Volltextsuche über das Angebot:

3 ° / -3 ° Regen

Navigation:
Musik ist die Sprache für Flüchtlingskinder

Landtagsabgeordnete gibt Musikstunden Musik ist die Sprache für Flüchtlingskinder

„Wie macht man mit Kindern Musik, die kein oder kaum Deutsch verstehen?“, fragte sich Ulrike Liedtke am Anfang. Die SPD-Landtagsabgeordnete gibt in Rheinsberg ehrenamtlich Musikstunden für Flüchtlingskinder. Inzwischen weiß sie: Es braucht gar nicht so viel Deutsch. Musik ist auch eine Sprache.

Rheinsberg 53.0983691 12.8974874
Google Map of 53.0983691,12.8974874
Rheinsberg Mehr Infos
Nächster Artikel
Kita für Flüchtlingskinder in Wusterhausen

„Mit den Kindern zu arbeiten, macht großen Spaß“: die SPD-Landtagsabgeordnete Ulrike Liedtke.

Quelle: Peter Geisler

Rheinsberg. Durch den Tanzraum weht Wind. Erst leise, dann stürmisch. Später prasselt auch Regen. Imam und Radjab, zwei Flüchtlingskinder aus Tschetschenien, nehmen an einer Musikstunde mit Ulrike Liedtke teil. Die beiden Jungen entlocken dem Glockenspiel Windgeräusche. Dann trommeln sie mit den Fingern auf den Boden, sodass es sich anhört, als würden Regentropfen gegen die große Fensterscheibe des ehemaligen Ladenlokals schlagen. „Regen, Herbst“, sagt Liedtke und lacht. Sie tut, als würde sie durchgeregnet werden. Auch Radjab lacht.

Jeden Montag bietet die SPD-Landtagsabgeordnete Ulrike Liedtke Rheinsberger Flüchtlingskindern Musikunterricht an. „Wie macht man mit Kindern Musik, die kein oder nur kaum Deutsch verstehen?“, fragte sich die Musikwissenschaftlerin zu Anfang. Inzwischen weiß die 57-Jährige: „Über Musik.“

Und später die Tröte

Und später die Tröte: Krachmachen ist erlaubt.

Quelle: Peter Geisler

Dass die Kinder ganz nebenbei auch noch Deutsch lernen, hatte Ulrike Liedtke nicht erwartet. Doch wer mit kleinen Glöckchen eine Tonfolge spielt, kann ziemlich schnell eine Tonleiter runterzählen oder die Farben der Glöckchen benennen. „Rot kann eigentlich jedes Kind sofort aussprechen“, sagt sie. „Das Wort Grün ist schon schwieriger.“

Seit Juli bietet Ulrike Liedtke ehrenamtlich musikalische Früherziehung und Musikunterricht für Flüchtlingskinder an. Mal kamen 16 Kinder, mal nur fünf. Über die Herkunftsgeschichten der Kinder, über die Gräuel, die sie möglicherweise erlebt haben, weiß die Frau nichts – schließlich kann sie sich auch mit den Eltern wegen der noch fehlenden Deutschkenntnisse nicht unterhalten. „Vielleicht ist das sogar gut, dass ich so wenig weiß“, sagt Ulrike Liedtke. Sie will mit den Kindern Musik machen, ihnen Ausdrucksmöglichkeiten geben, sie zum Hören einladen.

Herbstwetter im Tanzsaal

Herbstwetter im Tanzsaal: Imam mit dem Regenmacher.

Quelle: Peter Geisler

Ob dem achtjährigen Imam der Musikunterricht gefällt, ist anfangs schwer auszumachen. Mit unbewegtem Gesicht macht er alles nach, was Ulrike Liedtke oder sein drei Jahre älterer Bruder ihm zeigen. Manchmal möchte er lieber gar nicht mitmachen. Als die Leiterin ihm dann aber den großen Regenmacher in die Hand drückt, grinst er stolz. Das bunt bemalte Rohr, das Regengeräusche machen kann, ist fast so groß wie der schmächtige Imam. Das riesige Instrument gefällt ihm. Lächelnd wiegt er es hin und her, lauscht seinem Klang.

Ulrike Liedtke war zunächst überrascht, dass die Flüchtlingskinder kaum singen wollen. In der Kita „Hüttenzwerge“, wo sie ebenfalls ehrenamtlich musikalische Früherziehung anbietet, stimmen die Kinder sofort mit ein. Rheinsbergs Neuankömmlinge dagegen bleiben meist stumm, wenn Liedtke vorsingt. „Das ist ein ganz anderes Tonsystem,“ sagt sie. „Man singt ganz anders.“

Bewusst verzichtet die frühere Geschäftsführerin der Rheinsberger Musikakademie deshalb auf Lieder aus dem arabischen Raum. Sie singt die Lieder, die sie auch mit den „Hüttenzwergen“ in Zechlinerhütte singen würde. Lieder als Kulturbotschafter und Sprachlehrer. „Das ist pure Integration“, findet sie. Behutsam erarbeitet sie die Tonhöhen, die für die Kinder zunächst ganz ungewohnt klingen.

Rhythmisch sind sie fitter als deutsche Schulkinder

Musikbegeistert sind die Kinder, die zu Liedtke kommen, gleichwohl. Bei den Rhythmusspielen machen sie sofort mit. „Rhythmisch sind sie unheimlich fit – fitter als deutsche Schulkinder“, sagt die Lehrerin. Als sie vor Kurzem ein Marimbaphon mit in den Unterricht brachte, konnten einige Kinder sofort wiederholen, was sie in der Stunde zuvor gemacht hatten. Liedtke freute sich. „Da bleibt was hängen.“

Auch Imam und Radjab fällt das Mitsingen zunächst schwer. Radjab, der nach fünf Wochen in Rheinsberg schon ein bisschen Deutsch spricht und immer wieder für seinen kleineren Bruder erklären muss, stimmt bei „Wind, Wind, fröhlicher Gesell“ schließlich ganz leise mit ein. Doch viel lieber, so scheint es, improvisiert er auf dem Glockenspiel.

Mit ein wenig Verspätung kommen vier afghanische Mädchen in die Musikstunde. Auch sie sprechen kaum Deutsch. Ulrike Liedtkes Handzeichen für „laut“, „leise“ oder „alle zusammen“ verstehen jedoch auch sie. Radjab und Liedtke führen schließlich vor, wie man das Herbstwetter im Zimmer toben lassen kann. Am Ende des Musikparcours darf jedes Kind in eine Tröte pusten. Mal richtig laut sein – auch das tut gut.

Von Frauke Herweg

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Ostprignitz-Ruppin

Die olympischen Spiele werden künftig nicht mehr bei ARD und ZDF übertragen - eine gute Entscheidung?

57811e88-cc1d-11e5-9fb5-3858ea6ed044
Babys aus Oberhavel (6)

Babys aus Oberhavel, Januar/Februar 2016

MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg