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Neuanfang nach Glücksspielsucht

Neuruppin Neuanfang nach Glücksspielsucht

Jeden Monat 500 Euro zu verlieren sind für einen Spielsüchtigen nichts Besonderes. Nach Jahren der Glücksspielsucht versucht ein junger Neuruppiner den Neuanfang. Und das ist schwer, denn alle Situationen, in denen er mit Geld in Kontakt kommt, sind potenziell gefährlich.

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Verführerisch: Für Menschen mit hoher Risikobereitschaft ist Glücksspiel besonders attraktiv.

Quelle: Peter Geisler

Neuruppin. Michael Stein (Name von der Redaktion geändert) hat zehn Euro in der Tasche, als er das erste Mal ins Spielcasino geht. Der 20-Jährige fühlt sich traurig und leer an diesem Abend. Seine Beziehung ist gerade zerbrochen. Er hat Angst, seine Tochter nie wieder zu sehen.

Mit 360 Euro kehrt Stein nach Hause zurück. Er ist euphorisch, glücksdurchflutet. „Ganz plötzlich hatte ich das Gefühl, dass mein Leben wieder schön werden könnte“, erinnert er sich. Alles scheint ihm plötzlich möglich. Das schlaksige, junge Mann wird diesen Moment von da an immer wieder durchleben wollen.

Er will nur noch sein Geld wieder kriegen

Zwei Wochen später fühlt Stein sich wieder „so doof, so traurig“. Auch wenn er an diesem Abend nichts gewinnt, geht er von da an immer öfter in die Spielhalle. „Ich habe kein Ende mehr gefunden.“ Stein verliert Geld und geht ins Casino, um seine Verluste wieder einzuspielen. „Mir ging es nur noch darum, mein Geld wieder zu kriegen.“ Seine Tochter, seine Wohnung – alles wird egal.

Als sich die Schulden häufen, beginnt Stein, Lügen zu erfinden. Rohrbruch in der Wohnung, Verlust des Portemonnaies – Stein täuscht persönliche Nöte vor, um seinen Arbeitgeber, seine Freunde, seine Familie anzuschnorren. „Ich war sehr kreativ“, sagt er. Stein arbeitet nebenbei schwarz, kündigt seinen Bausparvertrag, um irgendwie flüssig zu werden. Im Internet nimmt der Neuruppiner Kredite auf. Etwa fünf Jahre hält er dieses System durch. Dann sagt ihm seine Mutter ins Gesicht: „Du hast ein Suchtproblem.“ Stein bricht zusammen und ist zugleich erleichtert. „Endlich hatte mich jemand erwischt.“

Die Hausärztin weist ihn ins Krankenhaus ein

Stein hat sich zu diesem Zeitpunkt längst in sich zurückgezogen. Freundschaften, selbst die Beziehung zu seinem Bruder, haben sich in den vergangenen Jahren aufgelöst. Die Hausärztin, an die sich Stein im Juli 2016 in seiner Verzweiflung wendet, erkennt seine Nöte sofort. Sie weist ihn in die Ruppiner Kliniken ein. „Sie werden heute nicht mehr nach Hause gehen“, erklärt sie Stein damals.

Für den jungen Mann ist die resolute Entscheidung unendlich hilfreich. Zwei Wochen bleibt er auf der Entzugsstation, später geht er in die Reha, in ein Adoptionshaus, in ein Betreutes Wohnen. „Ich stand plötzlich auf Null“, sagt Stein. „Ich musste mich völlig neu sortieren.“

Kleingeld in der Hand zu haben ist eine Herausforderung

Alle Situationen, in denen Stein mit Geld in Kontakt kommt, sind potenziell gefährlich. Vermeintlich Selbstverständliches – Kleingeld in der Hand zu haben – ist für ihn eine Herausforderung. Jahre lang hatte er Münzen in Spielautomaten gesteckt. Allein sie in der Hand zu haben, weckt Erinnerungen, die Stein kaum betäuben kann.

Auch Einkäufe im Supermarkt – für andere Menschen alltäglich – sind für ihn eine Belastung. In einem Einkaufstraining muss er mühselig einüben, wie er sich Geld richtig einteilt und sinnlose Käufe vermeidet. „Ich muss lernen, für mich selbst zu sorgen.“

An Gaststätten geht er schnell vorbei

Stein versucht Situationen zu vermeiden, die „Spieldruck“ – so nennt er es – machen könnten. Er geht nicht in Kneipen, er meidet das Internet, er hat meistens kein Geld dabei – damit er es gar nicht erst für Glückspiel ausgeben kann. Manchmal muss er extra schnell an Gaststätten mit Spielautomaten vorbei gehen, um gar nicht erst in Versuchung zu kommen. Seine Freundin kennt das schon.

Die Beziehung zu seinem Bruder hat er wieder kitten können. Von seiner Tochter bekommt er immerhin regelmäßig Fotos. Er würde sie gerne sehen, doch er weiß nicht, ob er bereits stabil genug dafür ist. „Ich kümmere mich jetzt erst mal um mich“, sagt er. Sein größter Wunsch: „Wieder so sein, wie ich mit 19 einmal war.“

Hoffen auf ein Leben mit Familie, Wohnung und Job

Stein hofft auf ein „ganz normales Leben“ mit Familie, Wohnung und Job. Derzeit ist er auf Wohnungssuche. Einmal die Woche geht er zu einer Gesprächsrunde von Spielsüchtigen. Mit ihnen zu überlegen, was in der vergangenen Woche vielleicht ganz gut gelaufen ist, ist wichtig für ihn. Er braucht Bestätigung. „Der Dienstag ist mein kleiner Aufwachmoment.“

Seit Kurzem ist auch Stephan Strauß (Name von der Redaktion geändert) bei diesen Gesprächsrunden dabei. Anders als Michael Stein glitt er nach und nach in die ­Spielsucht ab. Mit 13, 14 Jahren war der frühere Berliner viel in Shisha-Bars unterwegs gewesen. Wie andere Jugendliche auch verspielte an den Automaten kleine Einsätze. Erst als er die Schule schmeißt und immer mehr zu trinken beginnt, werden auch die Automaten ein Problem. Das Glückspiel gibt Strauß das, was ihm meisten fehlt – Bestätigung.

Adrenalin beim Gerüstbau

Als ihm sein Opa einen Job im Gerüstbau besorgt, geht es ihm besser. „Ich hatte dieses Adrenalin durch die Höhe“, sagt er. „Für einige Monate habe ich aufgehört zu spielen.“ Erst als der Alkohol und die anderen Drogen sein Leben wieder regieren, beginnt er wieder zu zocken. Manchmal ist er so abgebrannt, dass er nichts mehr zu essen hat. „Irgendwann ging nichts mehr.“

Nach einer Reha hat der austrainierte Mittzwanziger sein Leben wieder in Griff bekommen. Er absolviert eine Lehre in der Gastronomie. „Ich habe meinen Alltag, meinen Sport“, sagt er. „Schwierig wird es nur, wenn man mal längere Zeit keine Erfolgserlebnisse hat.“

Immer öfter, immer höhere Summen

Etwa 1,5 Prozent aller Deutschen zwischen 16 und 65 Jahren haben ein krankhaftes Spielverhalten – rein rechnerisch müsste es demnach im Landkreis Ostprignitz-Ruppin 1050 Betroffene geben, so die Integrierte Suchtberatung des Landkreises.

Männer sind deutlich häufiger von Glücksspielsucht betroffen als Frauen.

Für Menschen mit einer hohen Risikobereitschaft ist Glücksspiel besonders attraktiv – und gefährlich.

Etwa die Hälfte aller Deutschen gibt einmal im Monat Geld für Glücksspiel aus.

Anzeichen einer Glücksspielsucht sind etwa: Die Gedanken kreisen ständig um das Spiel. Die Spieler setzen immer größere Summen ein oder erhöhen die Spielfrequenz – sie spielen an mehreren Automaten gleichzeitig.

Seit etwa einem Jahr bietet die Inte­grierte Suchtberatung Ostprignitz-Ruppin in Neuruppin eine Gesprächsgruppe für pathologische Spielerinnen und Spieler an. Die Gruppe trifft sich jeden Dienstag unter der Leitung der Psychologin Lisa Jochens in den Räumen der Beratungsstelle in der Heinrich-Rau-Straße 30. Jochens bietet auch Einzelgespräche an.

Die Integrierte Suchtberatung vom Tannenhof Berlin-Brandenburg vermittelt Hilfesuchende auch an geeignete Kliniken oder ambulante Hilfsangebote.

In der Region kann auch die Lindower Salus-Klinik Spielsüchtigen weiterhelfen. Die Integrierte Suchtberatung ist unter 03391/688 50 75 oder suchtberatung.opr.@tannenhof zu erreichen.

In der Beratungsstelle der Suchthilfe Prignitz in der Wittenberger Röhlstraße 21 arbeiten seit einigen Jahren zwei ausgebildete Glücksspielberaterinnen. Sie werden am Mittwoch, 27. September, Ansprechpartner für Angehörige, Betroffene und interessierte Bürger sein.

Zusätzlich gibt es am Mittwoch, 27. September, ein besonderes Angebot. In der Zeit von 15 bis 17 Uhr und von 21 bis 23 Uhr werden die beiden Suchttherapeutinnen unter 03877/92 84 10 und 0173/2 18 82 61, am Telefon zuhören, beraten, Fragen beantworten und Informationen zum Thema Glücksspiel geben.

Weiterführende Informationen zum Thema Glücksspielsucht finden Sie unter: www.spielsucht-brandenburg.de; www.blsev.de

Von Frauke Herweg

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