Volltextsuche über das Angebot:

23 ° / 11 ° heiter

Navigation:
Matthias Horn: „Wunder, dass ich laufen kann“

SG Linum Matthias Horn: „Wunder, dass ich laufen kann“

Kleiner Mann ganz groß. Trotz angeborenen Handicaps sprüht der 27-Jährige vor Lebensfreude und will nun eine Trainerausbildung absolvieren. Gemeinsam mit seinem Vater Reinhard betreut „Matze“ bereits die Altherren der SG Linum.

Voriger Artikel
Von Perleberg nach Kairo zu Fuß
Nächster Artikel
Tempo 30 vor allen Kitas und Schulen

Auf dem Sportplatzgelände der SG Linum fühlt sich Matthias Horn wohl. Gemeinsam mit Vater Reinhard betreut er die Altherren des Vereins.

Quelle: Marius Böttcher

Linum. Spricht man mit Matthias Horn über sein liebstes Hobby, vergisst man schnell, dass einem jemand gegenübersitzt, der seit Geburt an ein großes Handicap mit sich herumträgt. Der 27-Jährige aus Brunne (Gemeinde Fehrbellin) muss mit einer komplexen Fehlbildung der Knie- und Hüftgelenke leben, die ihn in jeglichen Situationen sehr einschränkt. Erzählt er aber über den Fußball, ist er in seinem Element. „Durch Papa war ich eigentlich jedes Wochenende am Platz. Früher in Karwesee, heute in Linum“, berichtet „Matze“.

Matthias Horn wächst in Fehrbellin auf, besucht in der örtlichen Bildungsstätte die Klassen eins bis sechs und geht anschließend auf die integrative Regine-Hildebrandt-Schule in Birkenwerder. Gemeinsames Kicken mit Freunden am Nachmittag oder dem Wochenende blieb ihm schon immer verwehrt: „Das war körperlich nie machbar, dennoch bin ich fußballinteressiert seit ich denken kann.“ Nachdem er den Realschulabschluss erlangte, folgte beim Potsdamer Berufsbildungswerk eine Ausbildung, die er drei Jahre später erfolgreich abschloss. Dank des ständigen Aufenthalts in der Landeshauptstadt entdeckte er auch seine große Leidenschaft für den SV Babelsberg 03.

Nur wenige Minuten kann der 27-Jährige während der Partie stehen

Nur wenige Minuten kann der 27-Jährige während der Partie stehen. Aufgrund starker Schmerzen ist er zum Sitzen gezwungen.

Quelle: Marius Böttcher

„Mein erstes Spiel im Karl-Liebknecht-Stadion war 2009 gegen den Chemnitzer FC“, erinnert sich der gelernte Bürokaufmann. Da packte ihn das Feeling bei den Kiezkickern, er ist Dauerkartenbesitzer und bei jedem Heimspiel in der Nordkurve vertreten. Bereits zu Drittliga-Zeiten folgte er den Babelsberger Fußballern quer durch die Republik. „Ich war in Regensburg, Saarbrücken, Braunschweig und die Spiele gegen Rostock und Cottbus ließ ich mir selbstverständlich auch nicht nehmen“, schwelgt Matthias Horn gern in alten Zeiten. Auch heute noch werden Auswärtsfahrten angetreten, den Großteil der Spiele besucht er aber am Babelsberger Park. „Mit Freunden aus Neuruppin fahre ich meist mit dem Auto zu den Heimspielen, da der Weg mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu anstrengend ist“, berichtet er.

