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Neuruppin: Jens Kanitz’ Spiegelbilder der Seele

Künstler und Kunsttherapeut Neuruppin: Jens Kanitz’ Spiegelbilder der Seele

Er entstammt einer alten Familie von Förstern: Was liegt also näher, als der Umgang mit Holz? Jens Kanitz sägt es, schleift es, bemalt es, brennt es. Seine Skulpturen stehen in Neuruppin – aber auch anderswo. Inspiriert wird sein Schaffen indes nicht ausschließlich von der Natur, sondern auch von seiner Arbeit als Kunsttherapeut.

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Feuer als Finish. Jens Kanitz bei der Arbeit. Die Flammen verändern noch einmal die Oberfläche.

Quelle: Regine Buddeke

Neuruppin. Die hölzerne Schöne glüht heiß – wie wild flatterndes Haar züngeln die Flammen um Kopf und Schultern. „Die Feuertaufe des Holzes“, sagt Jens Kanitz. Das Brandfinish, das der Figur den letzten Schliff gibt. Auch wenn am Ende mit Wasser gelöscht wird – sonst bliebe von der Holzfigur nicht mehr viel übrig, nachdem der Bildhauer mit seinem Brenner am Werk war. „Andere nehmen dafür den Stechbeitel oder die Flex“, sagt er. Für ihn ist es das Feuer, was der Skulptur am Ende des bildhauerischen Prozesses die Patina gibt. „Eine Art Reduktion, wie eine Umkehr der Photosynthese“, sagt er. Denn Holz ist für Jens Kanitz nicht nur irgendein Werkstoff.

Der 46-Jährige war, bevor er sein Studium als Kunsttherapeut begann, Forstwirt – gelernt hat er den Beruf in Kunsterspring. Nicht ganz von ungefähr, denn schon sein Urgroßvater und der Großvater waren Förster. „Das Holz liegt mir im Blut“, sagt er. Oft stelle er sich bei der Arbeit vor, dass er da gerade einen Baum bearbeite, den einst sein Großvater gepflanzt hat. Das schafft Respekt vor dem Material – ein Baum braucht lange, um so groß zu werden, dass eine Figur aus ihm entstehen kann. „Ich habe in Kunsterspring damals viele Bäume aufgeforstet“, sagt der gebürtige Neuruppiner, der in Rheinsberg aufwuchs. „Das erlaubt es mir auch, dann und wann einen Baum für meine Kunst zu verwenden.“ Im Juni etwa – da wird er beim 16. Kunstsymposium des Naturparks Stechlin-Ruppiner Land wieder dabei sein, nach 15-jähriger Pause. Ein Thema für die Holzskulptur hat er schon: „Eine Quellennymphe aus einer Drei-Meter-Eiche – das passt zu Wasser und Region. Da arbeite ich gern mal wieder figürlich.“

Skizzen sind die Grundlage für alle Skulpturen

Skizzen sind die Grundlage für alle Skulpturen.

Quelle: Regine Buddeke

Jens Kanitz ist aber nicht nur Holzbildhauer. Schon als Zwölfjähriger hatte er sein eigenes Fotoatelier. Und er zeichnete viel. „Als ich 14, 15 war, habe ich viel in der Natur skizziert. Wie bewegt man den Bleistift am besten, um die Anmutung eines Waldes zu erreichen, ohne jeden Baum einzeln zu zeichnen – das hat mich beschäftigt“, erinnert er sich. Auch nach dem Studium – 1994 schloss er mit dem Diplom ab – füllten sich seine Skizzenbücher. „Die kommen mir jetzt zugute“, sagt er. „Was ich damals gesammelt habe, inspiriert heute meine Kunst noch mehr als damals.“

Zwei Jahre schuf er in Netzeband Skulpturen im Gutspark – die Installation hieß „Transfloration“. „Jürgen Heidenreich mit seiner Zigarre und ‚Milchwald‘-Plänen im Kopf. Und ich mit meiner Pfeife am offenen Feuer“, denkt er zurück. Auch eine Galerie hatte er in Netzeband – schon damals experimentierte er mit Feuer als Gestaltungsmittel. Auch wenn sich sein übriger Arbeitsstil über die Jahre verändert hat. Jens Kanitz hat Bronzen geschaffen – zwei stehen auf dem Gelände der Ruppiner Kliniken. Er arbeitet gern abstrakt – nahezu alle Neuruppiner kennen seine „Axis mundi“ vor dem Amtsgericht in Neuruppin. „Dass die jetzt nach über zehn Jahren noch steht, wundert mich selbst“, sagt er. Obschon er natürlich experimentiert, wie man Holz so bearbeitet, dass der Zahn der Zeit seine Kunst nicht so schnell benagt. „Ich arbeite aber auch viel mit Farbe auf Flächen“, sagt er über seine Malerei.

