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Mit Vollgas auf die Nase in Brandenburg

Ulrike Henseler aus Breddin ist als Clown im Land unterwegs Mit Vollgas auf die Nase in Brandenburg

Er hat eine rote Pappnase, gute Laune und garantiert keine Angst: Der Clown. Doch Ulrike Henseler sieht noch mehr in der Rolle. Er kann therapieren, heilen und zur Selbstfindung verhelfen. Die Künstlerin schlüpft selbst in ein Clownskostüm und tourt damit durch Brandenburg, unter anderem als Krankenhaus-Clown(in).

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Ulrike Henseler aus Breddin ist eine Clownin.

Quelle: Privat

Breddin. Die Gartenzauntür geht auf. „Hereinspaziert“, sagt Ulrike Henseler an der Dorfdurchfahrt von Breddin-Abbau und lächelt ungeschminkt. Stolpert sie jetzt trotzdem? Nein. Wenigstens ein lustiger Spruch zur Begrüßung selbst ohne rote Nase? Auch nicht. „Sekunde, ich muss mich mal eben von meinem Freund verabschieden“, sagt sie stattdessen. Was folgt, klingt nicht nach Scherz, sondern frisch verliebt.

Clowns können offenbar doch auch ernsthaft sein, besitzen Handys, haben sogar eigene Internetseiten und Visitenkarten. „Clownin“ steht auf der von Ulrike Henseler und dazu der Verweis auf www.clownsundmaerchen.de, wo kaum eine Frage über sie offen bleibt. „Das wurde mir mal in einem Institut für Künstlerbildung beigebracht, wie man sich am besten präsentiert.“ Auch ein Clown müsse ja dazulernen.

Der Clown als Mittel zur Selbstfindung

Vor allem aber bringe er einem etwas bei. „Der Clown war und ist mir Lehrer und Helfer dabei, mich selbst zu finden, immer mehr die zu sein, die ich bin“, schreibt Ulrike Henseler auf ihrer Homepage beispielsweise über sich. Ob es an ihm liegt, dass die bald 45-Jährige mindestens ein Jahrzehnt jünger aussieht?

In jedem steckt ein Clown, man muss ihn nur rausholen wollen, sagt Ulrike Henseler. Das lasse sich erlernen.

Quelle: Privat

Geboren 1970, studierte Ulrike Henseler in Berlin und Jena Psychologie, entdeckte dann das Theater für sich und verband beides mit der Ausbildung „Theater in der Therapie“. Dafür zog sie bis ins norditalienische Ferrara zum „Teatro Nucleo“, blieb zehn Jahre in dem Land und entdeckte mehr und mehr den Clown in sich. „Bei Jean Meningault, meinem Clownslehrer, lernte ich über viele Jahre, der Clownin in mir immer mehr Freiheit und Ausdruck zu geben.“

Ein Clown hat keine Angst

Zunächst sei da jedoch dieses „Ich trau mich nicht“ gewesen. „Aber die Clownin traut sich, hat Mut oder kennt schlicht keine Angst und kann nicht anders als albern sein und spielen. Sie spült spielend die Zweifel hinweg, genießt sich selbst und das Leben im Spiel, sie ist voller Freude und Ekstase oder todtraurig immer voll und ganz.“

So haben der Clown und seine laut ihr „heilende Kraft“ seither Ulrike Henselers Leben verändert – und längst nicht nur ihres. Seit zwei Jahren gibt sie Kindern regelmäßig „Die Clownsprechstunde“ am Carl-Thiem-Klinikum in Cottbus. Seitdem sie nach Breddin zog, fährt sie dafür fast die ganze Regionalexpress-Strecke ab.

Aus der Clownsgeschichte

  • Schon in der irischen Mythologie kommen Clowns vor. Es heißt, der Meeresgott „Manannan“ habe sich einst als Clown verkleidet.
  • Ab dem 16. Jahrhundert traten Clowns in den Pausen englischer Bühnenstücke auf, um die Zuschauer zu unterhalten, und dann auch im italienischen Improvisationstheater.
  • Weiterentwickelt wurde die Figur im 17. Jahrhundert von Molière.

In die Prignitz kam sie von Berlin aus vor allem wegen ihres Sohnes und der Freien Schule in Roddahn, die mit ihren alternativen Lernkonzepten längst bundesweit bekannt ist. „Er würde an keiner anderen Schule so gut klarkommen.“ Sie selbst habe einst „ein Schultrauma“ erlitten.

Mal mit, mal ohne Pappnase

Solche Lebenserfahrungen fließen in ihre Stücke ein, mit denen sie allerorten auftritt, hin und wieder zusammen mit Partnerclowns. Da ist etwa „Hans aus der Tonne“, ein Clownstheaterstück frei nach dem Märchen „Hans im Glück“ der Gebrüder Grimm zum Mitspielen für Menschen ab vier Jahren. Ein anderes Stück heißt „Der Baukasten der roten Nasen, oder: Wie der Mensch entstand“. Zudem ist Ulrike Henseler auch ohne Pappnase als Märchenerzählerin unterwegs. Und manchmal wird aus ihr die „Mathilde“, die Reinigungskraft in einem Theater, die zufällig ins Rampenlicht gerät und mit ihrem Akkordeon zwischen Clownerie und Akrobatik pendelt. Bei alldem soll sich der Zuschauer wiedererkennen.

Ulrike Henseler lebt seit eineinhalb Jahren in Breddin. Sie tauschte das Großstadtrauschen mit dem Rauschen des Wasserfalls vom Königsfließ unweit ihres Hauses.

Quelle: Matthias Anke

„Wie wäre die Welt, wenn wir alle unserem inneren Clown etwas mehr Freiheit gäben?“, fragte sich Ulrike Henseler einst und begann selbst als Clownslehrerin. An diesem Wochenende beispielsweise steht für sie an der Volkshochschule Berlin Tempelhof-Schöneberg ein Seminar für Fortgeschrittene im Kalender.

Ein Clown macht keine halben Sachen

„In jedem steckt ein Clown, man muss ihn nur herauslassen wollen“, sagt Ulrike Henseler. „Wer macht sich freiwillig schon gerne lächerlich?“

Wer diesen Mut hat, müsse das Normalsein verlernen, dürfe sein Scheitern und alle Peinlichkeiten nicht länger verstecken, muss mit Vollgas auf die Nase fallen können. „Zu den Seminaren kommen meistens Theaterleute für einen bewussten Perspektivwechsel. Einige nehmen sich eine Auszeit“, erzählt sie, denn: „Der Clown erkennt alles so an, wie es ist. Er verurteilt nicht. Dadurch lehrt er uns, liebevoll mit uns umzugehen und uns mit allen Ecken und Kanten zu zeigen und zu mögen. Denn diese Ecken und Kanten, unsere Lebensgeschichte mit ihren Erfolgen und Niederlagen sind Inspirationsquelle und Spielmaterial. Sie sind unser Reichtum.“ Das klingt nach Lehrer, eben. Ein Clown mache schließlich keine halben Sachen. Er lebe im Hier und Jetzt und erlebe alles ganz und gar.

„Und dort hinten im Wald will ich unbedingt mal eine Märchenstunde mit Kindern machen, vielleicht komme ich noch dieses Jahr dazu“, sagt Ulrike Henseler beim Abschied. Die Clownin winkt und geht zurück ins Haus. Ihre Gartenzauntür lässt sie offen.

Von Matthias Anke

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