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Lüchfeld aus dem Stegreif

Improtheater-Paar in der Provinz Lüchfeld aus dem Stegreif

Spontanität ist ihr Leben: Das Improvisationstheater-Paar John-Ziron ist vor einem Jahr in der Provinz angekommen. Einige Träume der Lüchfelder Klubhaus-Gründer sind noch nicht wahrgeworden. Na und? Die beiden Ex-Berliner, die die Bühnen der Region rocken und noch mehr rocken wollen, besinnen sich lieber auf das, was funktioniert, und das ist eine ganze Menge.

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Auf der Bühne geht es oft schrill zu.

Quelle: Mandy John-Ziron

Lüchfeld. Zaudern gilt nicht. Rauf auf die Bühne und die Rampensau rauslassen. Aus dem Stegreif, ohne Textbuch als doppelten Boden. Nach der alten Improtheater-Au-ja-Devise, die Ach-nö-Sager links liegend lassend. Die Zuschauer schlagen irgendeine Seite der Regionalzeitung auf, picken sich spontan eine beliebige Überschrift raus, ein Foto oder auch eine Kontaktanzeige – nur Sekunden später geht’s für Mandy John-Ziron und Stephan Ziron los: Sie spielen eine Szene zum Text oder Bild – mag sie mit dem, was passiert ist, übereinstimmen oder nicht. Sie unterbrechen das Geschehen wieder, weil sie spontan eine neue Idee dazu haben – mag die Wendung auch noch so überraschend kommen. Und spinnen die Handlung so lange weiter, bis der nächste Einfall kommt – mag er noch so verrückt sein. So einfach ist das Rezept fürs Programm „Geschichten am Ruppiner See“ – so groß die Herausforderung für das Neu-Lüchfelder Improvisationstheater-Paar, das aus einem Schlagwort eine ganze Szenerie entwickelt – wie aus dem zugeworfenem Ball eine Lawine.

Wie war das erste Jahr in der Provinz? „Wahnsinn, dass es schon ein Jahr her ist“, sagt Mandy John-Ziron. „Unglaublich, dass es erst vor einem Jahr war“, sagt Stephan Ziron. Am 26. Mai 2015 zogen die beiden Wahl-Berliner in das Temnitztal-Dorf Lüchfeld und eröffneten dort das Klubhaus neben dem Gutshaus, in dem sie der Impro-Kunst frönen wollten.

Ist der spontane Einfall gelungen? „Wir wollten sehr viel, und alles ging sehr viel langsamer, als wir gedacht haben. Zum Glück“, sagt Stephan Ziron. Denn mehr hätten sie nicht machen können, so die Einschätzung des Improvisationsmusikers, der neben dem Theaterspielen im Ruppiner Land auch ein festes Ensemblemitglied im Berliner „Paternoster“ ist, Theatermusik komponiert, deutschlandweit Workshops anbietet, Konzerte gibt und nun auch noch in der Kyritzer Oberschule Musiklehrer ist.

 Improtheater-Leute in ihrem Klubhaus Lüchfeld

Improtheater-Leute in ihrem Klubhaus Lüchfeld: Mandy John-Ziron und Stephan Ziron

Quelle: Celina Aniol

„Wir sind sehr enthusiastisch rangegangen“, ergänzt Mandy John-Ziron. „Wir probieren lieber viele Sachen auf einmal aus. Wenn wir merken, dass irgendwas nicht funktioniert oder wir eine kleine Blockade haben, dann stecken wir unsere Energie in das, was gut läuft.“ Insgesamt sei aber alles bestens, finden die beiden. Sie haben regelmäßige Auftritte in ihrem Klubhaus, aber auch in Neuruppin sowie der Prignitz, wo sie zusammen mit den Kolleginnen vom Theater „Vogelfrei“ dem Publikum regelmäßig improvisierte Kriminalfälle auftischen. Dass die Kurse in Lüchfeld nicht so oft wie gedacht stattfinden, sei schade. „Die Leute müssen aber erst verstehen, was Impro ist, bevor sie mitmachen“, sagt die 36-Jährige. Um ihre Zuschauer, Schüler und Mitstreiter von morgen anzufüttern, verlangen die beiden im Moment noch keinen Eintritt. „Wir sind hier in einer strukturschwachen Region, da ist der Gang ins Theater ein Luxus“, sagt der 34-Jährige. Damit sich den alle leisten können, ist seine Frau gerade Fördermöglichkeiten für Theaterbegeisterte ohne reiche Tante auf der Spur und dabei guten Mutes.

Wie offen sind aber die Ruppiner überhaupt für Inszenierungen jenseits des Musentempel-Pfades? „Nicht verschlossener als die Berliner“, sagt Stephan Ziron.„Die kleine, dreckige Schwester des klassischen Theaters ist hier nur kaum bekannt.“ Aber auch in Berlin, die mit 37 Theatergruppen als die größte Impro-Szene in Deutschland gilt, gibt es viele Leute, die das Format nicht kennen. „Wenn man aber in die Herzen der Neuruppiner vorgedrungen ist, dann kommen sie und wollen mehr davon sehen.“

Reichen die Interessenten, damit die Klubhaus-Aktie nicht bald in den Keller wandert? Finanziell darauf verlassen, dass es in Lüchfeld gleich bombastisch läuft, haben sich die beiden nicht. „Das wäre zu risikobehaftet“, so Ziron. Stattdessen haben sie auf die klassische Künstler-Mischkalkulation vertraut. Sprich: mehrere Standbeine, die für das Grundeinkommen sorgen. „Wir brauchen Geld für Miete, Auto und Essen – Urlaub haben wir schon hier“, sagt Mandy John-Ziron, deren Fotostudio in Lüchfeld richtig eingeschlagen hat. „So viele Schwangere wie in diesem Jahr habe ich vorher noch nie gesehen“, sagt Ziron und lacht. „Die Leute sind sehr dankbar, dass es so etwas in unserem Dorf gibt.“

Im Ruppiner Land ist das Impro-Format noch nicht so bekannt

Unserem? Kein Latte-Macchiato-Heimweh nach der Großstadt? „Das Dorfleben ist super“, sagt Mandy John-Ziron, und fängt zu schwärmen an. „Ich fühle mich hier viel weniger alleine als in der Großstadt und habe in Berlin nicht halb so viel getanzt wie hier.“ Man werde ständig von Nachbarn eingeladen oder lädt sie schnell mal selbst ein. Stephan Ziron ist jetzt sogar aus Verbundenheit mit der Region in die Ortsfeuerwehr eingetreten. Leute, die aufs Land ziehen und sich dann über Kirchenglocken beschweren, versteht er nicht. „Wir wussten, worauf wir uns einlassen“, sagt der gebürtige Wernigeroder. „Wir kommen aus der Provinz.“ Dass sie mitmischen wollen, helfe bei der Integration. Und da sind sie kräftig dabei: Sommertheater, Weihnachtsmarkt, eine feste Kooperation mit dem Neuruppiner Jugendzentrum JFZ sind geplant, Theaterfestival, die Gründung eines festen Ensembles mit Leuten vor Ort angedacht.

Annehmen, aufgreifen, weiterentwickeln: Au ja, so heißt die Grundübung der spontanen, von dem Paar verinnerlichten Theaterform. Zaudern gilt nicht – nur etwas Geduld muss auch der Impro-Mensch haben.

Von Celina Aniol

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