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Ostprignitz-Ruppin „Wir sind gekommen, um beschützt zu werden“
Lokales Ostprignitz-Ruppin „Wir sind gekommen, um beschützt zu werden“
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00:30 23.03.2018
Die 42-jährige Tschetschenin (vorn l.) mit Hannes Püschel (h. l.) und Philipp Bieseke von der Opferperspektive in Brandenburg sowie Dolmetscherin Xenia Ilinskaya auf dem Wittstocker Marktplatz. Quelle: Björn Wagener
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Wittstock

Tschetschenen gerieten in den vergangenen Monaten immer wieder in den Fokus in Wittstock. Jedes Mal war Gewalt im Spiel. Polizei-Sprecher Toralf Reinhardt ging dabei vor allem auf eine achtköpfige Familie ein, die in Wittstock lebt. Sie bereite der Polizei immer wieder Probleme. Erstmals spricht jetzt die Mutter der Familie mit der MAZ über ihre Erfahrungen in Deutschland. Die Frau (42)* hat einen Mann; fünf Söhne (sechs, elf, 18, 19 und 21 Jahre alt) und eine 15-jährige Tochter. „Wir würden euch Deutsche ja in Ruhe lassen, wenn wir könnten“, sagt sie und zeichnet ein Bild voller menschlicher Tragödien in der Heimat. Das Interview kam mit Unterstützung der Opferperspektive Potsdam zustande.

Es gab im Oktober 2017 einen Vorfall auf dem Wittstocker Marktplatz. Damals wurde dort eine tschetschenische Hochzeit gefeiert. Ein Betrunkener, der dazu kam, sei geschlagen worden, hieß es. Wie kam es dazu?

Am 21. Oktober 2017 hat mein Sohn geheiratet. Ich hatte mir zuvor in der Stadtverwaltung eine Erlaubnis geholt, um auf dem Marktplatz feiern zu dürfen. Bei uns ist es üblich, dass wir bei der Feier rausgehen und Fotos machen. Wir trinken keinen Alkohol. Dann kam ein betrunkener Deutscher dazu. Er hat zweimal versucht, mit meiner Tochter eng zu tanzen und wurde von Deutschen zur Seite genommen und beruhigt. Trotzdem ist er ein drittes Mal zu meiner Tochter gekommen und hat angefangen, die Hose herunterzulassen. Da hat ihn einer meiner Söhne geschlagen. Einige Deutsche waren Zeugen, dass die Sache nicht von uns ausging.

20 Menschen drohten mit Messer, Pistole und Schlagring

Dann gab es Ende Januar eine weitere Situation, die einen Polizeieinsatz erforderte. Wie haben sie diese erlebt?

Es war 21 Uhr. Ich ging zur Treppe hinaus, um die Schuhe vor der Tür zu ordnen. Da hörte ich, wie an die Tür geschlagen wird. Jemand rief: ’Asylanten raus’. Als ich hinaus ging, waren da ungefähr 20 Menschen. Eine Frau mit roten Haaren hatte eine Pistole dabei; ein Mann einen Baseballschläger; ein dritter Mann ein Messer; ein vierter einen Schlagring. Sie fragten: „Wo sind deine Kinder?“ Ich sagte: ’zu Hause’. Sie meinten dann, dass meine Kinder Asylanten seien und ihre Kinder sich mit Asylanten geprügelt hätten. Sie wollten hinein. Ich sagte, ihr könnt hier nicht rein. Ich werde erst mal die Polizei rufen. Dann bin ich zurück in die Wohnung und habe meinem Mann gesagt, dass er die Polizei rufen und selbst nicht rausgehen soll. Nach etwa 20 Minuten war die Polizei da. Wir wollten die Situation gemeinsam klären. Auch mein Mann war dabei. Ich fragte dann: ’Warum geht ihr mit einer Pistole auf mich los? Was habe ich euch getan?’ Ein Mann hat mich daraufhin als Schlampe beleidigt. Ein anderer sagte, dass er sich mit meinem Mann prügeln wolle. Als sich die Köpfe beider nahe kamen, hat mein Mann ihm eine Kopfnuss gegeben. Dann schlug die Frau mit den roten Haaren zweimal meinen Mann. Ich wollte, dass das schnell beendet wird. Meine Kinder müssen eigentlich um 21 Uhr ins Bett. Ich habe gefragt: ’Warum seid ihr hier?’ Sie haben gesagt, dass wir nicht mehr in Wittstock leben sollen.

Zuvor soll es laut Polizei auf dem Marktplatz eine Schlägerei gegeben haben, die von Tschetschenen ausgegangen sei.

Damit haben wir nichts zu tun. In Wittstock gibt es drei oder vier tschetschenische Familien. Wir können nicht für alle sprechen, sondern nur für unsere Familie. Was uns betrifft, gab es nur die genannten zwei Konflikte – während der Hochzeit auf dem Marktplatz und vor unserer Haustür.

Kranke Tochter wird oft als Hure beleidigt

Wie erleben Sie Ihren Alltag in Wittstock?

