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Mit Leib und Seele Tagesmutter

Gottberg Mit Leib und Seele Tagesmutter

Die Zahl der Tagesmütter und -väter im Landkreis nimmt stetig ab. Vor fünf Jahren gab es noch 30 Kindertagespflegekräfte, jetzt sind es nur noch 15. Der Kreis sucht händeringend Nachfolger. Tagesmutter Petra Crüger aus Gottberg gibt Einblick in ihren Alltag, erzählt von den schönen und den nicht so schönen Seiten.

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Tagesmutter Petra Crüger aus Gottberg betreut seit 2006 Kindern in ihrem Haus. Beim Fototermin waren Henk (2,5), Oskar (2,5), Floris (2) und Melissa (1) dabei. 

Quelle: Anja Reinbothe-Occhipinti

Gottberg. Vier Knirpse wuseln um Tagesmutter Petra Crüger herum. Erst ist die Rasselbande friedlich, dann gibt es Streit im Spielzimmer. Der zweijährige Floris möchte plötzlich die Plastikkasse, mit der der zweieinhalbjährige Henk gerade spielt. Dieser findet es gar nicht lustig, dass ihm sein kleiner Kollege das Spielzeug entreißt. Petra Crüger schlichtet liebevoll: „Nein, Floris so nicht. Wenn Henk fertig ist, darfst du damit spielen.“ Floris lässt ab, wendet sich den Bausteinen zu. Melissa (1) und Oskar (2,5) sitzen währenddessen auf der Matratze in der Ecke und sind vertieft in Bücher und Plastiktiere.

Petra Crüger aus Gottberg ist eine von derzeit 13 Tagesmüttern in Ostprignitz-Ruppin. Auch einen Tagesvater gibt es. Vor fünf Jahren waren es noch insgesamt 30 anerkannte Kindertagespflegekräfte im ganzen Landkreis. Die Kreisverwaltung in Neuruppin sucht nun dringend neue Betreuer. „Für Eltern ist die Kindertagespflege mit ihren kleinen, überschaubaren Gruppen von maximal fünf Kindern insbesondere in den ersten drei Lebensjahren des Nachwuchses eine Alternative zur Kindertagesstätte“, sagt Andreas Liedtke, Leiter des Amtes für Familie und Soziales.

Beim Spielen darf natürlich auch richtig getobt werden 

Beim Spielen darf natürlich auch richtig getobt werden. 

Quelle: Anja Reinbothe-Occhipinti

Dem pflichtet Petra Crüger ohne Einschränkung bei: „Ich kann auf die Bedürfnisse der Kinder vielmehr eingehen als Erzieher in einer Kita, die sich um mehr Sprösslinge kümmern müssen.“ Eines ihrer Kinder hat eine Glutenallergie, das andere eine Ei-Allergie und zudem Neurodermitis. Heute ist Petra mit vier von ihren fünf Zöglingen in der „Crügers Knirpsen Ranch“ zugange, wie das Eingangsschild über dem Gartentor verkündet. Der fünfte Knirps ist krank. „Die Kinder sind zwischen sechs und neun Stunden bei mir in Betreuung“, sagt die zertifizierte Kindertagespflegekraft. Halb acht startet ihr Arbeitstag. Manchmal wird ein Kind auch schon vor sieben von den Eltern gebracht. „Das letzte geht meist Viertel vor fünf.“

Rund 2 300 Euro hat das Jugendamt Petra Crüger diesen Monat überwiesen. Sie findet die Bezahlung in Ordnung. So wie die meisten ihrer Neuruppiner Kollegen gesteht sie aber, dass es nicht reicht, „um Rücklagen für die Rente zu bilden“. Hilfreich sei es, dass das Jugendamt seit einigen Jahren die gesetzliche Kranken- und Rentenversicherung bezuschusst. 24 Tage bezahlten Urlaubsanspruch habe sie, sagt Petra Crüger. Ab Januar sind es 30, und es gibt nach drei Jahren eine Entgeltanpassung: Zertifizierte Tagespflegepersonen erhalten dann 1,33 Euro je Stunde und Kind für den Erziehungsaufwand statt bisher 98 Cent. Für Tagespfleger mit einer Erzieherausbildung erhöht sich der Betrag von 1,25 Euro auf 1,38 Euro je Stunde und zu betreuendes Kind. Sie kommen so auf bis zu 2 830 Euro brutto pro Monat bei fünf Kindern, die acht Stunden in Betreuung sind. Im Vergleich: Eine Erzieherin bei einem freien Träger erhält als Einstiegsgehalt 2 500 Euro brutto.

