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Nach der großen Funkstille

Telekom arbeitet noch an Schadensstelle in Neuruppin Nach der großen Funkstille

Nach einem Tag ohne Telefon und Internet ist in Neuruppin am Mittwoch wieder Normalität eingekehrt. In Geschäften und Büros war Entspannung zu spüren; Monteure arbeiteten unterdessen noch immer an der Kabeltrasse. Die Leitung in der Karl-Marx-Straße war am Montagvormittag bei Bauarbeiten zerstört worden.

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Eine Hauptleitung der Telekom wurde am Dienstag bei Bauarbeiten in der Neuruppiner Karl-Marx-Straße beschädigt.

Quelle: Henry Mundt

Neuruppin. 15 Stunden lang herrschte Funkstille im Ruppiner Land – dann hatte die Telekom ihr Kabelproblem in den Griff bekommen. Ab 1 Uhr nachts funktionierten am Mittwoch viele Telefone und Internetverbindungen wieder.

Weil Bauarbeiter bei einer Spülbohrung an der Neuruppiner Karl-Marx-Straße eine Kabeltrasse der Deutschen Telekom beschädigt hatten, waren Tausende Telefonanschlüsse ab Dienstagvormittag nicht erreichbar. An vielen Stellen brachen die Datenverbindungen zusammen – am heimischen Computer, in Geschäften, Banken, Verwaltungen und Betrieben. Wer beim Fernsehen kabelabhängig war, konnte keine Sender empfangen. Viele Einkäufe mussten storniert werden, weil Kartenzahlungen nicht möglich waren.

Noch am späten Donnerstagnachmittag waren Experten in Neuruppin damit beschäftigt, ein neues Datenkabel zu verlegen.

Quelle: Henry Mundt

„Ich hatte mich gewundert, dass die EC-Karten meiner Kunden nicht funktionierten. Erst dachte ich noch, es könnte am Terminalbetreiber liegen“, sagt Carola Friedrich, die seit vielen Jahren das „Miederstübchen“ in der Neuruppiner Bilderbogenpassage betreibt. Durch den Kabelschaden habe sie am Dienstag „viele Hudeleien“ und Umsatzeinbußen von 450 Euro gehabt. „Das ist schon schlimm: Heutzutage ist fast alles von der Technik abhängig. Ein Problem – und die ganze Stadt steht still“, sagt die Geschäftsfrau.

Bei Mandy Schwichtenberg ging im Handyladen nichts mehr.

Quelle: Katharina Kastner

„Wir waren plötzlich arbeitsunfähig“, sagt Mandy Schwichtenberg. Sie berät bei Brand-Phone in der Neuruppiner Karl-Marx-Straße über Mobilfunkgeräte und -verträge. „Viele wollten wissen: Ist das Handy kaputt oder der Anschluss gestört?“ Am Nachmittag ging nichts mehr, denn „bei uns im Laden läuft alles online“, sagt die Telekommunikationsfachfrau.

Ähnliche Probleme hatten auch die Banken, die ihre Kunden wieder wegschicken mussten, weil keine Buchungen und Überweisungen mehr möglich waren. Sämtliche Geldinstitute in Neuruppin, Rheinsberg, Lindow und Fehrbellin schlossen nachmittags ihre Türen. Geldautomaten funktionierten nicht. Auch in den meisten Discountern haben Geldkarten nichts genützt: Dort konnten die Waren am Dienstag nur bar bezahlt werden.

Der Kabelschaden sorgte in der Parfümerie von Janet de Vries für enttäuschte Kunden.

Quelle: Katharina Kastner

„Die Einschränkungen waren für viele gravierend“, sagt Janet de Vries. Die Inhaberin mehrerer Parfümerien in Neuruppin und Berlin hatte festgestellt, dass einige Kunden enttäuscht den Laden verließen. „Manche waren sogar richtig erbost – dabei waren wir doch nicht die Bösen, sondern auch Leidtragende“, sagt Janet de Vries.

„Das Problem hatte sich offenbar schnell herumgesprochen“, sagt Anke Nohr. Die Leiterin der ADAC-Geschäftsstelle in Neuruppin war froh, dass sich der Kundenandrang am Dienstag in Grenzen hielt. Von denen, die einen Urlaub buchen wollten, hatte sie kurzerhand die Reisewünsche notiert und dann gestern bearbeitet. Sie zeigt auf den Stapel, den sie noch erledigen muss.

Wer bei Astrid Weick nicht bar bezahlen konnte, durfte einen Pfand hinterlegen.