Ich werde oft beleidigt und kann auch nicht in bestimmte Läden gehen. Wenn so etwas passiert, behalte ich das meist für mich und erzähle auch meiner Familie nicht immer davon. Meine kranke Tochter wird viel in der Schule beleidigt, zum Beispiel als Hure. Sie kommt oft weinend nach Hause. Bei uns ist es nicht üblich, Mädchen und Frauen so zu beleidigen. Einmal wurde meine Tochter die Treppe hinuntergestoßen und fiel in Ohnmacht. Sie musste drei Tage im Krankenhaus verbringen. Ein Mann mit einem Hund kam kürzlich auf meinen Sohn zu und meinte, seine Tochter habe ein Problem mit Asylanten. Sie sei von ihnen verprügelt worden. Das hatte aber nichts mit meinem Sohn zu tun. Der Mann hat trotzdem den Hund auf meinen Sohn gehetzt. Zum Glück kamen dann andere Menschen hinzu, sodass er den Hund zurückholte. Ich fürchte, so etwas kann sich jederzeit wiederholen. Einer meiner Söhne hatte einmal seinen Ausweis verloren und ein anderer Tschetschene hatte ihn offenbar gefunden und für krude Dinge benutzt. Als wir das herausfanden, wollten wir zur Polizei gehen, aber die andere Familie bat uns, die Sache unter uns zu regeln. Wir haben uns darauf eingelassen. Bei uns geht man nicht bei jeder Kleinigkeit zur Polizei.

Haben Mitglieder Ihrer Familie je Straftaten in Deutschland begangen?

Nein.

Wann kamen Sie nach Wittstock und warum?

Wir leben seit einem Jahr in Wittstock. Davor waren wir zwei Jahre in einem Heim in Wusterhausen, sollten auch eine Wohnung bekommen. Es gab aber einen Konflikt zwischen Tschetschenen und Einheimischen, bei dem mein Sohn involviert war. Deshalb wurde uns geraten, dass wir lieber in einen anderen Ort transferiert werden sollten. So kamen wir zunächst für zwei, drei Wochen nach Klosterheide und schließlich nach Wittstock.

Konnten Sie den Wohnort selbst bestimmen?

Wir wollten nicht nach Wittstock. Alle Tschetschenen sagten, dass Wittstock nicht gut sei, weil es dort viele Nazis gibt. In Klosterheide sagte man uns aber, dass wir am nächsten Tag nach Wittstock transferiert werden. Ich hatte Angst, weil ich nicht wieder Konflikte haben wollte. Aber es ließ sich nicht verhindern. Auch andere tschetschenische Familien erzählten, dass sie Angst haben und nicht rausgehen, wenn sie es nicht müssen. Einer Frau wurde von einem Radfahrer ihr Kopftuch abgerissen.

Wie wichtig ist Ihnen Ihr Kopftuch?

Ich will mit meinem Kopftuch nichts Böses. Es ist einfach für mich. Es tut niemandem etwas Schlechtes. Ich verurteile niemand anderen dafür, wie er gekleidet ist. Und ich möchte auch nicht dafür verurteilt werden.

Wovon leben Sie? Wie ist Ihre finanzielle Situation?

Wir bekommen Sozialgeld. Sobald ich arbeiten darf, möchte ich arbeiten. Mein Mann wartet auch auf die Arbeitserlaubnis. So lange unser Aufenthalt hier aber nicht gesichert ist, dürfen wir nicht arbeiten.

Wie ist Ihr Aufenthaltsstatus?

Das Asylverfahren läuft. Bis zur endgültigen Entscheidung, ob wir bleiben können oder abgeschoben werden, haben wir eine Aufenthaltsgestattung, die jeweils für sechs Monate verlängert wird.

Hatten Sie in Tschetschenien Arbeit?

Ich war Reinigungskraft, mein Mann Schweißer. Er hatte Probleme mit der Polizei. Wir haben in Tschetschenien drei Kriege. Mein Mann hat gegen Russland gekämpft – wie seine drei Brüder, die er dabei verlor. Danach wurde er von der Polizei verfolgt.

Haus angezündet – Mutter, Schwester und Kinder verbrannten

War das der Grund für Sie, das Land zu verlassen?

Ja, deshalb sind wir gegangen. Unser Haus wurde angezündet. Ich war zu dieser Zeit bei meinen Eltern. Mein Mann war auch nicht da. Aber seine Mutter, seine Schwester und deren drei Kinder verbrannten. Wir haben Dokumente, die beweisen, dass das passiert ist.

Wie verlief die Flucht?

Mein Mann ist schon früher mit unseren beiden ältesten Söhnen geflohen. Ich bin später nachgekommen. Dabei half mir ein Stück weit mein Bruder. Als er nach Hause zurückkehrte, wurde er erschossen (sie weint). Immer wenn ich daran denke, tut es mir weh. Mir fällt es schwer, darüber zu reden. Uns war es egal, wohin. Hauptsache weg. Wir haben ein Jahr in Polen gelebt und gearbeitet. Aber dann kamen Tschetschenen, die uns verfolgten. Sie haben meinen Mann und einen meiner Söhne mitgenommen und sie drei Tage lang an einem Ort behalten. Ich wusste nicht, wo sie sind. Am dritten Tag ist mein Mann ohne meinen Sohn zurückgekommen. Als ich ihn fragte, wo unser Sohn ist, sagte er, die Tschetschenen würden ihn so lange festhalten, bis er – mein Mann – ein Dokument unterschreibt, in dem er sich verpflichtet, in Zukunft für Russland zu spionieren. Bei einem Telefonat mit den Kidnappern hörten wir, wie unser Sohn verprügelt wird. Uns war klar, wir müssen weg. Aber wir mussten zuerst unseren Sohn da rausholen, deshalb hat er das Dokument unterschrieben. Wenn er es nicht getan hätte, wäre mein Sohn jetzt tot.

Was halten Sie von den Deutschen? Wie fühlen sie sich hier?

Ich denke nichts Schlechtes über die Deutschen. Sie sind bei sich zu Hause. Ich finde es nur schade, dass wir hier nicht verstanden werden. Auch wenn wir beleidigt und angefeindet werden, kann ich nichts Generelles über die Deutschen sagen. Es gibt immer gute und schlechte Menschen. Ich bin sehr dankbar, dass wir hier aufgenommen wurden. Ich verstehe, dass sie uns nicht haben wollen. Wir sind gekommen, um beschützt zu werden. Es heißt immer, dass Deutschland ein zivilisiertes Land sei. Aber jetzt bin ich hier und habe auch Probleme. Wir kamen nicht wegen des Geldes her. Ich habe zu Hause gearbeitet und konnte meine Kinder versorgen. Aber dann geschah das mit meinen Verwandten und meinem Bruder. Jetzt habe ich nichts mehr dort. Ich würde die Deutschen auch in Ruhe lassen, wenn ich könnte. Aber ich habe auch eine kranke Tochter – und Angst, zurückzugehen. Ich habe nie um einen Cent gebeten oder auch nur einen Cent gestohlen. Ich nehme nur das, was mir das Amt gibt.

Würden Sie gern wieder zurück, wenn es die Situation zuließe?

Wir würden gern in unsere Heimat zurück. Nur jetzt ist es zu gefährlich – vor allem für meine Söhne. Sie würden vom Flugzeug aus gleich mitgenommen werden.

Was heißt das? Inhaftiert?

Nein, sie verschwinden einfach. Bei uns verschwinden jeden Tag junge Männer, 17, 18 Jahre alt. Ich habe Angst um meine Söhne und auch meine Tochter. Ich habe mein Leben ja schon gelebt.

Wie sieht Ihr Alltag in Wittstock aus?

Ich habe einen normalen Alltag wie andere Menschen auch, schicke meine Kinder zur Schule. Wir haben kein Auto. Ich komme oft zu Anett und Susanne (Anm. d. Red.: Anett Kromrei-Suwareh und Susanne Guhl vom Fachberatungsdienst Migrationssozialarbeit der Ruppiner Kliniken) in Wittstock. Ich erzähle meine Probleme. Sie finden Lösungen dafür. Wenn der Konflikt in der Stadt nicht wäre, wäre alles okay. Ich weiß gar nicht, wie er begonnen hat. Mein elfjähriger Sohn hatte zu Hause immer Angst, auf die Straße zu gehen. ’Mama, wir müssen die Tür abschließen’, sagte er. Auch wenn wir hier manchmal Angst haben, auf die Straße zu gehen, so wissen wir doch, dass es hier Gesetze gibt und man auch die Polizei rufen kann.

Haben Sie deutsche Freunde?

Ich habe russischsprachige und tschetschenische Freunde. Zu Deutschen habe ich keinen engen Kontakt. Sie verstehen mich schlecht – und ich sie. Ich möchte aber gern mit Deutschen mehr Kontakt haben und Freundschaften schließen.

Möchten Sie Deutsch lernen?

Ja, in Wusterhausen waren wir alle beim Deutschunterricht. Mein Mann kann schon gut deutsch schreiben und lesen. Meine Kinder sprechen auch Deutsch. Ich hinke ein wenig hinterher. Die hiesige Lehrerin meinte, aber, dass ich erst einsteigen sollte, wenn ein neuer Kurs beginnt, nicht mittendrin.

Wie sehen Sie Ihre Zukunft?

Ich möchte gern arbeiten und eigenes Geld verdienen. Ich bin es nicht gewohnt, vom Staat zu leben. In Tschetschenien darf man offiziell ab einem Alter von zehn Jahren arbeiten; ich selbst habe mit 16 Jahren zu arbeiten begonnen.

Möchten Sie in Wittstock bleiben?

Ja, denn jeder Umzug ist Stress für die Kinder, weil sie sich umstellen und anpassen müssen. Ich hoffe, dass sie viel lernen und ein gutes Leben führen können.

* Die Frau möchte aus Angst vor Verfolgung ihren Namen nicht gedruckt sehen. Er ist der Redaktion bekannt. Außerdem: Fragen zu laufenden Verfahren waren nicht erlaubt.

Von Björn Wagener

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