Tagesmutter Petra Crüger geht viel mit den Kindern an die frische Luft

Tagesmutter Petra Crüger geht viel mit den Kindern an die frische Luft.  

Quelle: Anja Reinbothe-Occhipinti

„Man wird nicht reich mit dem Job, hat man mir gleich zu Anfang gesagt. Aber ich bin bisher gut über die Runden gekommen“, sagt Petra Crüger. Bei Krankheit sei sie 15 Tage abgesichert. Ist sie wirklich einmal krank, müssen die Eltern ihrer Kinder einen Plan B in der Tasche haben, wo sie die Kinder unterbringen können. Einen Ersatz gibt es nicht, wenn Tagesmutter oder -vater ausfallen. „Außer“, erklärt Britta Avantario, Pressesprecherin des Landkreises, „es erfolgt untereinander eine Vertretung bei freier Platzkapazität.“

Die Tageskinder von Petra Crüger sind mopsfidel und testen gerade ihre Grenzen. „Ich möchte ein Gummibärchen“, quengelt Henk und geht zielgerichtet zu einem Schrank. Die Tagesmutter lacht und versucht ihn abzulenken: „Was Süßes gibt es jetzt nicht. Du kriegst gerne ein Filinchen.“ Das geht auch bei Glutenunverträglichkeit und Ei-Allergie, weiß Crüger, die von Haus aus ein mütterlicher Typ ist und viel Wärme ausstrahlt. Sie hat alles im Blick und im Griff.

Seit elf Jahren arbeitet sie schon als Tagesmutter. Etliche Kinder hat die lebenslustige Frau seitdem betreut. Die meisten bleiben, bis sie drei Jahre alt sind, wechseln danach in eine Kita. Ihre eigenen Kinder hätten sie 2006 bestärkt, es als Tagesmutter zu versuchen, erzählt die gelernte Krippenerzieherin: „Zu der Zeit hatte ich im Quereinstieg als Zahnarzthelferin gearbeitet und war nur mal interessehalber beim Arbeitsamt gewesen“, erinnert sich die Fünfzigjährige. „Dort sagte man mir, dass händeringend Tagesmütter gesucht werden“. Damals wie heute. „Die einzige Ungewissheit, die ich hatte, war, ob ich die Kinderzahl zusammen kriege.“ Kriegte sie. „Die Eltern erfahren durch Mundpropaganda von mir. Außerdem verteile ich Flyer, bei Frauenärzten beispielsweise.“

Crügers Knirpsen-Ranch in Gottberg 

Crügers Knirpsen-Ranch in Gottberg. 

Quelle: Anja Reinbothe-Occhipinti

Muttersein allein befähigt noch nicht zur Eröffnung einer Tagespflege, bestätigt auch Petra Crüger: „Jeder muss vor Beginn der Tätigkeit einen Kurs absolvieren, um zugelassen zu werden, egal ob er vorher Erzieher war oder nicht.“ Darin sieht Pressesprecherin Britta Avantario wiederum die Gründe, weshalb es im Landkreis Ostprignitz-Ruppin an Tagesmüttern und -vätern mangelt: „Die Qualifizierung und auch die Erstausstattung müssen aus eigener Finanzierung erfolgen. Außerdem kann es am alleinigen Arbeiten mit fünf Kindern liegen, weshalb interessierte Personen den Beruf dann doch meiden. Oder auch daran, dass es wenig Möglichkeiten für den sozialen Austausch gibt.“

Petra Crüger hielt nichts von alldem ab. Sie absolvierte den Tagesmutterkurs, schloss eine private Haftplichtversicherung ab, zusätzlich zur Unfallversicherung übers Jugendamt, und richtete für ihre Zöglinge auf Zeit das eigene Zuhause in Gottberg kindgerecht ein. Auf dem Flur liegen Spielzeugautos verstreut, an den Wänden hängt Weihnachtsschmuck. Crügers eigene Kinder sind schon groß und längst aus dem Haus. Deren Zimmer wurde zum kunterbunten Spieleparadies umfunktioniert, wo sich die Kinder austoben aber auch ausruhen können. Das eigene Schlafzimmer hat Ehepaar Crüger geräumt – dort schlafen nun die Tageskinder.

