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Neuruppin: Pfarrerin mit neuer Aufgabe

Arbeit in der Flüchtlingskirche Neuruppin: Pfarrerin mit neuer Aufgabe

Die Neuruppiner Esta-Geschäftsführerin Christiane Schulz ist seit dem 1. September auch für die mobile Flüchtlingsberatung im Kirchsprengel Potsdam zuständig. Eine Herausforderung, findet sie.

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Pfarrerin Christiane Schulz

Quelle: Frauke Herweg

Neuruppin. Vielleicht ist das Bespiel Zechlinerhütte ganz typisch. Als im August bekannt wurde, dass in dem ehemaligen „Hotel am See“ künftig Asylbewerber leben würden, waren die Ängste groß. Auf einer Einwohnerversammlung musste sich der Landrat über Stunden beschimpfen lassen. Inzwischen scheint sich der Alltag mit den neuen Nachbarn geregelt zu haben. Am heutigen Sonnabend soll es eine gemeinsame Adventsfeier geben – erst in der Dorfkirche, dann im Übergangswohnheim. Christiane Schulz wird dabei sein.

Seit dem 1. September hat die Geschäftsführerin des Vereins „Einsetzen statt Aussetzen“ (Esta) mit einer halben Stelle auch die mobile Flüchtlingsberatung im Kirchsprengel Potsdam übernommen. Die 54-Jährige berät im gesamten Norden der Landeskirche mit seinen acht Kirchenkreisen Ehrenamtliche, die sich in der Flüchtlingsarbeit engagieren. Sie organisiert Fortbildungen, nimmt an Podiumsdiskussionen teil und gibt Auskunft in Fragen der Asylgesetzgebung. Auch für das heikle Thema Kirchenasyl ist sie zuständig. Als vor kurzem eine Kirchengemeinde in Langerwisch (Potsdam-Mittelmark) überlegte, ob sie Flüchtlingen möglicherweise Asyl gewähren soll, fuhr sie dort hin.

In Zechlinerhütte gehörte Schulz zu den ersten, die sich engagierten. „Das geht nicht, dass sich das da zuspitzt“, sagte sie sich. Sie lud zu einem Treffen ein, bei dem etwa 20 Leute aus Zechlinerhütte und Luhme darüber berieten, wie mit der neuen Situation umzugehen sei. „Es braucht Begegnung“, sagt Schulz – gerade, wenn diffuse Ängste sich breitmachen.

Inzwischen ist Schulz erleichtert, dass der Alltag in Zechlinerhütte sich zu normalisieren scheint. „Wir konnten viele Sprachkurse ins Leben rufen“, sagt sie. „Der überwiegende Teil der Flüchtlinge hungert danach, Deutsch zu lernen.“

Man kann sich gut vorstellen, dass Schulz – kurze Haare, türkisfarbene Brille – auch in schwierigen Gesprächssituationen nicht um den heißen Brei redet. „Man muss klar sein“, sagt sie. Das soll auch heißen: Wer Angst vor dem vermeintlich Fremden hat, sollte sich auch Gedanken machen, warum ihn solche Ängste quälen. Mitunter sagen Ängste mehr über die eigene Person aus als über den anderen.

Dass die Kirche sich in der Flüchtlingsarbeit engagiert – für Schulz eine Selbstverständlichkeit. „Das ist eine Wesensaufgabe von Kirche“, sagt sie. „Auch Jesus musste mit seiner Familie aus machtpolitischen Gründen das Weite suchen.“ Im Oktober hatte die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz in den Räumen der Kreuzberger St.-Simeon-Kirche die Berliner Flüchtlingskirche eingerichtet. Mit ihrer halben Stelle ist die Neuruppiner Pfarrerin Teil des Flüchtlingskirchenteams. Als man sie im Kirchenkreis fragte, ob sie nicht Interesse an dieser Arbeit hätte, hatte Christiane Schulz nicht lange gezögert. „Es hat mich gereizt, mich auch über den Kirchenkreis hinaus einzusetzen.“

Rein flächenmäßig ist die Neuruppinerin für ein riesiges Territorium zuständig – von Belzig im Süden bis hoch an die mecklenburgische Landesgrenze. „Ein relativ großer Beritt“, sagt Schulz. Sie hat inzwischen Beratungen in Havelsee bei Brandenburg, in Falkensee oder in Langerwisch übernommen. Doch sie ist realistisch genug, um ihre Kräfte nicht zu überschätzen. Überall leisten Menschen engagierte Flüchtlingsarbeit. „Ich bin nur eine unter vielen“, sagt Schulz. „Meine Aufgabe ist es zu vernetzen und Ressourcen aufzuzeigen.“

Zwei der Fragen, auf die Schulz mit ihrer Arbeit Antworten liefern will: Wie gelingt Integration? Wie kann man Flüchtlinge so willkommen heißen, dass sie in einem Land mit schrumpfender Bevölkerung bleiben mögen? Natürlich kennt auch Schulz die katastrophalen Bilder von den Zuständen vor dem Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso). Doch anderswo gelängen das Willkommen und die Integration durchaus. „Auch bei uns im Landkreis gelingt es wunderbar“, sagt Schulz. „Es ist nicht überall Lageso.“

Schulz weiss, dass der Landkreis händeringend nach weiteren Unterkünften sucht. Und sie weiss, dass gerade in Rheinsberg der Ärger über ein vermeintlich fehlendes Unterbringungskonzept hochkochte. In einem Land, in dem die Unterbringung von Flüchtlingen an strengen Brandschutzvorschriften scheitern kann, würde sie sich mehr Mut wünschen. „Wir leben in einem hoch komplizierten, überregulierten Land“, sagt sie. „Warum nur machen wir es uns nur so schwer?“

Für das einstige Hotel „Am Birkenhain“ in Luhme, wo jetzt ebenfalls Flüchtlinge untergebracht sind, hätte sie etwa eine unkonventionelle Idee gehabt. Wäre es nach ihr gegangen, wäre die frühere Hotelsauna erhalten geblieben und Flüchtlinge hätten nach einer entsprechenden Ausbildung den Saunabetrieb am Laufen gehalten. Das, so findet Schulz, hätte gelebte Integration sein können – „auch wenn das jetzt vielleicht naiv klingen mag“.

Von Frauke Herweg

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