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Max Raabe singt

Neuruppin Max Raabe singt

Am Mittwoch in Neuruppin, tags darauf in der Elbphilharmonie. Max Raabe ist wohl einer der bekanntesten Sänger, der in Comedian-Harmonists-Manier das alte Liedgut der Goldenen Zwanziger und Dreißiger singt: mit unbewegter Miene und überaus beweglicher Stimme. Das Publikum in der Pfarrkirche lag ihm bei seinem Soloauftritt förmlich zu Füßen.

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Max Raabe begeisterte mit stoischer Miene und genialer Stimme.

Quelle: Regine Buddeke

Neuruppin. Er wirkt wie nicht von dieser Welt. Wenn Max Raabe auf die Bühne kommt – nicht springt, nicht schreitet, einfach nur erscheint – dann ist das genauso perfekt und geschmeidig wie sein gesamter Habitus. Das Äußere: geschniegelt und gebügelt. Der Frack ist makellos, zart schimmern zwei Satinstreifen seitlich an den Hosenbeinen, die Schuhe auf Hochglanz, schneeweißes Frackhemd, porentief reine Weste, Fliege, Einstecktuch. Die Frisur sitzt. Die Stimme ist geölt. Es ist, als ob irdische Übel wie Schmutz, Staub und Knitterfalten einen Bogen um ihn machen. Er ist wie ein Geist aus einer anderen Epoche – den Goldenen Zwanzigern und Dreißigern des vorigen Jahrhunderts. Gefühltes Vorbild? Die Comedian Harmonists. Nur dass Max Raabe seinen Auftritt ganz allein hat – fast allein. Statt seinem üblichen Ensemble, dem von ihm gegründeten und geleiteten Palast-Orchester, hat er lediglich den – ebenso perfekten – Pianisten Christoph Israel zur Seite. Die Neuruppiner Pfarrkirche ist am Mittwochabend ausverkauft – die Fans hängen von der ersten Minute gleichsam an Raabes Lippen.

Begleitet wird Max Raabe von Christoph Israel am Klavier

Begleitet wird Max Raabe von Christoph Israel am Klavier.

Quelle: Regine Buddeke

„Wenn der Wind weht“, beginnt Max Raabe, der bürgerlich Matthias Otto heißt. Und es klingt, als ob ein Wind weht. Wer Raabe kennt – und die meisten im Saal tun das – weiß um die Magie seiner Stimme. Von grabestief bis ins gehauchte Falsett reicht sie, er dehnt Vokale, „küssen“ wird bei ihm im Überschwang des Gefühls zu „küssan“, das „r“ rollt er wie eine schnurrende Katze. Im Hintergrund der Stimme lauert das typisch Nasale der Schlagersänger dieser Zeit. Und so tadellos wie sein Outfit ist auch sein Auftritt. Gefühle? Jede Menge. Emotionen? Eher nicht. Ein Gentleman genießt und singt. Allenfalls seine Augen rollen ein wenig, eine Augenbraue lupft sich einen Wimpernschlag nach oben, ein Mundwinkel verzieht sich kurz. Gelächelt wird nicht, allenfalls innerlich. Jede Bewegung ist wohlkalkuliert – egal ob er sich lässig ans Piano lehnt, kurz die Frackaufschläge liftet, sich knapp verbeugt. Noblesse oblige: Liebe ja, Sex nein. Hier wird gehaucht, gefleht, gelitten, geliebt. Aber nur angedeutet und dezent berichtet – bestenfalls mit einem Hauch Schalk und Ironie. So war der damalige Minnegesang und das beherrscht der 54-Jährige bis aufs i-Tüpfelchen. Unnahbar und souverän singt sich Max Raabe durchs Programm, knapp sagt er Komponisten und Texter an, keine Anekdoten, keine Intimitäten mit dem Publikum. Minimalismus pur. Was zählt, ist die Musik.

