste der Ausstellungseröffnung verwöhnt.

Quelle: Björn Wagener

Beklemmende Erinnerungen lieferte Antje Zeiger, die auf Unfälle und Pannen einging, die sich in den Jahren der Sowjet-Präsenz ereigneten. 1980 stürzte eine Militärmaschine Mig bei Neuendorf ab, „haarscharf an der Ortschaft vorbei“; am 16.Oktober 1981 gab es „verirrte Panzer zu beklagen“. 278 Kettenfahrzeuge rollten durch Blesendorf, Maulbeerwalde, Heiligengrabe, Liebenthal, Papenbruch und Blandikow und verursachten „riesige Straßenschäden“. Die Anwohner hätten damals geglaubt, den Beginn des Dritten Weltkrieges zu erleben. Die Putenmaststation in Gühlen Glienicke war mehrfach betroffen. Es „grenzte an ein Wunder“, dass durch den Einschlag von 24 Luft-Boden-Raketen nicht mehr passiert sei, so Antje Zeiger. Denn sie gingen ebenfalls „haarscharf an der Ortschaft vorbei“. Besonders bewegt aber habe die Einwohner ein Ereignis am Ladebahnhof Dranse. Für 24 Stunden sei der gesamte Ort, ebenso wie Schweinrich, abgesperrt gewesen. Niemand durfte hinein oder hinaus.

Museumsleiterin Antje Zeiger (hinten) berichtete aus dem Leben der Sowjetsoldaten

Museumsleiterin Antje Zeiger (hinten) berichtete aus dem Leben der Sowjetsoldaten.

Quelle: Björn Wagener

In dieser Zeit sei „irgendetwas entladen worden“. Was es war, konnte nie geklärt werden.

Die Stasi dachte an Atomraketen

„Die Staatssicherheit ging davon aus, dass es sich um Atomraketen handelte“. Vielleicht sei es aber auch nur ein großes Ablenkungsmanöver gewesen. Im Juli 1984 sei es zu einem besonders dramatischen Fehlabwurf von Splitterbomben gekommen. Der Pilot habe falsche Koordinaten gehabt und seine Fracht zwischen Königsberg und Grabow ausgeklinkt. Das Areal sei für mehrere Monate gesperrt worden, um die Splittermunition, die wie metallene Tennisbälle ausgesehen habe, wieder einzusammeln. Im September 1987 sei eine Granate in einem Garten in Gadow gelandet, ein weiteres Geschoss im Giebel einer Scheune stecken geblieben.

Die Ausstellung bringt den Besuchern diese Zeiten ins Gedächtnis zurück. Allerdings haben sie nichts zu befürchten, im Gegenteil. Zur Eröffnung servierte das Museum russischen Tee und Soljanka. Wer die Ausstellung erleben möchte, hat noch bis zum 10. Januar 2016 Gelegenheit dazu.

Von Björn Wagener

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