Quelle: Katharina Kastner

Bei der Versorgung von Patienten war es am Dienstag offenbar nicht zu Problemen gekommen. Die Apotheken hatten andere Lösungen gefunden, um Arzneimittel zu ordern. „Normalerweise werden die Medikamente mehrmals täglich online bestellt“, sagt Astrid Weick, die Inhaberin der Neuruppiner Zieten-Apotheke. Aber am Dienstag musste sie alle Posten mündlich durchgeben – über ihr privates Vodafone-Handy. „Es hat alles funktioniert, es war nur komplizierter als sonst.“ Wer bei Astrid Weick nicht bar bezahlen konnte, durfte ein Pfand hinterlegen und die Medikamente mitnehmen.

Einen Tag nach dem Telekom-Ausfall, der mehrere 10000 Menschen betraf, hatte sich das Chaos im Ruppiner Land gelegt. Die Entspannung war überall zu spüren. Während die Leute in den Geschäften und Büros gestern morgen erleichtert waren, dass die Leitungen wieder stehen, arbeitete noch immer ein Dutzend Monteure an der Schadensstelle in der Nähe des Bahnhofs Rheinsberger Tor.

„Unsere Leute haben in der Nacht ein Provisorium gebaut, damit bis morgens zum Beginn des Geschäftsverkehrs die Leitungen wieder stehen“, sagt der Telekom-Sprecher Georg von Wagner. Ein Großteil der Störung konnte bereits nach Mitternacht behoben werden.

Interview: Wir sind abhängig von Elektronik

Claus Lewerentz ist Leiter des Informations-, Kommunikations- und Medienzentrums der Universität Cottbus-Senftenberg.  

MAZ: Wie anfällig sind wir heute durch Zusammenbrüche von Kommunikationsverbindungen?
Claus Lewerentz: Es besteht eine hohe Abhängigkeit. Werden zentrale Knotenpunkte gekappt, fallen gleich ganze Systeme aus.

Inwiefern?
Lewerentz: Wir hängen massiv von elektronischen Geräten ab, die miteinander vernetzt sind. Beispielweise Infrastrukturen wie Flug- und Eisenbahnverbindungen sind massiv computergesteuert. Die meisten Funktionen werden aber nicht von den einzelnen Rechnern gelenkt, sondern von Computernetzwerken. Wenn dort wichtige Verbindungen ausfallen, ist das ganze System lahmgelegt.

Gibt es keinen Ersatz?
Lewerentz: Grundsätzlich ist das Internet ein Netz mit Ersatzwegen für den Fall, dass einer ausfällt. Da bricht nicht gleich alles zusammen. Aber ähnlich wie beim Straßenverkehr kann die Unterbrechung einer wichtigen Hauptverbindung den ganzen Verkehr in einer Stadt lahm legen.

Wie sieht es mit Polizei und medizinischer Versorgung aus?
Lewerentz: Kritische Dienste wie Polizei oder medizinische Notfallversorgung haben separate Kommunikationssysteme. Firmen, Behörden und der Bürger hängen aber erst einmal in der Luft.

Wie hoch sind die Schäden?
Lewerentz: Das hängt von der Dauer ab. Es gab Fälle, in denen Firmen bei längeren Blackouts in den Ruin getrieben wurden.

Interview: Gerald Dietz

Aber noch sind die Probleme längst nicht gelöst: Gestern sind die Arbeiter in einen Revi sionsschacht an der Karl-Marx-/Ecke Virchowstraße hinabgestiegen, um vor dort aus neue Kupferkabel Richtung Schadensstelle zu verlegen. Anschließend müssen die neuen und bestehenden Kupfer adern und Glasfaserkabel zusammengeschweißt werden. „Sobald das erledigt ist, können wir das Provisorium wieder zurückbauen“, sagt Georg von Wagner. Er geht davon aus, dass die Arbeiten heute abgeschlossen werden. „Dann werden auch die letzten Anschlüsse wieder funktionieren“, versichert der Telekomsprecher aus Berlin.

Von Katharina Kastner

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Tausende im Ruppiner Land ohne Telefon und Internet

Geschlossene Banken, Chaos an Kassen und Tankstellen: Im Ruppiner Land herrschte am Dienstag Ausnahmezustand. Der Grund: Eine Leitung der Deutschen Telekom war bei Bauarbeiten beschädigt worden. Mittlerweile ist ein Provisorium eingerichtet, bis Donnerstagfrüh sollen die letzten Störungen behoben sein.

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