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MPU: So geht es zurück zum Führerschein

Ein Diplom-Psychologe erzählt MPU: So geht es zurück zum Führerschein

Diplom-Psychologe Carl-Heinz Scharpegge aus Freyenstein hilft Kraftfahrern, die mit Alkohol am Steuer erwischt wurden, den Führerschein zurückzubekommen. Im MAZ-Interview berichtet er, worauf es bei der Medizinisch-Psychologischen Untersuchung (MPU) ankommt und was Betroffene auf jeden Fall vermeiden sollten.

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Carl-Heinz Scharpegge hilft gesperrten Autofahrern, den Führerschein zurückzubekommen

Quelle: Björn Wagener

Freyenstein. Der Schreck ist groß, der Ärger auch: Wem der Führerschein abgenommen wurde, weil Alkohol im Spiel war, der hat ein Problem. Der Diplom-Psychologe und praktische Verkehrspsychologe Carl-Heinz Scharpegge (68) aus Freyenstein hat in den vergangenen 16 Jahren rund 1000 Betroffene auf dem Weg zurück zum Führerschein begleitet und drei Bücher zum Thema geschrieben. Im MAZ-Interview verrät er, worauf es bei der Medizinisch-Psychologischen Untersuchung (MPU) ankommt.

Was halten Sie von einem Autofahrer, der behauptet, nur einmal getrunken zu haben und erwischt worden zu sein?

Daran glaube ich nicht. Das hört man auch bei der MPU nicht gern. Denn es gibt durchgetestete Erfahrungswerte, die dem entgegenstehen. Wer nicht an Alkohol gewöhnt ist, winkt bei etwa 1,0 Promille ab und hat dann mit sich zu tun. Wurde der Betreffende zum Beispiel mit 1,7 Promille angehalten, muss er erklären können, wie er bis zu dieser Alkoholverträglichkeit gekommen ist. Wer das nicht kann, dem fehlt das Fundament für alle weiteren Fragen während der Untersuchung.

Wie läuft denn eine solche medizinisch-psychologische Untersuchung ab?

Zunächst lässt sich der Prüfer den Tathergang beschreiben. Angenommen, es begann auf einer Feier. Dann könnte die Frage folgen: ,Hatten Sie die Absicht, an diesem Tag noch mit dem Auto zu fahren?’ Dann hätten Sie gar nicht erst trinken dürfen. oder ,Was hat dazu geführt, dass sie trotzdem gefahren sind?’“ Gute Antwort: ’Natürlich wollte ich dort bleiben, aber wir haben uns gestritten, und dann wollte ich nach Hause.’ Bei der Antwort auf die Frage, wie Sie sich da gefühlt hätten, bitte kein Heldentum! Also schlechte Antwort: ,Ich bin ganz vorsichtig gefahren, konnte es ja noch und habe niemanden gefährdet.’ Besser: ,Natürlich hatte ich keine Übersicht mehr.’ Man tut sich keinen Gefallen, wenn man behauptet, bei zum Beispiel 1,7 Promille noch sicher gefahren zu sein. Das provoziert die Frage: ,Wie viel hätten Sie denn trinken müssen, damit Sie nicht mehr sicher fahren?’ Damit soll die Verträglichkeitsobergrenze ausgelotet werden. Man sollte nicht versuchen, ein rosarotes Bild von sich zu malen und den Alkoholkonsum nach unten zu spielen. Denn irgendwie müssen Sie ja auf die 1,7 Promille gekommen sein. Natürlich können Sie für sich in Anspruch nehmen, das Fahren und den Alkohol strikt getrennt zu haben. Auf ihre früheren Trinkgewohnheiten angesprochen, wäre aber zum Beispiel eine angemessene Antwort, dass Sie früher unbewusst womöglich gelegentlich Restalkohol intus hatten, denn damals hätten Sie sich, anders als heute, noch nicht intensiv mit der Wirkung des Alkohols, Reaktionszeiten und seinem Abbau im Körper beschäftigt.

Genau das sollte man also tun?

Ja, man sollte bei der MPU praktische Kenntnisse über Alkoholwirkungen besitzen. Wer will denn seinen eigenen Alkoholkonsum richtig einschätzen, wenn er gar nicht weiß, was für ihn viel oder wenig ist? Durchschnittlich werden 0,10 bis 0,15 Promille pro Stunde vom Körper abgebaut.

Und der medizinische Teil?

Hier wird festgestellt, ob es medizinisch begründete sogenannte Eignungszweifel beim Betroffenen gibt. Auch werden die zuvor ermittelten Laborwerte eingeschätzt. Sie müssen auf jeden Fall zur MPU vorliegen und zum angegebenen Trinkverhalten passen.