Das uralte Herbarium inspiriert Kanitz – er arbeitet eigene Ideen ein

Das uralte Herbarium inspiriert Kanitz – er arbeitet eigene Ideen ein.

Quelle: Regine Buddeke

Nach seiner Zeit in Netzeband hatte er ein Atelier im Neuruppiner Flugzeughangar, später eines in der Heinrich-Rau-Straße – da war er sieben Jahre, bevor er sich sein Refugium bei Gildenhall erschuf. Da lässt er für gewöhnlich auch keine Gäste ein. „Es ist mein Atelier-Labor“, sagt er von der großen Halle mit ausreichend Platz dahinter – für Skulptur und deren Wirkung im Raum. Der Ort für Rückzug, Besinnung, Kontemplation und Inspiration ist für ihn wichtig: „Ich brauche mein Atelier, um gute therapeutische Arbeit machen zu können.“

Jens Kanitz arbeitet als Kunsttherapeut in der Erwachsenen-Psychiatrie der Ruppiner Kliniken. Eine Arbeit, die ihn gleichermaßen fordert und verändert. „Kunst und Kunsttherapie – beide Berufsfelder ergeben für mich ein Ganzes“, sagt er. Es sei alles andere als einfach: „Es sind gut 40 verschiedene Bilder pro Woche, über die wir in den Gruppen intensiv reden“, sagt er und ist erfreut-erstaunt, dass manche Patienten Jahre später noch Sätze zu ihm sagen wie: „Was Sie damals über mein Bild gesagt haben, das hat seither auf mein Leben abgefärbt.“ Es sei faszinierend, was der schöpferische Prozess aus den Menschen heraushole. Andersherum aber auch: Die Zeichnungen der Patienten – Spiegelbilder der Seele, so nennt er sie – erweitern auch Jens Kanitz‘ eigene Wahrnehmung. „Wir leben in einer Gesellschaft, wo es auf produktorientiertes Arbeiten ankommt“, sagt er. „Aber Kunst ist viel mehr. Sie setzt viel frei – ohne dass das Ergebnis im Vordergrund steht“, verficht er seine Theorie.

 Exotisch und ein wenig bizarr

Exotisch und ein wenig bizarr: das Relief der Ameisengöttin.

Quelle: Regine Buddeke

Er selber beschäftigt sich gerade mit Reliefs. Vor allem das Thema der Maat hat es ihm angetan: „Ein unglaublicher Kosmos, der mich stark berührt“, sagt er. Maat – das ist nicht nur die ägyptische Göttin mit der Feder auf dem Kopf – sondern gleichermaßen ein Lebensentwurf, der auf Prinzipien wie Wahrheit, Gerechtigkeit und moralischer Rechtschaffenheit basiert, nach dem sich Götter und Menschen zu richten hatten. Jens Kanitz hat etliche Holzreliefs dazu geschaffen – auch sieben „Stäbe“. Die hat er beim Tag der offenen Ateliers gezeigt. „Die Leute konnten sich ihren Favoriten aussuchen – ich habe sie dann damit fotografiert“, sagt er. Schon Osiris habe einen Krummstab getragen, bevor es viel später Hirten- oder Bischofsstäbe gab. Das Thema Barke, mit der Osiris tagtäglich den Weg vom Diesseits ins Jenseits nahm, gehört auch dazu – in Kanitz‘ Atelier steht neben den bunten Taucherfiguren auch ein Holzobjekt zum Spielen: Wie eine Stuhlpyramide sieht es aus, die weißen und schwarzen Barken lassen sich immer anders positionieren, wie bei einem Hölzchenspiel für Kinder.

Auch das Herbarium beschäftigt ihn weiter, das Teil seiner „Ruppin-Saga“ ist. Die über 100 Jahre alten Blätter fand er auf einem Dachboden – er hat sie konserviert und mit eigenen Ideen bereichert: gedruckt, gezeichnet, gemalt. Ein gutes Sinnbild von Jens Kanitz‘ Kunst. Das Vorhandene nehmen, wie es ist. Es verändern. Und sehen, wie es einen selbst verändert.

Von Regine Buddeke

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