Eine Liebe, die unter die Haut geht: Auf der linken Wade hat der lebensfrohe Horn das Wappen vom Regionalligisten tätowiert. Auch auf der Stehtribüne im altehrwürdigen „Karli“ kann er die 90 Minuten von einem eigens für ihn erschaffenen Platz genießen. „Es wurde für mich ein Podest aus Paletten errichtet. Die Aktion wurde auch vom Verein abgesegnet, dafür bin ich sehr dankbar“, spricht er von einer großen Erleichterung. In der Nordkurve hat der nur circa 1,20 Meter große Horn, der auch dem Fanclub „Scortesi“ angehört, viele freundschaftliche Kontakte geknüpft. „Im Fanblock bin ich unter ,Klein Matze’ bekannt.“

„Es ist nicht bekannt, dass es diesen Fall noch ein zweites Mal gibt“

Zwar war das Thema Mobbing bei Nulldrei nie präsent, doch verbindet er mit seinem Lieblingssport nicht nur schöne Momente. „Hier und da gab es auch mal Anfeindungen, sowas bleibt nicht aus. Das geht bei mir aber in das eine Ohr rein und aus dem anderen wieder raus“, straft er unüberlegte Aussagen mit Nichtachtung. Außerdem kann er die eigene gesundheitliche Situation gut einschätzen. „Eigentlich ist es ein Wunder, dass ich laufen kann. Es ist nicht bekannt, dass es diesen Fall noch ein zweites Mal gibt“, erzählt er offen über seine Behinderung. Matthias Horns Oberkörper inklusive der Arme ist normal gebaut, von der Hüfte abwärts ist jedoch eine Fehlbildung vorhanden. „Klar habe ich ein Handicap und bin in manchen Sachen beschränkt, trotzdem besitze ich auch eine gewisse Selbstständigkeit“, stellt er klar. Mithilfe einer Spezialkonstruktion ist es ihm sogar möglich, Auto zu fahren. In einer Berliner Fahrschule konnte er die dementsprechende Prüfung ablegen.

Mit seinen Ambitionen möchte er in naher Zukunft an einem weiteren Kurs teilnehmen. „Wenn ein neuer Trainerlehrgang stattfindet, melde ich mich an“, merkt man ihm den Elan und das Ziel vor Augen an. Ihm ist bewusst, dass eine Tätigkeit als Chefcoach nicht in Frage kommt. „Ich wünsche mir ein schriftliches Zertifikat, möchte eine Bestätigung haben, das würde mich selbst nochmal stärken“, so Horn. Bei den Altherren der SG Linum fungierte er zuletzt schon als Betreuer, übernimmt zur neuen Saison die Rolle des Co-Trainers an der Seite seines Vaters Reinhard. Sein Aufgabenbereich umfasst den Schriftverkehr, auch erfolgt die Planung der Aufstellung durch seine Person. „Das Training leitet mein Papa. Ich kann ja immer nur wenige Minuten stehen, die Schmerzen sind sonst zu groß“, gibt er sich ehrlich. Beim Fußball-Kreisligisten fühlt sich Matthias Horn, der seit der Ära Jürgen Klopp auch mit Borussia Dortmund sympathisiert, jedenfalls pudelwohl: „Hier werde ich akzeptiert. Vielleicht gelingt uns auf lange Sicht auch sportlicher Erfolg.“

„Matze“ auf seinem Podest im Babelsberger Karl-Liebknecht-Stadion

„Matze“ auf seinem Podest im Babelsberger Karl-Liebknecht-Stadion.

Quelle: privat

Derzeit ist Matthias Horn arbeitssuchend, hofft aber auf eine baldige Beschäftigung. Auch strebt er nach einer eigenen Wohnung, traut es sich zu, allein über die Runden zu kommen. Neben dem Traum, den SV Babelsberg 03 wieder im bezahlten Fußball zu sehen, steht ein Besuch im Dortmunder Westfalenstadion weit oben auf der Agenda. „BVB gegen den HSV, das wäre eine tolle Paarung“, klärt er auf, weil es sein Vater mit den Nordlichtern hält.

Wird die Anstrengung doch zu viel, kommt er bei einer weiteren Passion zur Ruhe: „Das Angeln zählt ebenfalls zu meinen Hobbys, schließlich ist das eine Sitztätigkeit, die mich vor keine Probleme stellt.“ Eines ist jedenfalls Fakt: Im Leben des Matthias Horn gibt es lichte und auch schattige Momente. Mit seinem positiven Umgang sprüht er aber jede Menge Lebensfreude aus, welche für viele Menschen als Vorbild dienen sollte.

Von Marius Böttcher

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Ostprignitz-Ruppin
MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg