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Nach 50 Jahren vollzählig

Kyritz Nach 50 Jahren vollzählig

Wenn sich ehemalige Schüler der Kyritzer Berufsschule „Heinrich Mann“ nach fünf Jahrzehnten wiedersehen, haben sie sich natürlich viel zu erzählen. Mitunter ist die eine oder andere spannende Geschichte dabei. Jene von Heinz-Otto Seidenschnur, der Pfarrer in Berlin wurde, ist nur eine davon.

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Die ehemalige Klasse der Industriekaufleute mit ihrem Lehrer Burkhard Rehfeldt (2.v.l.).

Quelle: Renate Zunke

Kyritz. Erstes Treffen nach 50 Jahren – und die Klasse war vollzählig. Nicht einer der ehemaligen Schüler der Allgemeinen Berufsschule „Heinrich Mann“ in Kyritz hatte auf dieses Wiedersehen verzichtet, auch wenn bei manchem der Anreiseweg etwas länger war. Sie alle, 14 Frauen und zwei Männer, begannen am 1. September 1966 mit der zweieinhalbjährigen theoretischen Ausbildung zum Industriekaufmann. Den Praxisteil absolvierten sie in unterschiedlichen Betrieben.

Als man sich nun nach so langer Zeit am vergangenen Donnerstag, wieder einem 1. September, in dieser Runde traf, war das „Hallo“ groß: „Na, wer bin ich? Erkennst du mich nicht mehr?“, hieß es immer wieder im Wusterhausener Mühlenhof beim Ehemaligentreffen. Das war in der einstigen Berufsschule in der Kyritzer Schulstraße nicht mehr möglich. Das Gebäude, bis kurz nach der Wende noch Berufsschule, steht leer.

„Wir hatten ganz schön Schwierigkeiten, uns wiederzuerkennen“, stellte Ingrid Kirchner fest, die einst Drzymalla hieß und aus Sechzehneichen kam. Sie und Rosemarie Bosdorf, geborene Zoch, die einst in Joachimshof zu Hause war, hatten das Treffen organisiert. Beide Frauen absolvierten ihre Lehre seinerzeit im Kreisbetrieb für Landtechnik in der Kyritzer Seestraße und waren dort bis zur Wende Kolleginnen. Denn dass jeder Lehrling in seinem Ausbildungsbetrieb dann auch einen Arbeitsplatz erhielt, das war zu DDR-Zeiten die Regel. Die Frauen und Männer, die am 1. September 1966 mit der Ausbildung begannen, hatten zum Beispiel Lehrverträge mit der Molkereigenossenschaft, dem VEB Kraftverkehr, der PGH Frieden, der Stärkefabrik, dem VEB Elektroanlagenbau, dem VEB Nahrungsmittelbetrieb in Kyritz abgeschlossen.

Aus der Stärkefabrik in die Berliner Gethsemanekirche

Nicht alle waren so wie Rosemarie Bosdorf und Ingrid Kirchner ununterbrochen bis zur Wende in ihrer ehemaligen Ausbildungsstätte tätig. So blieb Heinz-Otto Seidenschnur nach der Lehre nur noch ein halbes Jahr in der Kyritzer Stärkefabrik. Für ihn stand immer fest, dass er Pfarrer werden wollte. Da er den Wehrdienst verweigerte, war er als Beschäftigter in der Verwaltung der Stärkefabrik ohnehin nicht gern gesehen. In Berlin studierte er dann Theologie, nachdem er auf der Abendschule das Abitur erworben hatte. Seine letzte Pfarrstelle vor der Rente war im Prenzlauer Berg. In der Gethsemanekirche predigte er viele Jahre, auch heute noch. Im Kreis der Bürgerbewegung arbeitete er mit dem oppositionellen Pfarrer Rainer Eppelmann zusammen. Dass er einst den Beruf des Industriekaufmanns erlernte, wäre gar nicht so schlecht gewesen, meint Heinz-Otto Seidenschnur. Immerhin habe er sich auch als Pfarrer um wirtschaftliche Belange kümmern müssen.

Auch Christine Rösicke, geborene Scholz aus Berlitt, die in der Kyritzer Molkerei lernte, dann Ökonomie studierte, hielt es nicht in der Heimat. Sie ging nach Leipzig und arbeitete in einem Werk, das Druckmaschinen herstellte. „Wer so lange in Leipzig gewohnt hat, kommt nicht mehr zurück“, sagt sie. „Leipzig ist eine tolle Stadt.“

In der Wendezeit mussten sich viele neu orientieren

In der Wendezeit mussten sich viele neu orientieren, weil ihre Betriebe abgewickelt wurden. Dazu gehört auch Heidi Lange, geborene Büttner aus Grabow. Sie lernte seinerzeit in der Kyritzer PGH Frieden und ging 1974 nach Wittstock, um im Obertrikotagen-Werk zu arbeiten. 20 Jahre war sie dort in der Verwaltung beschäftigt, zuletzt als Lagerleiterin. Als der Betrieb in die Insolvenz ging, schulte sie um zur Hauswirtschafterin und arbeitete auf dem Gut in Tornow, wo sie sich um die Ferienwohnungen kümmerte. Nach weiteren anderen Arbeitsplätzen ging sie mit 60 Jahren in Rente und wohnt jetzt wieder in ihrem Heimatort Grabow.

Die Ehemaligen konnten in ihrer Mitte auch die einstigen Lehrer der Berufsschule, Burkhard Rehfeldt und Karla Baatz, begrüßen. „Herr Rehfeldt war unser Lieblingslehrer. Wir haben nicht Rechnungswesen gelernt – nein wir haben für Herrn Rehfeldt gelernt“, stellte Ingrid Kirchner fest. Der jetzt 90-Jährige hatte viele Bilder aus der Zeit seiner Lehrertätigkeit an der Kyritzer Berufsschule mitgebracht, an der er seit 1953 unterrichtete. „Ich habe wohl so um die 10000 Schüler kommen und gehen sehen und kann mich unmöglich an jeden Einzelnen erinnern“, sagte Burkhard Rehfeldt. Trotzdem freute er sich sehr über das Treffen. Karla Baatz, Jahrgang 1948, war einst selbst Schülerin der Stenografie-Klasse in der Berufsschule, arbeitete dort später als Sekretärin und qualifizierte sich zur Berufsschullehrerin für Schreibtechnik. Zuletzt war sie am Oberstufenzentrum Neuruppin tätig.

Von Renate Zunke

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