Wie ist das denn insgesamt mit dem zeitlichen Ablauf?

Viele denken, wenn die Zeit der Sperre vorüber ist, wird der Führerschein schon kommen. Aber da passiert gar nichts. Denn man muss einen Antrag auf Wiedererteilung des Führerscheines stellen. Das ist nicht früher als drei Monate vor Ablauf der Sperre möglich. Also zum Beispiel ab 1. Juli, wenn die Sperre zum 1. Oktober endet. Erst dann wird die Führerscheinstelle aktiv und stellt ab einem Promille-Wert von 1,1 bis 1,5 fest, dass ,Eignungszweifel’ für den Besitz eines Führerscheines bestehen und fordert Sie auf, diese auszuräumen. Das heißt: MPU. Der Haken. Wer jetzt erst aktiv wird, kann seinen Antrag auf Rückgabe des Führerscheins in zwei bis drei Monaten gleich vergessen. Denn bis die Laborwerte vorliegen, dauert es zwischen vier und sechs oder sogar bis zu zwölf Monate bei angegebener Abstinenz. Ohne Laborwerte keine MPU, ohne MPU kein Führerschein.

Was also raten Sie?

In der Sperrzeit sollte aktiv gehandelt werden. Verkehrspsychologen können da helfen. Die wichtigsten Tipps habe ich auch in meinem „MPU-Labor-Wegweiser“ aus meiner Buch-Serie „MPU-Selbsthilfe“ zusammengetragen. Außerdem sollte der Betroffene entweder selbst oder mit fachlicher Hilfe seine Fehler aufarbeiten, damit er am Ende der Sperrzeit möglichst schon alles für seine MPU vorbereitet hat und startklar ist. Monatelanges Warten auf Laborwerte kann man nur in Ausnahmefällen nachholen.

Wer führt die MPU durch, was kostet sie, und kann man den Ort selbst bestimmen?

Sie findet hier in der Region bei der Dekra in Oranienburg oder der „Aktiv in Beruf und Verkehr“ (ABV) in Pritzwalk statt. Den Ort kann man aber bundesweit selbst bestimmen. Die Kosten hängen davon ab, ob es um Drogen, Alkohol oder das Punktekonto geht. Eine Alkohol-MPU kostet etwa 450 Euro, eine Drogen- MPU rund 100 Euro mehr. Es gibt aber auch Kombinationen aus allem. Dann kann eine MPU bis zu 1000 Euro kosten. Wer meine psychologische Begleitung in Anspruch nimmt, zahlt pro Therapiestunde 90 Euro, wovon im Normalfall etwa zehn benötigt werden. Am Ende gibt es einen Therapiebericht, der bei der MPU-Stelle oder auch der Führerscheinstelle vorgelegt werden kann.

Wer ist häufiger betroffen, Frauen oder Männer?

Männer sind in der Überzahl, aber die Tendenz bei den Frauen ist steigend. Es sind alle Berufe vertreten, sogar einen Anwalt hatte ich einmal als Klienten. Menschen aus landwirtschaftlichen und Handwerksberufen sind etwas häufiger vertreten. Am unbeliebtesten sind bei mir die Fälle, bei denen Mütter für ihre Söhne anrufen. Dabei kommt dann mitunter mehr Wahrheit heraus, als die Mutter je geahnt hätte. Einmal sagte ein Sohn aus, er sei immer wieder durch den Ort gerast, um seine überstrenge Mutter zu ärgern.

Was halten Sie selbst von der 0,5-Promille-Grenze?

Ich bezeichne es als hinterhältig, das Autofahren unter Alkohol zu gestatten und gleichzeitig zu sagen: Du musst aber berücksichtigen, dass deine Wahrnehmungsfähigkeit sinkt. Verzögerte Reaktionen und Wahrnehmungsmängel beginnen ab 0,3 Promille. Man darf aber bis 0,49 Promille noch fahren. Wir können also ruhig ein wenig verzögert und benebelt durch die Gegend düsen. Da frage ich mich: Um wessen Interessen geht es denn hier? Die der Getränkeindustrie? Oder der Autoindustrie? Warum arbeitet die MPU wirtschaftsorientiert und gewinnbringend? Wäre es nicht besser, das Ganze einer Stiftung zu überlassen, die ihre Gewinne abführt, mit denen dann gemeinnützige Zwecke, vielleicht auch Anti-Alkoholprojekte, finanziert werden könnten? Dann wäre niemand mehr daran interessiert, jemanden mehrmals zu begutachten, um Geld zu verdienen. Interview: Björn Wagener

Info Carl-Heinz Scharpegge ist erreichbar unter Tel.: 0173/6 02 85 66

Von Björn Wagener

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