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Neues Zuhause für Jugendliche

Ganz Neues Zuhause für Jugendliche

Die Stephanus-Stiftung Heilbrunn sammelt in Ganz Erfahrungen mit ihrer ersten Außen-Wohngruppe. In einem ehemaligen Mehrfamilienhaus leben Jugendliche, die eine intensive Betreuung benötigen. Der Großteil kommt aus dem Großstadtmilieu, hat bereits eine lange Heimkarriere hinter sich.

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Dieses Haus am Dorfplatz im Kyritzer Ortsteil Ganz ist das Zuhause einer Heilbrunner Wohngruppe geworden.

Quelle: Wolfgang Hörmann

Ganz. „Sie müssen klingeln.“ Der Junge ruft es vom Fahrrad herunter, ohne abzusteigen. Wozu auch? Dass er sein Rad im Zeitlupentempo bis dicht an den Zaun gelenkt hat, um den Besucher besser beäugen zu können, hat mit gesunder Neugier zu tun, sein Hinweis mit Höflichkeit. Genug gesehen. Mit festem Tritt in die Pedale, den helmgeschützten Kopf in den Nacken geworfen, folgt der Junior seinem Begleiter. Beide sind mit ihren Warnwesten bald nur noch gelbe Punkte.

Der Fremde hat gerade ein Stückchen Alltag im beschaulich-verschlafenen Ganz erlebt. Und er hat natürlich die Klingel gefunden. Am Dorfplatz Nr. 9 leben sechs Jugendliche unter dem Dach eines ehemaligen Mehrfamilienhauses. Es beherbergt seit 2013 eine intensiv betreute Wohngruppe von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit Lern- oder geistiger Behinderung und „herausforderndem Verhalten“. Die Gruppe nennt sich „Ganz und gar“. Ihre „Außenschläfer“ gehören zur Wohnstätte Heilbrunn der Stephanus-Stiftung. Daselbst gibt es eine zweite Gruppe.

Irena Prenzlow leitet seit sieben Jahren die Wohnstätte Heilbrunn der Stephanus-Stiftung

Irena Prenzlow leitet seit sieben Jahren die Wohnstätte Heilbrunn der Stephanus-Stiftung.

Quelle: Wolfgang Hörmann

Die 13- bis 22-Jährigen eint ihre „besonderen Problemlagen“. So umschreibt Irena Prenzlow, Leiterin der Einrichtung, die Lebenssituation ihrer Schützlinge. Erheblicher Mangel an Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl, Defizite im Sozialverhalten, deutliche Auffälligkeiten, geringe Sozialkompetenz – das sind Ergebnisse einer Spirale, deren Spitze jeder der jungen Menschen hier erreicht hat. Der Großteil kommt aus dem Großstadtmilieu, hat bereits eine lange Heimkarriere hinter sich und wenn nicht, dann fehlten ihm im Elternhaus Liebe, Zuneigung, Verständnis beim Aufwachsen. Irena Prenzlow spricht von „Deprivation“.

Wer jetzt in Ganz oder Heilbrunn zu Hause ist, gilt anderswo als unerwünscht. „Es sind Kinder in Not, seelisch verletzt, geistig-behindert, die sich selber so nicht wahrnehmen. Das verstörende, oft aggressive Verhalten ihren Nächsten gegenüber hat deren Ablehnung immer nur noch größer werden lassen. Wiederholte Versuche, sie in das ‚normale Alltagsgeschehen’ zu integrieren scheiterten regelmäßig“, sagt Irena Prenzlow. Die pädagogische Alltagspraxis ist mit ihrem Latein am Ende. Was tun mit Störern des Schullebens, Bedrohern von Autoritäten, unberechenbaren Jungspunden? Die Stephanus-Stiftung setzt auf intensive Betreuung. Zum Beispiel in Ganz. Zur Ruhe zu kommen, ihr Leben zu ordnen, sich an Strukturen zu gewöhnen – dafür ist das beschauliche Örtchen genau der richtige Platz.

Vor dem Einzug gab es eine Einwohnerversammlung

Natürlich muss es auch mit den Nachbarn klappen. Bevor die Wohngruppe hierher zog, gab es eine Einwohnerversammlung. Dort erläuterten die Heilbrunner ihr Projekt, antworteten auf alle Fragen, spürten schnell, dass es passt. „Die Ganzer nahmen uns auf. Wir waren ihnen willkommen. Ich bin unendlich dankbar dafür“, so die Heilbrunn-Chefin.

Der Umbau des alten Gebäudes konnte beginnen. Über zwei Etagen und auf 265 Quadratmetern Wohnfläche entstanden sechs Einzelzimmer, ein Wohn- und Gemeinschaftsraum, die Küche, zwei Bäder. Ausgebildete Heilerziehungspfleger und Erzieher beiderlei Geschlechts sind rund um die Uhr vor Ort. Zur Organisation des Alltags gehören der Besuch von Sonderschulen mit den Förderschwerpunkten Lern- und geistige Entwicklung zum Teil mit Einzelfallhilfe ebenso, wie Sport und Spiel in der Freizeit, gärtnern oder basteln in der kleinen Werkstatt.

Jugendliche pflegen öffentliche Flächen im Dorf

Ein Vertrag mit der Stadt Kyritz regelt, dass sich die Jugendlichen um die Pflege von öffentlichen Flächen im Dorf kümmern. Das machen sie nicht umsonst. Zur angestrebten Normalität im Zusammenleben gehört die Erkenntnis, dass Arbeit Genugtuung durch Erfolgserlebnisse bringen kann, Anerkennung schafft – und sich auch anderweitig lohnt. Hacken oder Blätterharken an frischer Luft bringen Geld ins Haus, von denen alle etwas haben sollen.

Beim diesjährigen traditionellen Jahresfest Ende August in Heilbrunn gab es auch Bilder zu sehen, die etwa bei einem Schweden-Urlaub, beim Hochseeangeln oder im Tropical-Island entstanden sind. Sie zeigen zumeist fröhliche junge Menschen, manchmal nachdenklich, nie ängstlich. Die Fotos erinnerten an Ausflüge ganz in Familie.

Selbstständigkeit ist das Ziel

„Ersatzfamilie, nein, das können und wollen wir nie sein“, widerspricht Irena Prenzlow oft kolportierten Vergleichen in der Öffentlichkeit. „Aber unsere Mitarbeiter sorgen dafür, dass die Bewohner wieder Zuneigung spüren, was ihnen wegen ewiger Vertrauens- und Beziehungsverluste lange bedrohlich erschien. Die Kollegen vermitteln auch, dass man sich gegenseitig helfen muss, und ehrlicher Umgang miteinander verlässlich für ein gedeihliches Zusammenleben ist.“

Für die Leiterin der Einrichtung ist das Ziel erreicht, wenn jeder ihrer Schützlinge perspektivisch selbstständig oder wieder in Familie leben kann. Dazu einen Platz in einer geschützten Werkstatt ausfüllen oder gar auf dem 1. Arbeitsmarkt ergattern – möglichst ganz und gar, das wär’s. Die Idee der Wohngruppen ist auf Zuwachs ausgerichtet.

Von Wolfgang Hörmann

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