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Liedermacher Hannes Wader in Neuruppin

Politsänger und Poet – zwischen Rebellion und Hoffnung Liedermacher Hannes Wader in Neuruppin

Er hat viel erlebt – und kann fast alles darüber singen: Hannes Wader ist eine Legende in der deutschen Liedermacher-Szene. Er hat etliche Alben aufgenommen: mit Politsongs und Shanties, mit Volksliedern auf Deutsch und Platt. Legendär sind seine Talking-Blues-Titel. Und unvergessen sein bekanntestes Lied: „Heute hier, morgen dort.“

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Hannes Wader singt: „Bin auf meinem Weg schon so lang.“

Quelle: Buddeke

Neuruppin. Wenn man seine Stimme hört – tief, markant, warm und mit einem leisen Tremoloschmelz obenauf – kommt man unwillkürlich ins Grübeln, in welche Sparte die wohl am besten passt. Shanties würden sich trefflich machen, Schlager auch. Volkslieder und lyrische Balladen – wunderbar. Arbeiterlieder und Politsongs – her damit. Und wenn man so durch Hannes Waders Vita blättert, wird schnell klar: das hat er alles schon gemacht. Und überdies sogar im Jazz gewildert – als Saxofonist und Klarinettist in Berliner Bars und Lokalen, als er noch Werbung studierte. Ein Tausendsassa der Töne, der sich stets selbst auf der Gitarre begleitet – nicht opulent wie Jimi Hendrix, sondern solide und sparsam, auf dass seine Texte gut zur Geltung kommen. Denn er hat etwas zu erzählen – besser: er hat sehr viel zu erzählen. Am Donnerstagabend gastierte das Lieder-Urgestein in der restlos ausverkauften Neuruppiner Kulturkirche.

Hannes Wader fackelt nicht lange: aufrecht beginnt er sein Programm – mit seinem wohl bekanntesten Song „Heute hier, morgen dort“. Das bezieht sich auf die Zeit, als er wiederholt durch Europa trampte. Und dabei schnell merkte, „dass nichts bleibt, wie es war“, so heißt es in einer Zeile. Das gilt für ihn wie keinen, das Repertoire des fast 74-Jährigen wandelte sich stetig. In den Siebzigern war er noch als DKP-Mitglied, politischer Rebell und sozialkritischer Chansonnier bekannt, dem „vor dem Springer-Haus auch schon mal von den Bullen die Zähne eingeschlagen wurden“, wie er singt. Das Ende der Sowjetunion ließ seine Leidenschaft für Politik jäh abkühlen. Dass sein Herz immer noch links schlägt, beweist er mit Liedern wie „Traumtänzer“, wo er „coolen Gewinnern und Durchblickern, die kommen und gehen“ die Zähne zeigt. Er hat es vor gut 20 Jahren geschrieben unter dem Eindruck, dass die Politiker entgegen allen Wahlversprechen die Probleme nicht in den Griff bekommen. „Und daran hat sich seitdem anscheinend nichts geändert“, sagt er, das Publikum jubelt.

Dennoch folgte nach der politischen Phase eine Zeit, wo er sich dem Volksliedgut zuwandte. Er sang Volkslieder – deutsche, niederdeutsche oder auch in Platt. Er sang Shanties. Er grub den schwedischen Rokoko-Komponisten Carl Michael Bellman aus und sang dessen Lieder – eines davon auch in Neuruppin. „Liebe, Schnaps, Tod“ heißt das Album. „Sind das nicht die essenziellen Themen der Menschheit?“, sagt er. Zustimmendes Gelächter.

Wader sang lyrische Lieder von Schubert und schrieb eigene Balladen. Sein Vorbild war der französische Chansonnier Georges Brassens – dessen Stil von zynisch bis zärtlich inspirierte ihn, später auch Bob Dylan, der ein exzellenter Talking-Blues-Schreiber war. Auch diese Sing-Art hat Hannes Wader, der einst „wegen Musizierens während der Arbeitszeit“ aus dem Job flog, sich zu eigen gemacht. „Das ist quasi die antike Form des Rap“, sagt er und singt seinen Talking-Blues „Wo ich herkomme“. Nämlich aus der Arbeiterklasse. „In die es für ihn kein Zurück gibt, wie er rappend bekennt. Der aber nach wie vor seine ganze Solidarität gehört – auch wenn sie lange nicht mehr das ist, was sie einst war. „Und mir bisweilen gehörig auf den Senkel geht“, rechnet er mit „Ober-, Unter- und Nebenschichten gleichsam ab.

Hannes Wader ist nicht ausschließlich Alleingänger. Er tourte lange mit Reinhard Mey, auch mit Konstantin Wecker oder der französischen Akkordeonistin Lydie Auvray. Und Hannes Wader ist immer noch ein Mahner und ein Idealist zugleich. Die Hoffnung stirbt zuletzt. „Ich sah heut Nacht im Traum“ singt er über eine Welt ohne Bruderhass und Völkermord. Das Bürgerlied „Das tut nichts dazu“ – eine Hymne auf Gleichheit und Gerechtigkeit – und ein Appell dazu, etwas dafür zu tun. Aber er singt auch über die Liebe und über seine Reisen. Etwa ein griechisches Lied. „Auch wenn ich noch nie dort war. Und dann bemerkte, dass in Griechenland der Sieben-Achtel-Takt gänzlich unbekannt ist. Für mich klingt das griechisch und das bleibt auch so“, sagt er und lächelt verschmitzt. Singt über ein Alptraumhotel in Portland, einen irischen Pub namens „Folksingers Rest“, wo er sich zuhause fühlte wie sonst kaum irgendwo. Wo Lynn mit ihm durchbrennen wollte, singt er und man spürt die Wehmut der Erinnerung daran, „dass nichts bleibt, wie es war.“ Er ist weicher geworden, abgeklärter. Aber tief in ihm glimmt noch immer die Flamme der Jugend, der Stachel des Mahners: „Die Gedanken sind frei“, singt er , das Publikum singt mit. Noch schöner wäre es gewesen, wenn es dazu aufgestanden wäre – aus Solidarität für den 73-Jährigen, der das ganze Konzert stehend sang.

„Bis zum nächsten Mal – und dass Neuruppin bunt bleibt“, sagt er und singt vor dem „Sag mir wo die Blumen sind auch noch „Bin auf meinem Weg schon so lang.“ Man glaubt es ihm aufs Wort.

Von Regine Buddeke

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