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Neuruppin: Ein Davidstern in der Asche

Erinnerung an die Reichskristallnacht Neuruppin: Ein Davidstern in der Asche

Elf Jahre war Günter Frömer, als er in der Asche von Möbeln, die die SA im November 1938 aus den Wohnungen jüdischer Familien in Neuruppin geworfen und verbrannt hatte, einen kleinen Davidstern fand. Frömer versteckte seinen kostbaren Fund, verriet weder seinem Rektor noch seinen Eltern davon. Am Montag übergab er den Davidstern der MAZ. Wem er einst gehörte, ist unklar.

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Günter Frömer mit dem gefundenen Davidstern.

Quelle: Andreas Vogel

Neuruppin. Günter Frömer wunderte sich. Nach der sogenannten Jugendfilmstunde, bei der stets Propagandafilme der Nazis gezeigt wurden, war der elfjährige Neuruppiner mit seinen Klassenkameraden zur damaligen Knabenvolkshochschule gegangen. Doch der Lehrer schickte die verdutzten Jungen bereits nach 15 Minuten wieder nach Hause. „Er hat nur gesagt, dass schulfrei ist, aber keinen Grund genannt.“ Dass an diesem Tag, dem 10. November 1938, etwas Ungewöhnliche auch in Neuruppin geschah, das erlebte Frömer wenig später selbst.

In der Ludwig­straße, der heutigen August-Bebel-Straße, hörten die Jungen auf ihrem Nachhauseweg in Höhe des Tempelgartens ein ungewöhnliches Klirren und rannten neugierig dorthin. „Die SA hat da gestanden. Sie hat Möbel der jüdischen Familien Anker und Simon aus deren Wohnungen geschmissen und angezündet.“

Aus sicherer Entfernung schauten die Schüler eine Zeit lang zu und gingen dann nach Hause. Günter Frömer kam jedoch am Nachmittag wieder. Mit einem Stock durchwühlte er die Asche – und sah plötzlich etwas blitzen: einen kleinen, silbrigen Anhänger einer Halskette in Form eines Davidsterns. „Ich hab’ ihn in meinen Schuh gesteckt und zu Hause in meinen Safe getan.“ Der Safe, das war eine Streichholzschachtel. Die Hölzer verdeckten das Fundstück. Nicht mal seinen Eltern erzählte Frömer von dem Davidstern.

Am nächsten Tag kam der Rektor der Knabenschule in die Klasse von Frömer. „Er wollte wissen, wer sich was von den verbrannten Sachen der jüdischen Familien genommen hat.“ Frömer schwieg, auch seine Kumpel. Doch der Rektor ließ nicht locker und fragte in immer barscheren Ton nach. Schließlich meldete sich ein Junge – und erhielt einen Faustschlag mitten ins Gesicht. „Die Sachen von jüdischen Familien waren aus Sicht des Rektors unrein“, sagt Frömer.

Er behielt den gut zwei Zentimeter großen Davidstern dennoch. Allerdings geriet er bald in Vergessenheit. Frömer wurde nach dem Krieg Buchbinder und arbeitete zuletzt 24 Jahre als Lagerleiter von Minol in der Nähe des Neuruppiner Flugplatzes. Durch einen Zufall fiel dem inzwischen 88-Jährigen vor Kurzem die Streichholzschachtel in die Hände, in die er den Davidstern irgendwann hineingelegt hatte. Am Montag übergab der Neuruppiner das Symbol, das jahrhundertelang gleichermaßen von Muslimen, Christen und Juden als Talisman gegen Dämonen und Feuergefahr verwendet wurde, der MAZ. Wem der Anhänger einst gehört hat, das ist bis heute unklar.

Von Andreas Vogel

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