Max Raabe singt in schönster Manier der Comedian Harmonists

Das Repertoire der damaligen Lieder scheint unerschöpflich. Max Raabe hat sie auf etlichen Alben verewigt, seine nächste Scheibe, „Der perfekte Moment ... wird heut verpennt“ wird noch diesen Monat erscheinen. Viel aus seinem 2009 erschienenen Soloalbum „Übers Meer“ ist zu hören. Die meisten Songs des Abends kennt man nicht. Bis irgendwann „Irgendwo auf der Welt gibt’s ein kleines Stückchen Glück“ ertönt. „Ich kenn ein kleines Herrenartikelgeschäft“, singt er und besingt die Liebe zu Esther. Und deren Schwester. Ein klarer Fall von Bigamie – aber so wie er gesungen wird, ist es eine Ode. Das Publikum lacht amüsiert – oft haben die Texte viel Witz.

Andere besingen die einzig wahre Liebe – auch wenn die sich oft als kurze Liebelei entpuppt. Er besingt Ninon auf deutsch und englisch. Er schmeichelt und seufzt ein „Weißt Du denn Du“ im verträumten Walzertakt. „Bezauberndes Fräulein“, fährt Raabe fort und die Frauen im Saal räkeln sich innerlich und schmachten vermutlich. Was wussten Kavaliere damals noch zu lieben und zu verehren. Keine plumpen Anmachen – nur zarte Galanterie und Anbetung aus der Ferne. Frauen stehen bei Max Raabe förmlich auf dem Sockel. Sein Herz ist „ein Salon für schöne Frauen“, gesteht er sanftstimmig. Auch so konnte man damals Vielweiberei schönreden.

Die Lieder sind zumeist unbekannt – aber auch Evergreens sind dabei

Ganz kurz kommt mal ein Spruch: Der Unterschied zwischen einem Eintänzer und einem Gigolo? Ersterer tanzt nur. Letzterer auch. Gelächter im Saal. Das passende Lied eines gequälten Gigolos folgt stante pede.

Manchmal pfeift Max Raabe auch, sogar eine Trompete beherrscht er per Stimmkraft. Und sieht dabei lange nicht so wangengebläht aus wie die echten. „Du hast keinen Blick für mich und bist doch das Glück für mich“, schmachtet Max Raabe und säuselt leise, dass er sich umbringt, wenn er nicht erhört wird. „Ein Lied geht um die Welt“, das Klavier tröpfelt leise aus – Pause.

„Er ist einfach fantastisch“, schwärmt Katrin Janicke aus Alt Ruppin, die Max Raabe schon mehrfach live, aber noch nie ohne sein Palast-Orchester erlebt hat und sich als Fan bekennt. „Wie er es schafft, die Leute hier einzufangen. Mit so einer Präsenz“, sagt sie. „Genial.“

Drei Zugaben muss der Sänger geben

Auch nach der Pause ist Max Raabe, dessen nächste Station die Hamburger Elbphilharmonie ist, in Hochform. Bravorufe gibt es für den russischen Tango. „Fremdsprachige Stücke haben den Reiz, dass sich die Fantasie des Zuhörers entfalten kann“, sagt er und präsentiert aus einer Spickzettelsammlung die launige Übersetzung über acht nackte Kusinen in einem Weiher und neun berittene Ulanen. Den Rest will man sich gerade denken – oder besser nicht – da kommt ein: „Ah, das ist der richtige Zettel: Eine alte Kräuterfrau braut einen Sud.“

Auch die Entstehung des Beef Stroganoff wird in einem Zungenbrecher-Song von Friedrich Hol­laender aufs Köstlichste besungen: Max Raabe läuft einmal mehr zu Hochform auf. Das Publikum fordert stürmisch Zugaben ein. „Küssen kann man nicht alleine“, seufzt Max Raabe, besingt den Wolf im Bett der Rotkäppchen-Großmutter und schließt mit „Lebewohl, vergiss mich bitte nicht“. Die Gefahr besteht ohnehin nicht.

Von Regine Buddeke

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