So werden Sie Tagesmutter oder -vater

Bis zu fünf fremde Kinder dürfen Tagesmütter und -väter betreuen, wobei bestimmte Voraussetzungen einzuhalten sind: etwa alters- und entwicklungsförderndes Mobiliar und Spielzeug, eine Mindestspielfläche von 3,5  Quadratmetern je Kind, ein abgetrennter Schlafbereich und geeignete Waschgelegenheiten. Betreut werden die Kinder entweder im Haushalt der Tagespflegeperson, in angemieteten Räumen oder auch bei den Eltern.

Neben einer kindgerechten Umgebung müssen Interessenten ein Führungszeugnis vorlegen und über vertiefte Kenntnisse der Kindertagespflege verfügen, die sie in qualifizierten Lehrgängen erworben haben.

Die Kreisverwaltung sucht verstärkt nach neuen Tagesmüttern und -vätern. Grund: Zum einen hält der Geburtenboom in Neuruppin an, zum anderen wollen viele Eltern ihren Nachwuchs lieber in einer kleinen Gruppe betreut wissen. Anfragen nimmt das Amt für Familien und Soziales des Landkreises entgegen unter Telefon 03391/6 88 51 54.

Jedes Bettchen hat sie selber angeschafft, jedes Spielzeug, jedes Kinderlöffelchen. Für alle Sachkosten kommen Tagesmütter allein auf beziehungsweise sind diese mit ihrem Salär abgegolten. Nicht immer einfach, vor allem für Tagesmütter und -väter, die nicht in ihren eigenen vier Wänden betreuen können und Räume anmieten müssen. Da reicht das Entgelt vom Jugendamt hinten und vorne nicht, und wieder gibt eine Tagesmutter auf, wie aktuell Ende November.

Es ist eine große Verantwortung, die sie tragen: Eltern vertrauen ihnen das Kostbarste an, das sie haben – ihre Kinder. Tagesmutter ist ein Beruf, den man mit Leib und Seele macht. „Ich liebe meinen Beruf und werde ihn noch lange ausüben“, gesteht Petra Crüger und ihre Augen leuchten. „Wenn die Kinder glücklich sind, bin ich es auch.“

Ihre kleine Rasselbande scheint es zu sein und möchte nun raus zu den Eseln Emma und Anton, die auf dem Hof der Crügers leben, neben Hühnern, Schweinen und Katzen. Filinchen und Möhren werden eingepackt, und Henk und Konsorten schlüpfen in die Outdoor-Sachen. Melissa und Floris lassen sich im Krippenwagen übers Gelände kutschieren. Henk schnappt sich ein gelbes Laufrad und düst los, Oskar greift sich eine blaue Schaufel aus dem großen Sandkasten. Es wird erstmal ein Parcours um Bobbycars, Fahrräder und Spielzeugautos absolviert, bevor es zu den Tieren geht, ein paar Meter hinter dem Hof.

Spielen im Freien lieben die Kinder sehr

Spielen im Freien lieben die Kinder sehr. Bei Tagesmutter Crüger ist genug Platz dafür. 

Quelle: Anja Reinbothe-Occhipinti

Bald ist Mittagszeit. „Um elf essen wir“, erzählt Tagesmutter Petra. „Oft bereite ich alles schon zwischen halb sieben und halb acht vor, wenn die Kinder noch nicht da sind.“ Flexibel muss man sein und manchmal auch am besten doppelt soviel Hände haben. „Die Kinder nehmen sich was zu spielen und sitzen neben mir am Küchentisch, während ich Kartoffeln schäle.“

Im Moment sind Henk, Oskar, Floris und Melissa damit beschäftigt, andere zu füttern. Eselin Emma und ihr Sohn Anton bekommen die Möhren und Filinchen. Die Kinder strahlen. Von Streit keine Spur.

Von Anja Reinbothe-Occhipinti

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