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Marion Brasch verabschiedet sich

Spaziergang mit Godot in Rheinsberg Marion Brasch verabschiedet sich

Wer ist Godot? In Samuel Becketts absurdem Theaterstück steht er für Zeit oder das Leben, Unendlichkeit oder Unsinn, Sinnhaftigkeit oder Leere. Marion Brasch liebt absurde Texte und hat ihre Zeit als Stadtschreiberin in Rheinsberg genutzt, um auf schräge Art die Stadt zu erkunden: mit Godot als surrealem Reisebegleiter.

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Marion Brasch bei ihrer Abschiedslesung in Rheinsberg.

Quelle: Regine Buddeke

Rheinsberg. Warten auf Godot? Dafür ist ein halbes Jahr zu kurz. Während Wladimir und Estragon, die Protagonisten aus Samuel Becketts Theaterstück schier endlos auf jemanden dieses Namens warten, ohne überhaupt zu wissen, warum und auf wen, hat Marion Brasch ihn sich kurzerhand ins Handgepäck gesteckt.

Warten auf Godot – das steht für das Leben schlechthin, dafür, es mit Sinn und Inhalt zu füllen oder eben nicht. Marion Brasch hat sich dafür entschieden, mit ihm durch Rheinsberg zu streifen – in der Zeit, in der sie die 42. Stadtschreiberin der Prinzenstadt war. Sie hat die Zeit genutzt, um nicht nur ihren dritten Roman fertigzustellen, sondern auch ihre Hausaufgaben, wie sie es nennt, zu machen: Die Geschichte namens „Godot in Rheinsberg“ ist der neue Rheinsberger Bogen.

Die Autorin im Gespräch mit einer Besucherin ihrer Lesung

Die Autorin im Gespräch mit einer Besucherin ihrer Lesung.

Quelle: Regine Buddeke

Aus ihm liest die Autorin, die auch als Radiomoderatorin bekannt ist, am Dienstagabend im Tucholsky-Museum – und verabschiedet sich damit von der Prinzenstadt, der Stadtschreiberwohnung im Marstall und den vielen Erinnerungen. Sie liest vom Ankommen in Rheinsberg – die fiktive Person des Godot weicht ihr nicht von der Seite, ist ständiger Begleiter. Sie sieht durch seine Augen – etwa das Stehpult in der Wohnung. „Das hat mein Bruder angeschafft“, erklärt sie – Peter Brasch war 1998 Stadtschreiber in Rheinsberg. „Sie werden jetzt hier bei mir bleiben, bis ich mit Ihnen fertig bin“, sagt Marion Brasch zu Godot. Der ist damit zufrieden.

Tucholsky in Gestalt eines Erpels

Er erweist sich als äußerst angenehmer Zeitgenosse, offen, neugierig, reflektiert und mit Lust am Debattieren. Er tauft die Katze im Schlosspark „Frau Müller“, sieht in dem Erpel den reinkarnierten Tucholsky mit einem Hang zum Absolut Vodka, nennt die allabendlich ins Zimmer wollende Hornisse „Lothar“ und bastelt aus den Köpfen und Schwänzen der verzehrten Maränen ein „End-Maränen“-Stillleben – nicht ohne sogleich eine Betrachtung anzuregen, ob Fische vor ein Jüngstes Gericht kommen.

Das ist skurril und so absurd, wie Beckett, der Meister des Absurden Theaters, es geliebt hätte. Marion Brasch liebt es auch – nicht von ungefähr spielt Godot schon länger eine Rolle in ihrem Schaffen. „Ich habe die Figur entwickelt, als ich bei Radio Brandenburg moderiert habe“, erzählt sie. Um nicht Titel an Titel zu reihen, kam Godot gerade recht, um zwischen den Songs spazieren zu gehen. Seine kindlich-weise Betrachtungsweise, seine surreale Weltsicht nahm immer mehr Raum ein – bald war Godot wichtiger als die Musik, für die er eigentlich als Lückenfüller gedacht war.

Die Zuhörer fanden Vergnügen an den surrealen Geschichten

Die Zuhörer fanden Vergnügen an den surrealen Geschichten.

Quelle: Regine Buddeke

Marion Brasch liest den 35 Zuhörern auch etwas aus ihrem neuen Buch vor. „Die irrtümlichen Abenteuer des Herrn Godot“ – auch dieses illustriert mit mal dahin gekritzelten, mal sorgfältig ausgearbeiteten Illustrationen von sprödem Reiz. Auch dieser Text ist surreal geprägt, Marion Brasch dreht die Wörter um und klopft sie auf dahinter verborgenen Sinn oder auch Unsinn ab. Godot, dem das Leben mit seiner ungewollten Katze leid war, weil er erstens des Katzenfutters überdrüssig war als auch des Gehens auf vier Beinen, rettet sich in Flucht. „Er schickte die Katze Zigaretten holen und kam nicht zurück“ – ein wunderbar komischer Satz, der im Anschluss von einem Gast noch kritisch auf seine Sinnhaftigkeit hinterfragt wird.

Godot wandert. Ein Kreuz, dass er mit sich führt, tauscht er gegen den rechten Schuh eines Lack­affen. Auf das Kreuz geht Brasch nicht näher ein – „es heißt, der Mann starb irgendwann daran“. Wohl aber auf den rechten Schuh des Lackaffen. Hier kommt der Forschergeist zutage, die Fantasie treibt schräge Blüten. Das Ganze in Form eines kleinen Hörspiels: „Ey, Kumpel, mir ist langweilig. Kauf mir Schabernack“, näselt blasiert der Affe. „Okaaaay“, schwurmelt das Schaf.

Das große Rätsel des Lackaffen-Schuhs

Und schon ist man drin in einer überdrehten Geschichte und möchte nicht mehr heraus – zu sehr berauscht man sich an den Stimmen, vor allem der von Stefan Kaminski. Das Publikum kringelt sich auf seinen Stühlen, bis das Lackaffen-Schuh-Rätsel gelüftet ist. Es schmunzelt auch, wenn Godot durchs vorweihnachtliche Kaufhaus geht, den Weihnachtsmann in ein Gespräch verwickelt oder dem Plüschkamel helfen will, das sich in der Kurzwarenabteilung durch ein Nadelöhr zwängen soll. „Da muss ich alleine durch“, grollt das Kamel.

Sogar das Rätsel, wie der Weihnachtsmann zu seinem Beruf kam, wird von Marion Brasch gelüftet. „Es war einmal ein König, der hatte drei Töchter. Birgit, Helga und Gerhard.“ Gekicher. Gerhard – schön, klug, fleißig und mitfühlend – wird von seinen Schwestern in den Wald gehetzt, die rote Zauberblume zu finden. Man kennt das ja. Happy End? Für den Wolf, der Gerhard verschlingt, während sie noch Betrachtungen darüber anstellt, ob dem Tier mit der fliehenden Stirn zu trauen ist, auf jeden Fall. Für die Zuhörer nicht, denn des Rätsels Lösung, wie der Weihnachtsmann zu seinem Beruf kam, bleibt so ohne Ende und Abschluss im Raum stehen wie das Warten auf Godot.

Von Regine Buddeke

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