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Ostprignitz-Ruppin Eine neue Heimat in Neuruppin
Lokales Ostprignitz-Ruppin Eine neue Heimat in Neuruppin
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19:09 30.08.2018
Familie Azzam aus Syrien wohnt jetzt in Neuruppin. Quelle: Peter Geisler
Neuruppin

 „Wir schaffen das“ hat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) heute vor drei Jahren angesichts der Flüchtlingskrise verkündet, als Deutschland hunderttausende Flüchtlinge aufgenommen hat. Einer, der es geschafft hat, ist Maher Azzam aus Syrien. Der 44-Jährige war in Hamas, einer gut 300 000 Einwohner zählenden Stadt, die zwischen Aleppo und Damaskus liegt, gut 14 Jahre Englischlehrer; seine Frau kümmerte sich als Sekretärin in einer Kita um die Verwaltung und die Finanzen.

Die Kinder gehen in Neuruppin zur Schule

Doch als Maher Azzam vor drei Jahren vor dem Krieg floh, musste er seine Frau und seine vier Kinder, zwei Mädchen und zwei Jungen, in Syrien zurücklassen. Seit Dezember 2016 lebt die Familie nun schon in Neuruppin. Maher Azzam, der in Syrien auch Schulleiter war, arbeitet seit März 2016 als Berater und Übersetzer beim evangelischen Verein Esta Ruppin; die drei großen Kinder, Abdul (13), Rama (10) und Lana (7), gehen zur Schule, der dreieinhalbjährige Achmad kommt nächste Woche in den Kindergarten. Derzeit saust Achmad am liebsten mit seinem Laufrad durch die Wohnung oder spielt auf dem grünen Rasen hinter dem Haus in der Möhringstraße. Und natürlich nascht er, wie seine Schwestern, gern vom Gebäck, das seine Mutter gebacken hat.

Ein gefragter Mittler

Maher Azzam ist bei vielen Flüchtlingen in Ostprignitz-Ruppin als Mittler bekannt, wenn es Probleme gibt. Das war schon so, als er noch im Heim in Zechlinerhütte lebte und er auch mehr als 50-mal nach Neuruppin fuhr, um bei Übersetzungen zu helfen. Meist gehe es darum, wie man in Deutschland eine Arbeit und eine Wohnung finden könne, sagt er. Viele wollten aber auch wissen, wie und wo sie einen Deutschkurs belegen können. „Nicht jeder hat ein Recht auf so einen Kurs“, weiß Maher Azzam. Er hat zwar inzwischen seine Deutschkenntnisse durch seine Arbeit erheblich verbessern können, doch einen „richtigen“ Deutschkurs darf er nicht leiten.

Vielmehr ist er seit Anfang des Jahres bei Esta Ruppin für das Projekt „Facetten des Glaubens“ zuständig. Dieses soll zum einen Flüchtlinge beraten, die Hilfe benötigen. Zum anderen will der Verein auch mit Schülern und Lehrern reden, um dabei über das muslimische Leben und das Leben von Muslimen in Deutschland zu informieren.

Ein Raum zum Beten

Außerdem ist Maher Azzam vor Kurzem von Muslimen, die in der Region leben, zum Vorsitzenden eines in Gründung befindlichen Vereines gewählt werden, der in Neuruppin einen Raum zum Beten sucht. Der Raum ist inzwischen gefunden. Er entsteht im alten Rathaus in der Schinkelstraße. Gleich unter dem Dach soll der Gebetsraum für unterschiedliche Religionen eingerichtet werden sowie ein weiterer, in denen sich Interessierte einfach treffen und diskutieren können.

Muslime sollen zwar fünf Mal am Tag beten, doch der Hauptgebetstag in arabischen Ländern ist der Freitag. Er gilt als Feiertag, und da ein Tag zum Feiern nicht reicht, wird zumeist auch am Sonnabend nicht gearbeitet.

„Das sind alles nette Leute“

Über seine neue Heimat verliert Maher Azzam kein einziges schlechtes Wort. Auch Probleme hätten er und seine Familie in Neuruppin nicht, beteuert er. „Das sind alles sehr nette Leute, auch in unserer Straße, auch unsere Nachbarn.“ Maher Azzam erzählt, dass die Mädchen beim Zirkuscamp von Esta Ruppin mitmachen und Abdul, der ältere Sohn, Fußball beim MSV in Neuruppin spielt. „Die großen Kinder sprechen schon gut Deutsch.“

Seine Frau Faten lernt gerade Deutsch und hilft im sogenannten Begegnungscafé Nadi. Das Neuruppiner Café versteht sich als Angebot für Einheimische und Flüchtlinge, um beim gemeinsamen Essen sowie bei Musik und Tanz ins Gespräch zu kommen. Auch Maher Azzam hat zunächst im Café Nadi geholfen, bevor er seine feste Stelle beim Verein Esta Ruppin erhielt.

Schulz: Maher Azzam ist kein Einzelfall

Für Christiane Schulz, die Geschäftsführerin von Esta Ruppin, ist es normal, dass der Verein auch Flüchtlinge beschäftigt. „Geflüchtete sollten bei der Arbeit mit Flüchtlingen mittun.“ Zum einen, weil sie die Sprache vermitteln könnten, zum anderen, um ihr Wissen einzubringen.

An Maher Azzam schätzt Christian Schulz zudem, dass er ein „offener und reflektierter Mensch“ sei, der seinen Weg gefunden habe. Die Geschäftsführerin geht davon aus, dass das kein Einzelfall ist: Der Verein hat geholfen, dass eine junge Albanerin und ein junger tschetschenischer Mann eine berufsbegleitende Ausbildung zum Erzieher machen können.

470 Flüchtlinge haben in der Region einen Job gefunden

Aktuell leben 1570 geflüchtete Menschen im Landkreis Ostprignitz-Ruppin, davon erhalten 658 von ihnen Geld und Leistungen nach dem sogenannten Asylbewerberleistungsgesetz.

Die Zahl der Flüchtlinge im Landkreis steigt derzeit kaum noch: Zum einen, weil der Kreis die vom Land vorgegebene Orientierungsquote bereits im vergangenen Jahr erfüllt hat; zum anderen, weil es nach Schließen der sogenannten Balkan-Route kaum noch Flüchtlinge bis nach Deutschland schaffen.

Das Gros der Geflüchteten bleibt derzeit im Landkreis. Entscheidend für einen Wegzug sei stets, ob anderenorts Familienmitglieder leben und ob es außerhalb der Region eine günstige Wohnung und Aussicht auf Arbeit gibt.

Insgesamt leben derzeit 4031 ausländische Personen in Ostprignitz-Ruppin, dazu gehören auch Menschen aus EU-Ländern wie Polen, Rumänen und Spanier.

Im Bereich der Neuruppiner Arbeitsagentur, dazu gehören Prignitz, Ostprignitz-Ruppin, das Havelland und Oberhavel, haben innerhalb eines Jahren 470 geflüchtete Menschen einen festen Job gefunden, heißt es von der Arbeitsagentur. av

Von Andreas Vogel

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